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Feuilleton

Der animalische Reigen

1945 1960 1980 2000 2020

Forschung über tierische Geschlechtsorgane galt lange Zeit als schmuddelig und überflüssig. Heute nähern sich Wissenschafter dem Thema mit neuen Fragen.

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Forschung über tierische Geschlechtsorgane galt lange Zeit als schmuddelig und überflüssig. Heute nähern sich Wissenschafter dem Thema mit neuen Fragen.

Der Sex-Appeal ist im Reich der Tiere höchst ungleich verteilt: Stiere, Böcke und Rammler sind da sofort in der menschlichen Vorstellung präsent, aber Spinnen? Die gelten zwar nicht unbedingt als Inbegriff animalischer Manneskraft, scheinen allerdings in erotischen Belangen empfindsamer zu sein als bis jetzt angenommen. Das wurde kürzlich zumindest bei der Tasmanischen Höhlenspinne nachgewiesen, die bei Zoologen bisher vor allem aufgrund ihrer großen Beinspannweite und Langlebigkeit bekannt ist. Die Männchen dieser Spinnenart, die auf der Insel Tasmanien südlich von Australien zu finden ist, haben ihre Extremitäten im Vorderkörper zu ganz besonderen Begattungsorganen ausgestaltet: In diesen so genannten Pedipalpen wiesen Forscher der Universität Greifswald nun erstmals bei einer Spinnenart Nervenzellen nach. Ihr Bericht wurde kürzlich in der Fachzeitschrift Biology Letters publiziert.

Evolution der Genitalien

Bei der Kopulation der Spinnen wurde den Männchen bislang lediglich eine passive Rolle zugeschrieben. Mit Hilfe der Nervenzellen hätten jedoch auch die Spinnenmännchen Einfluss auf den Erfolg der Fortpflanzungsbemühungen, vermuten die deutschen Zoologen. "Die Neuronen in der Spitze des Begattungsorgans steuern Druck und Zug und könnten dem Männchen dabei helfen, sich während der Paarung besser auf das Weibchen einzustellen", erläutert Elisabeth Lipke, eine der Studienautorinnen. Zudem wiesen die Forscher im Begattungsorgan Drüsen nach, mit denen das Männchen individuelle Sekrete an das Weibchen übertragen kann. Auch diese natürliche Vorrichtung soll offenbar dazu beitragen, den Vaterschaftserfolg zu steigern, denn die Spinnenweibchen nehmen es nicht ganz genau und paaren sich häufig gleich mit mehreren Verehrern.

Hintergrund dieser Studie ist ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur "Evolutionsmorphologie" der Fortpflanzungsorgane bei Spinnen. Offenbar ist im Laufe der Evolution gerade bei der Fortpflanzung viel Phantasie am Werk. Und wer sich mit der Klassifizierung von Spinnen auseinandersetzt, wird staunend feststellen, dass gerade Spinnenarten oft anhand der Form ihrer Genitalien unterschieden werden. Das tat bereits der USamerikanische Biologe William Eberhard, der sich als Student an der Harvard-Universität in einem Nebenjob um Spinnenpräparate gekümmert hatte. Dort wurde sein Interesse für die Begattungsorgane der Spinnen geweckt - was ihn später dazu animieren sollte, sich als Gastforscher an der Universität Michigan in die Welt der tierischen Genitalien zu vertiefen und das sexuelle Mysterium bei Mäusen und Maulwürfen, Schnecken und Schlangen, Wollkäfern und Walen zu ergründen. Das Ergebnis dieses Unterfangens, das als Hobbyprojekt begonnen hatte, ist das heutige Standardwerk "Sexual Selection and Animal Genitalia", das 1985 in der renommierten Harvard University Press erschienen ist.

Theater der sexuellen Anbahnung

Diese Anekdote findet sich in der Einleitung zum jüngsten Buch des niederländischen Evolutionsbiologen Menno Schilthuizen, der tierische Fortpflanzungsmethoden wissenschaftlich fundiert und zugleich humorbegabt unter die Lupe nimmt -angesichts des Themas eine durchaus geschickte Kombination. Dabei knüpft er an Eberhards Erkenntnisse an, wonach Geschlechtsorgane verblüffend komplexe Systeme sind und, aufgrund intensiven sexuellen Selektionsdrucks, unter allen Körperteilen im Tierreich offensichtlich der schnellsten Evolution unterliegen: "Die unteren Körperregionen der Tiere sind die Bühnen, auf denen ein evolutionäres Schauspiel aufgeführt wird, bei dem Charles Darwin, hätte er zugeschaut, errötet wäre", schreibt der Autor, der am niederländischen Zentrum für Biodiversität tätig ist. Ein Schauspiel freilich, "das Generationen von Biologen" lange Zeit "überhaupt nicht wahrgenommen haben."

Im tierischen Theater der sexuellen Anbahnung hat die biologische Forschung mittlerweile unzählige Schauplätze ans Licht gebracht, von Kamikaze-artigem Imponiergehabe bis hin zu tödlichen Konkurrenzkämpfen: Nordamerikanische Annakolibris zum Beispiel rasen im Sturzflug zu Boden und produzieren mit ihren Schwanzfedern eine Art von Zirpen, um die Weibchen zu beeindrucken. Männliche Kraken wiederum gehen in der Paarungszeit jedem, der ihnen in die Quere kommt, an den Kragen. Oder sie tarnen sich mit femininer Färbung als Weibchen, um sich verstohlen dem anderen Geschlecht anzunähern. Für Schilthuizen handelt es sich generell um ein "Kontinuum zwischen anmutigen Tänzen und brutalem Rüstungswettlauf".

Die übergeordnete Frage, warum sich Sexualität so vielfältig entwickelt hat und was die Vorteile der getrennt-geschlechtlichen Fortpflanzung sind, wird in der Evolutionsbiologie heute mitunter als Königsproblem verhandelt: Wozu der ganze Aufwand, wozu die vielen Dramen?

Mehr als bizarre Anekdoten

Die sexuelle Fortpflanzung ist vor rund 800 Millionen Jahren erstmals aufgetreten und gilt als eine der größten Errungenschaften der Evolution, da sie die genetische Vielfalt markant gesteigert hat. Durch die immer neue Kombination von Genen können sich Arten über Generationen hinweg weiterentwickeln. Dies wurde bis Oktober letzten Jahres im Naturkunde-Museum in Münster mit der Ausstellung "Sex und Evolution" anhand intimer animalischer Details vor Augen geführt.

In den letzten 25 Jahren sei auch die Forschung zur Genitalevolution aus der Schmuddelecke bizarrer Anekdoten herausgetreten und zu einer echten Wissenschaft herangereift, bemerkt Schilthuizen, der den Wert dieses Forschungszweigs zu unterstreichen versucht: So könne die Genitalforschung etwa dazu beitragen, die Erfolgssicherheit der künstlichen Samenübertragung bei Nutztieren zu steigern. Aber auch ohne praktische Verwertung wohnt den einschlägigen Studien wohl eine gewisse Würze inne, die in der Grundlagenforschung sonst nicht immer leicht zu vermitteln ist.

Darwins Peepshow Von Menno Schilthuizen. dtv 2014 342 Seiten, geb., € 20,50