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Geduldete Minderheit

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Die Kopten sehen sich als die eigentlichen Ägypter. Im islamischen Ägypten sind sie heute bloß geduldet. Zusammenstöße mit den Moslems scheinen damit vorprogrammiert.

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Die Kopten sehen sich als die eigentlichen Ägypter. Im islamischen Ägypten sind sie heute bloß geduldet. Zusammenstöße mit den Moslems scheinen damit vorprogrammiert.

Die koptische Kirche hat mehr als jede andere Glaubensgemeinschaft die frühchristlichen Traditionen bewahrt. Und trotzdem geriet sie schon sehr früh in Opposition: auf dem Konzil 4SI trennten sich die Kopten endgültig von der Kirche in Rom. Im Jahre 639 brachten die Moslems den Islam in das damals christliche Land. Die Kopten glaubten, die Araber seien liberalere Herrscher als By-zanz. Sie irrten sich.

Zwangsislamisierung und Zwangsarabisierung waren die

Folgen. Bereits ein Jahrhundert später stellten die Christen eine Minorität im eigenen Land dar. Heute liegen keine übereinstimmenden Angaben über die Anzahl der Kopten vor. Die Regierung in Kairo spielt ihre Zahl herunter, die Kopten selbst setzen sie zu hoch an. Die Wahrheit dürfte etwa bei zehn Millionen Gläubigen liegen, was etwa 20 Prozent der Bevölkerung ausmacht.

Das heutige, seit 1971 regierende Oberhaupt der koptischen Kirche, Schenuda III., der 117. Nachfolger des Apostels Markus, der auch den Titel Patriarch von Alexandria führt, gilt als aktiver Kirchenfürst. Der profilierte Theologe und Archäologe hat auch stets wichtige Auslandskontakte gepflegt. Als der islamische Fundamentalismus mehr und mehr an Gewicht gewann, war ein Zusammenstoß mit der christlichen Minderheit unvermeidlich.

Der damalige Präsident Anwar el Sadat umgab sich mit koptischen Ratgebern und wurde sogar als heimlicher Kopte beschimpft.

Er sah sich gezwungen, den islamischen Extremisten Zugeständnisse zu machen, und schickte den Kopten-Papst in die innere Verbannung. Mit diesem Schritt versuchte Sadat, im Gegenzug für seine gegen die Fundamentalisten gerichteten Maßnahmen Spielraum zu gewinnen. Die Kopten wurden zu unschuldigen Opfern der politischen Realität. Dennoch starb Sadat durch die Hand der Fundamentalisten.

Schenuda III. verbrachte insgesamt 40 Monate in der Verbannung. Sadats Nachfolger Hosni Mubarak hob erst im Jänner 1985 die Verbannung und das Verbot der Amtsausübung auf. In der Einsamkeit des Wüstenklosters Deir Anba Boschoi verfaßte Schenuda nicht nur weitere theologische Werke, sondern pflegte auch seine diplomatischen Kontakte weiter. Nach der Aufhebung des Besuchsverbots 1983 empfing er unter anderen Kardinal Franz König in dessen Eigenschaft als Protektor der Stiftung „Pro Oriente“ und den melkitischen Patriarchen Maximos V. Hakim.

Obwohl die Kopten immer erklärt hatten, ihr Oberhaupt nütze die über dreijährige Verbannung zur Vorbereitung auf den aktiven Kampf für seine Kirche, ist Schenuda doch eingeschüchtert worden und hat seine Aktivitäten eingeschränkt. Andererseits hat Mubarak noch mehr Zugeständnisse an die Fundamentalisten gemacht als seine Vorgänger. So zog er etwa die der Frau zugute kommenden Dschihan-Gesetze zurück und griff nicht zu den dringlichen Familienplanungsmaßnahmen, obwohl auf 35.000 Quadratkilometern bereits 55 Millionen Men-» sehen wohnen.

Im heutigen Ägypten, wo der Islam Staatsreligion ist, sind die Kopten nur eine geduldete Min^ derheit. Ein Kopte kann kein leitendes Staatsamt bekleiden, wie das Beispiel des „ewigen“ Staatsministers im Außenministerium, Boutros Ghali, beweist.

Außerdem ist die koptische Kirche auf freiwillige Spenden angewiesen. Pater Severus vom Paulus-Kloster am Roten Meer beklagte, daß die Kirche kein Recht besitze, Steuern einzuhe-ben. Sie müsse vielmehr von ihrem spärlichen Grundbesitz noch an den Staat Steuern abführen.

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