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Nobelpreisträger, keine Terroristen

Mitten hinein in die Salzburger Postkartenidylle gerieten die vier neuen Träger des alternativen Nobelpreises, um einen Dialog zwischen dem Norden und Süden auf gleicher Augenhöhe zu initiieren.

Selten, aber doch immer öfter hat man heute die Chance, so etwas wie Vernetzung, auch globale Vernetzung im Positiven zu erleben. Ganz besonders dicht erfuhr ich das wieder einmal als vor zwei Wochen Alfred Winter, der Leiter der Abteilung für kulturelle Sonderprojekte des Landes Salzburg, gemeinsam mit der "Leopold-Kohr-Akademie"die neuen Preisträger des Alternativen Nobelpreises so wie jedes Jahr nach Salzburg gebeten hat, um sie mit den Vertretern eigener kultureller Projekte zusammenzubringen.

Männer und Frauen aus aller Welt kamen, um sich über das auszutauschen, was sie in ihren Heimatländern tun und was ihnen - diesen anfangs belächelten und angefeindeten - inzwischen aber anerkannten Preis eingetragen hat. Jakob von Uexküll, der großgewachsene Stifter des Alternativen Nobelpreises mit dem blonden Pagenkopf war mitten unter ihnen wie ein stolzer Vater. Für mich war das eine Begegnung mit dem, was man die "Trotzdem-Hoffnung" nennen könnte. Hoffnung auf eine wirksam werdende Vernetzung der kreativen und konstruktiven Kräfte gegen den globalisierten Wahnsinn des Konsums im Sinne des herrschenden neoliberalen Kapitalismus.

Kugeln und Schnaps

Ort der Begegnung war heuer die Gemeinde Seeham im salzburgischen Flachgau, wo im Rahmen des Schatzkammer-Land-Salzburg-Projektes "Teufelsgraben" eine interessante und wichtige Initiative von Biobauern und Handwerkern unterstützt wird. Im Zentrum steht die Bemühung, den krisengeschüttelten bäuerlichen Betrieben mit Hilfe eines naturangepassten, organischen Wirtschaftens das Überleben zu sichern. Dabei geht es um Landschaftsschutz, Landschaftsgestaltung, sanften Tourismus und das Heben alter kultureller Schätze. Eine alte Kugelmühle und eine verfallene Kornmühle wurden hier restauriert. Früher gab es mehr als 500 Kugelmühlen im Land, die Millionen Marmorkugeln produzierten, welche weltweit für die Stabilisierung von Schiffsmasten verkauft wurden. Heute ist die Kugelmühle am Teufelsgrabenbach die einzige ihrer Art, in der die Rohlinge aus Adneter Marmor zu Kugeln geschliffen werden, die an Touristen als Souvenir und Handschmeichler verscherbelt werden. Weiters werden hier Armbrüste in Handarbeit sozusagen maßgeschneidert. Dazu gibt es einen Armbrustschießstand, eine eigene Schnapsbrennerei und selbst gezimmerte Appartements für Familien mit Kleinkindern. Im Ganzen gesehen steht das Projekt "Teufelsgraben" auf vielen Beinen und ist daher ziemlich standfest und krisensicher.

4 für eine bessere Welt

Und mitten hinein in diese Postkartenidylle gerieten nun die vier neuen alternativen Nobelpreisträger:

* Da ist der bullige Amerikaner Wes Jackson aus Kansas. Als Agronom und Pflanzengenetiker hat er vor 25 Jahren sein "Land Institute" gegründet, wo er und sein Team eine "Landwirtschaft der natürlichen Systeme" entwickeln, indem er aufmerksam und geduldig seiner Lehrmeisterin, der Prärie, auf die Finger schaut. Er züchtet schädlingsresistente Getreidearten, die er gemeinsam mit Leguminosen (Hülsenfrüchtler, wie Erbsen, Bohnen, Erdnüsse) mehrjährig anbaut. Vorteil: Es gibt keine Bodenerosion und den Chemieeintrag konnte er fast auf Null reduzieren. Daneben betreibt er Ackerbau und Viehzucht ohne auf fossile Brennstoffe, Düngemittel und Pestizide zurückzugreifen. Für Uexküll ist er der Großvater einer bevorstehenden landwirtschaftlichen Revolution.

* Da ist der kleine, schnauzbärtige, 36-jährige Menschenrechtsanwalt aus Indonesien, Munir, der mit einem über das Inselreich gezogenen Netz von Freiwilligen gegen die brutalen Menschenrechtsverletzungen seiner Regierung ankämpft, deren Hauptstütze immer noch das Militär ist, das Regimekritiker aller Art einfach verschwinden lässt, foltert und ermordet.

* Da ist der große, schlanke 61-jährige Äthiopier Tewolde Egziabher. Er ist Biologe und arbeitet in Vertretung seiner Regierung auf internationalem Parkett. Vor allem während der beiden Bio-Safety-Konferenzen in Montreal und Cartagenia hat er sich einen Namen gemacht, indem er dem Druck jener multinationalen Kräfte widerstand, die da meinen, man könne alles - auch alles, was lebt - patentieren. "Patentieren kann man Erfindungen, aber nicht Entdeckungen natürlicher Systeme, da hätte sich Kolumbus ja auch die Entdeckung Amerikas patentieren lassen können", meint er und lächelt sein unglaublich sanftes Lächeln. Nach seiner Rückkehr von den Konferenzen ist es ihm gelungen, die Organisation afrikanischer Staaten (OAS) dazu zu bringen, ein Verbot für die Patentierung jeglichen Lebens, egal ob Pflanzen oder menschliches Genmaterial, zu erlassen, was in vielen afrikanischen Staaten inzwischen geltendes Recht ist. Auf diesem Gebiet ist Afrika somit zum Vorreiter geworden.

