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Anfang vom Ende der Kirchenspaltung

Der am 17. März in Kairo verstorbene Kopten-Papst Schenuda III. erreichte auch den Durchbruch bei einer 1500 Jahre währenden Kirchenspaltung.

Wer weiß heute noch, was die "Wiener christologische Formel“ ist? Und dass diese den Anfang vom Ende einer 1500-jährigen Kirchenspaltung markiert? Und dass Schenuda, damals - 1971 - noch Erzbischof für einen Durchbruch sorgte.

Wenige Monate nach diesem Ereignis wurde Schenuda in einem gemischten Wahl- und Losverfahren zum koptisch-orthodoxen Patriarchen von Alexandria bestimmt. Am vergangenen Samstag ist der auch "Kopten-Papst“ Genannte verstorben — 88 Lebensjahre alt und 40 Jahre im Amt.

Die Kopten gehören zu den altorientalischen Kirchen, welche sich nach dem Konzil von Chalcedon 451 von der allgemeinen Kirche abgespalten haben - vornehmlich aus politischen Gründen, wie man es heute sieht. Diese Kirchen wurden seither gemeinhin als "Monophysiten“ bezeichnet und ihnen unterstellt, sie leugneten dass Christus "ganz Gott und ganz Mensch“ - also in "zwei Naturen“ - zu verstehen sei, wie es das Komzil von Chalcedon definert hat.

Die Wiener christologische Formel

Bei den von Kardinal König und der Stiftung "Pro Oriente“ in Wien initiierten Konsultationen des Jahres 1971 wurde - unter der Moderation des Ökumenikers Otto Mauer - jene Wiener christologische Formel gefunden, nach der es sich bei den unterschiedliche Zugängen der allgemeinen Kirche (es gab 451 noch keine Spaltung zwischen den Orthodoxen und der Westkirche) nicht um eine theologische Differenz, sondern um eine - vereinfacht gesagt - unterschiedliche Wortwahl handelt.

Es bedurfte also des geradezu "biblischen“ Zeitraums von 1500 Jahren, um das Problem zwischen den Altorientalen und Rom bzw. den Orthodoxen als im Wesentlichen semantische Frage zu klären. Und Schenudas III. historisches Verdienst dabei ist, den Durchbruch in dieser Beilegung der Jahrtausende alten Auseinandersetzung herbeigeführt zu haben.

1973 wurde die Wiener christologische Formel zur Grundlage einer Erklärung von Papst Paul VI. und Papst Schenuda III., die auf höchster Ebene die größte Barriere zwischen den beiden Kirchen beiseite räumte. Wie bei den orthodoxen Kirchen gibt es allerdings nach wie vor Dissens zwischen Katholiken und Kopten - etwa über die Rolle des römischen Papstes.

Aus den Tagen von 1971 rührt auch die respektvolle Freundschaft zwischen Kardinal Franz König und Papst Schenuda III., die bis zum Tod Königs 2004 andauerte. Der Wiener Kardinal hatte Schenuda auch im Hausarrest besucht, in den ihn der 1981 ermordete ägyptische Präsident Anwar as-Sadat gesteckt hatte, weil diesem der Kirchenführer zu "politisch“ war. Erst 1985 hob Nachfolger Hosni Mubarak den Hausarrest auf, sodass Schenuda III. wieder mehr oder weniger ungehindert sein Amt ausüben konnte.

Der sich als Nachfolger auf dem Bischofsstuhl des heiligen Markus verstehende Kopten-Papst war in den Jahren seither eine geistliche wie politische Gestalt. Die - je nach Quellen - fünf bis zehn Millionen koptischen Christen Ägyptens sahen sich insbesondere in den letzten Jahren von der islamischen Mehrheitsgesellschaft bedrängt und auch drangsaliert.

Schwierige Lage in Ägypten

Schenuda III. suchte dabei einen kirchenpolitischen Kurs zu steuern, der das Überleben seiner Gläubigen am besten sicherte. In den Auseinandersetzungen des "arabischen Frühlings“ setzte der schon von Krankheit Gezeichnete lange auf das gestürzte Regime, was ihm etwa auch die eigene Jugend ankreidete.

Dabei hatte der "arabische Frühling“ ja mit den Anschlägen auf die koptische Kirche in Alexandria in der Neujahrsnacht 2010/11, dem mindestens 23 koptische Christen zum Opfer fielen, begonnen. Und am Ende stand der Sturz des Mubarak-Regimes - aber keineswegs das Ende der Gewalt gegen die Kopten. Schenuda III. versuchte so auch in der neuen Situation, seine Kirche zu schützen.

Die Bilder aus Kairo, wo der tote Papst auf seinem Patriarchenstuhl sitzend aufgebahrt wurde, zeigen, wie sehr Schenuda III. von den Seinen verehrt wurde. Millionen nahmen Abschied von ihrem geistlichen Oberhaupt - jedenfalls drei Tote sind im Chaos der Trauermassen zu beklagen.

Kardinal-König-Preisträger 2012

Auch eine österreichische Reverenz konnte dem Verstorbenen nun nicht mehr zuteilwerden. Die Kardinal-König-Stiftung hatte den diesjährigen Kardinal-König-Preis an Schenuda III. verliehen. Am 1. April wollte eine Delegation unter Leitung von Kardinal Christoph Schönborn den Preis an den greisen Kopten-Papst übergeben.

An diesem gleichen Wochenende wird jetzt in der Wiener koptischen Kathedrale eine große Trauerfeier für Schenuda III. abgehalten, der mittlerweile in einem Wüstenkloster im nordägyptischen Wadi Natrun beigesetzt wurde. Wie FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer, Vizepräsident des Kuratoriums der Kardinal-König-Stiftung, bestätigte, wird einige Wochen nach Ostern eine Delegation den Kardinal-König-Preis im Gedenken an den Verstorbenen einer Sozialeinrichtung der koptische-orthodoxen Kirche übergeben.

In etwa zwei Monaten soll der neue Kopten-Papst bestimmt werden - üblicherweise wählt die Wahlversammlung dieser Kirche drei Kandidaten. Deren Namen werden dann auf Zettel geschrieben - ein Kind zieht einen dieser Namen. Mit diesem, schon in der Apostelgeschichte beschriebenen Verfahren wird auch der nächste Patriarch von Alexandrien ermittelt. Bis dahin leitet Bischof Pachomius, der auch den Trauerliturgien für Schenuda III. vorstand, die Kirche interimistisch.

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