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Was die Welt satt macht

FOKUS
Um Avocado-Ernte betrogen - Besorgt schaut ein Landarbeiter auf einer Avocado-Plantage in Südafrika, ob die Früchte noch am Baum sind. Der weltweite Avocado-Boom machte die Frucht zu einem begehrten Diebesgut. Ein Sinnbild auch für die globale Ernährungssituation: Ohne Kontrolle über globale Lieferketten und Zugang zu Land, Wasser und Saatgut hungern am meisten Menschen dort, wo Nahrungsmittel produziert werden. - © APA/AFP/Guillem Sartorio

Welternährung: Hunger ist kein Schicksal

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Nicht Kriege und Naturkatastrophen infolge des Klimawandels sind die größten Verursacher des weltweiten Hungers, sondern wirtschaftliche und politische Entscheidungen. Aber es wird umgedacht. Ein Gastkommentar.

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Nicht Kriege und Naturkatastrophen infolge des Klimawandels sind die größten Verursacher des weltweiten Hungers, sondern wirtschaftliche und politische Entscheidungen. Aber es wird umgedacht. Ein Gastkommentar.

Mit der Ausrufung des „Internationalen Jahres der Hirse“ 2023 lenken die Vereinten Nationen den Fokus auf die Lebensrealitäten und Anliegen der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Dieser Blick ist dringend nötig, denn auch 74 Jahre nach der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte leiden weltweit 828 Millionen Menschen an Hunger, Tendenz steigend. Die Ursachen dafür liegen jedoch nicht etwa in einem grundsätzlichen Mangel an weltweit verfügbaren Nahrungsmitteln, sondern vor allem in der Diskriminierung der ländlichen Bevölkerung.

Mangel an Mitsprache

Hunger ist kein Schicksal, sondern wird gemacht und ist zum allergrößten Teil auf strukturelle Ursachen zurückzuführen. Konkrete Ereignisse – etwa Naturkatastrophen oder bewaffnete Konflikte – sind nur zu einem vergleichsweise geringen Teil für die hohe Zahl an hungernden Menschen verantwortlich. Den Betroffenen von Hunger und Mangelernährung fehlt es vielmehr an Zugang zu Land, Wasser und Saatgut beziehungsweise gerechten Löhnen. Aber vor allem an politischer Macht und Mitsprache. Die meisten Menschen hungern dort, wo Nahrungsmittel produziert werden: auf dem Land. Kleinbäuerinnen und -bauern, Fischer, Landarbeiterinnen und andere Menschen, die in ländlichen Bereichen arbeiten, haben kaum Möglichkeiten, Einfluss auf Politikentscheidungen zu nehmen, werden im Alltagsleben ausgegrenzt und wirtschaftlich benachteiligt. Besonders davon betroffen sind Frauen sowie Indigene.

Mit der Ausrufung des „Internationalen Jahres der Hirse“ 2023 lenken die Vereinten Nationen den Fokus auf die Lebensrealitäten und Anliegen der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Dieser Blick ist dringend nötig, denn auch 74 Jahre nach der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte leiden weltweit 828 Millionen Menschen an Hunger, Tendenz steigend. Die Ursachen dafür liegen jedoch nicht etwa in einem grundsätzlichen Mangel an weltweit verfügbaren Nahrungsmitteln, sondern vor allem in der Diskriminierung der ländlichen Bevölkerung.

Mangel an Mitsprache

Hunger ist kein Schicksal, sondern wird gemacht und ist zum allergrößten Teil auf strukturelle Ursachen zurückzuführen. Konkrete Ereignisse – etwa Naturkatastrophen oder bewaffnete Konflikte – sind nur zu einem vergleichsweise geringen Teil für die hohe Zahl an hungernden Menschen verantwortlich. Den Betroffenen von Hunger und Mangelernährung fehlt es vielmehr an Zugang zu Land, Wasser und Saatgut beziehungsweise gerechten Löhnen. Aber vor allem an politischer Macht und Mitsprache. Die meisten Menschen hungern dort, wo Nahrungsmittel produziert werden: auf dem Land. Kleinbäuerinnen und -bauern, Fischer, Landarbeiterinnen und andere Menschen, die in ländlichen Bereichen arbeiten, haben kaum Möglichkeiten, Einfluss auf Politikentscheidungen zu nehmen, werden im Alltagsleben ausgegrenzt und wirtschaftlich benachteiligt. Besonders davon betroffen sind Frauen sowie Indigene.

„Wie wichtig Systeme konzernunabhängiger Vermehrung und Verteilung von Saatgut sind, zeigte sich im Ukraine-Krieg.“

Hunger resultiert aus politischen Entscheidungen, die sich gegen Hungernde richten und die Landbevölkerung – vor allem im Globalen Süden – marginalisieren und diskriminieren. Zu diesen politischen Entscheidungen zählt der Aufbau eines globalisierten Ernährungssystems, in dem transnationale Konzerne die gestaltenden Akteure sind und mit ihrer Kontrolle über globale Lieferketten wesentlich für die wachsende globale Ungleichheit verantwortlich sind. Unregulierter Freihandel – abgesichert durch zahllose Handelsabkommen –, aber auch das globale System immaterieller Eigentumsrechte gehören zu den Eckpfeilern dieses Ernährungssystems.