* Und da ist die zierliche, glutäugige Türkin Birsel Lemke (sie ist mit einem Deutschen verheiratet). Als vor zwölf Jahren die international gestützte, türkische Firma "Euro-Gold" in der Bucht von Endremit an der Ägäisküste riesige Erdmassen umgrub, um den im Boden vorhandenen Goldstaub mit Hilfe von hochgiftiger Zyanidlauge auszuwaschen, öffnete die Politologin der betroffenen Bevölkerung die Augen, gründete die Bürgerinitiative "Hayir" - das heißt "Nein" - und rief zum Kampf auf. Man ging vor Gericht und erwirkte ein höchstgerichtliches Urteil, das die giftige Goldwäscherei verbot. Die Firma, die viele Dollarmillionen investiert hat, will aber nicht aufgeben und versucht weiterzumachen, auch wenn Recht und Gesetz gebrochen werden. "Wir haben eine Schlacht, nicht aber den Krieg verloren", trumpft Bircel Lemke auf und ihre Augen blitzen kampfeslustig.

Weisheit des Südens

Das zweitägige Miteinander so unterschiedlicher Menschen, ihre Gespräche, ihr Aufeinanderhören und die offene, herzliche Aufnahme durch die Seehamer Bevölkerung waren wohltuend in einer Zeit, die eher auf das Gegeneinander, auf Konkurrenz als Motor der Wirtschaft setzt: "Wir müssen den Menschen des Südens zeigen, dass es auch einen anderen Norden, dass es auch hier Menschen gibt, die anders denken, andere Prioritäten setzen. Und wir müssen den Menschen im Norden zeigen, dass es einen anderen Süden, dass es auch dort Menschen gibt, die nicht nur als Opfer vor sich hin vegetieren, sondern ihr Schicksal in die Hand nehmen."

Diese Idee Uexkülls ist in Seeham voll aufgegangen. Er bezieht sich auf eine der Wurzeln des Right-Livelihood-Awards: "Es geht uns darum, die Weisheit des Südens zu ehren und nicht zu behaupten, dass alles Wichtige und Lohnenswerte in den Industriestaaten entwickelt worden ist. Gleichzeitig wollen wir eine neue Wissenschaft fördern, die die natürlichen Grenzen berücksichtigt, denn alles andere ist letztlich Wahnsinn.''

Wohin dieser Wahnsinn führen kann, haben wir kürzlich erst in Göteborg und Genua erlebt, wo die strukturelle Gewalt der militanten Globalisierung auf die individuelle Gewalt eines kleinen harten Kerns so genannter "Randalierer" gestoßen ist. Ich frage Jakob von Uexküll, ob er sich denn jetzt, samt seinen Preisträgern, als Terrorist fühle. Nun, die Antwort ist klar, aber er äußerte doch die Befürchtung, dass der vor allem mediale Erfolg der Scharfmacher dazu führen könne, dass die Gewalt anwachse, wenn diese zu mehr Aufmerksamkeit führt als der gewaltlose Protest der vielen.

Genua: ein Anstoß?

Jakob von Uexküll wörtlich: "Man darf die Kinder der Armen nicht auf dem Altar von Schuldeintreibungsmechanismen opfern. Immer mehr vor allem junge Menschen können das einfach nicht mehr akzeptieren, wollen nicht mehr Teil dieses Systems sein und zeigen dies auf unterschiedliche Weise: Die einen ziehen sich zurück, steigen aus, und die anderen reagieren halt mit Wut und greifen zur Gewalt. Wie heißt das alte Sprichwort? Wer nicht hören will, muss fühlen. Solange die Mächtigen nicht zuhören, solange sie nicht bereit sind, umzudenken und umzukehren, bevor es zu spät ist, wird diese Opposition zunehmen. Das ist nicht anders zu erwarten. Aber vielleicht war Genua ein Anstoß für ein bisschen mehr Nachdenklichkeit in manchen Köpfen."

Der "Right-Livelihood-Stiftung" geht es mit den Auszeichnungen darum, Menschen oder Gruppen auszuwählen, die mit ihren Ideen, mit ihren Projekten so genannte "Inseln der Aufrechterhaltbarkeit", Bausteine für eine mögliche, andere Zukunft schaffen. Letztlich aber brauche es mehr, meint Jakob von Uexküll: "Die Gesamtvision, die eine Vision der Vielfalt sein muss, um diese Bausteine dann rechtzeitig und wirksam zusammenzufügen, eine Vision, die stark genug ist, Menschen zu inspirieren und zu motivieren, die auch innerhalb der Machtzentren etwas bewirken können, das ist eine Herausforderung, vor der wir noch nie in der Geschichte gestanden sind.

Ob wir das schaffen, das bleibt eine offene Frage. Heute muss jeder und jede sich fragen, ob er oder sie weiterhin ein so genanntes normales Leben führen darf, denn da es ja nicht mehr um Jahrzehnte, sondern um Jahre geht, ist wirklich jeder und jede Einzelne gefordert, um zu einem Teil der Lösung zu werden und nicht ein Teil des Problems zu bleiben."

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