Auch die Vereinten Nationen tragen hierfür eine Verantwortung. Im Jahr 2021 kritisierten etwa Menschenrechtsorganisationen und Vertreter kleiner Lebensmittelproduzenten massiv die Unterwanderung des UN-Ernährungsgipfels durch die Interessen transnationaler Unternehmen und die damit einhergehende Marginalisierung der Stimmen der Betroffenen von Hunger. Die von Coca-Cola gesponserte Weltklimakonferenz im Herbst 2022 ist ein weiteres Beispiel für die Verstrickung der Interessen transnationaler Konzerne und politischer Entscheidungsprozesse.

In der medialen Berichterstattung entsteht häufig der Eindruck, dass krisenhafte Ereignisse wie jüngst der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine allein für die steigenden Lebensmittelpreise und die Verknappung verantwortlich seien, welche die globalen Hungerzahlen in die Höhe treiben. Allerdings waren die Lebensmittelpreise schon vor Kriegsbeginn in die Höhe geschossen. Zurückzuführen war das auf die hohen Preise für Energie, Düngemittel und andere agrarindustrielle Inputs. Bereits im Februar 2022 (am 24. Februar begann Russland den Krieg) erreichte der Lebensmittelpreisindex der Welternährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organization) einen neuen historischen Höchststand: 21 Prozent über dem Niveau des Vorjahres und 2,2 Prozent über dem bisherigen Höchststand im Februar 2011. Die Vereinten Nationen prognostizierten bis zu 13 Millionen mehr unterernährte Menschen während des Jahres 2022. Nicht nur die zunehmende Zahl bewaffneter Konflikte verschärft die bestehende systemische Ernährungskrise. Ein großes Problem ist auch, dass industrielle Ernährungssysteme darauf ausgelegt sind, die biologische Vielfalt zu reduzieren. Ernährungssysteme in den Händen von Agrochemiekonzernen, die ihre Gewinne mit vorwiegend für Monokulturen entwickeltem Saatgut in Kombination mit synthetischen Düngemitteln und giftigen Pestiziden machen, befeuern die Klimakrise und machen die Ernährung anfälliger für deren Auswirkungen. Wollen wir Hunger und Mangelernährung nachhaltig bekämpfen, müssen wir uns weg von der Agrarindustrie und hin zur Agrarökologie bewegen.

Pflanzenvielfalt auf den Feldern und kleinbäuerliche Saatgutsysteme (s. Seite 3) sind daher ein Schlüssel, um sicherzustellen, dass wir die Biodiversität erhalten. Sie ist notwendig, um resilient auf Klimaveränderungen zu reagieren und Ernährungssouveränität ebenso wie nährstoffreiche, angemessene und ausreichende Ernährung zu gewährleisten. Die Stärkung lokaler Sorten und agrarökologischer, kleinbäuerlicher Anbau-, Vermehrungs- und Verteilungsmethoden muss auch im Fokus des heurigen „Internationalen Jahres der Hirse“ stehen.

Wie wichtig Systeme konzernunabhängiger Vermehrung und Verteilung von Saatgut sind, wurde im Laufe des Kriegs in der Ukraine sichtbar: Bäuerinnen und Bauern aus dem benachbarten Rumänien aktivierten ihre Netzwerke, um Gemüse- und Kartoffelsamen an ukrainische Landwirte zu liefern. Damit konnten sie sicherstellen, dass ihre Nachbarn im Krieg genug Nahrung für sich und den Rest der Bevölkerung säen und ernten können. Dieser Akt der Solidarität unter Landwirten sollte als Modell zur Unterstützung lokaler Ernährungssysteme dienen. Ihr vorrangiges Ziel ist es, den Menschen vielfältige und gesunde Lebensmittel zu bieten – und nicht die Produktion von Agrarrohstoffen, die hauptsächlich aus Profitgründen auf den globalen Märkten verkauft werden.

Globales Lieferkettengesetz

Um den globalen Hunger zu bekämpfen, braucht es eine gerechtere Weltwirtschaft. Wir von FIAN Österreich machen uns seit Jahrzehnten für eine Demokratisierung des Ernährungssystems und die politische Partizipation betroffener Bevölkerungsgruppen stark. Das betrifft vor allem die Planung, Entwicklung, Durchführung und Bewertung politischer Maßnahmen zur Ernährungssicherung. Bei der Durchsetzung des Rechts auf Nahrung dürfen die Profitinteressen transnationaler Konzerne keine Rolle spielen. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Reform des globalen Handels ist der UN-Verhandlungsprozess für ein verbindliches Abkommen zu Wirtschaft- und Menschenrechten.

Ein solches „globales Lieferkettengesetz“ wäre ein wichtiger Schritt, um Menschenrechte auf globaler Ebene vor Profitinteressen zu stellen (siehe eine Debatte dazu in der nächsten FURCHE). Es macht Hoffnung, dass sich auch auf EU-Ebene in diese Richtung etwas tut: Am 1. Dezember 2022 stimmte der Rat der Europäischen Union für den Entwurf eines EU-Lieferkettengesetzes. Zuvor hatte die Kommission einen Vorschlag vorgelegt. Obwohl sich der Rat nur auf eine deutlich abgeschwächte Position einigen konnte – Bundesminister Martin Kocher hat sich bei der Abstimmung leider enthalten –, zeigt die Entwicklung schon vor der Bearbeitung im EU-Parlament in die richtige Richtung: Es kann kein Weiter-so geben, die Weltwirtschaft muss gerechter gestaltet werden. Und sie wird gerechter gestaltet werden.

Lukas Schmidt ist Geschäftsleiter von FIAN Österreich, der internationalen Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung. Tina Wirnsberger ist FIAN-Referentin für Klima und kleinbäuerliche Rechte.

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