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Ich – das ewige Rätsel

Spiegeltest - Menschenaffen wie Schimpansen und Orang-Utans können sich im Spiegel selbst erkennen. Bei Rhesusaffen lässt sich diese Fähigkeit zumindest trainieren (Bild: Makake im Spiegel eines Motorrads; Jaipur / Indien). - © APA / AFP / Dominique Faget
Wissen

"Selbst" ist nicht nur der Mensch

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Schimpansen, Delfine und Elefanten haben eines gemeinsam: Sie bestehen den Spiegeltest. Über die Wurzeln des Ich-Bewusstseins.

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Schimpansen, Delfine und Elefanten haben eines gemeinsam: Sie bestehen den Spiegeltest. Über die Wurzeln des Ich-Bewusstseins.

Mancher Leser, manche Leserin hat es vielleicht schon erlebt nach einer durchfeierten Nacht: Lippenstiftspuren auf dem eigenen Gesicht im Spiegel zu erblicken. Üblicherweise würde man dann kurz lachen und die rote Farbe wegwischen. Diese nur anscheinend triviale Handbewegung ist allerdings ein Anzeichen unserer Fähigkeit, uns selbst zu erkennen und zu verstehen, dass das menschliche Gesicht, das uns aus dem Spiegel entgegenlacht, das eigene ist. Die moderne Verhaltensforschung hat sich diesen Zusammenhang zwischen der Wiedererkennung der eigenen Person im Spiegel und der mentalen Kapazität der Selbsterkenntnis zunutze gemacht. Der sogenannte Spiegeltest setzt ein Versuchstier einer ähnlichen Situation aus.

Dabei muss ein Tier zuerst einmal lernen, das Konzept eines Spiegels zu verstehen. Was Wissenschaftler oft beobachten ist, dass ein Versuchstier zuerst die eigene Reflexion als Gegenspieler missversteht und mit Drohgesten attackiert. Erst langsam gewöhnt sich das Tier dann an die ungewöhnliche Situation, das eigene Abbild sehen zu können. In einem zweiten Schritt betäubt der Wissenschafter das Versuchstier kurz und pinselt dann einen Farbfleck auf einen Körperteil des Tieres. Wenn das Tier wieder zu sich kommt und diesen Farbfleck abwischt, ist das ein starker Hinweis auf einen ausgeprägten Sinn, sich als "Selbst" wahrzunehmen. Menschliche Kinder (die bepinselt man im Schlaf oder wenn sie abgelenkt sind und nicht unter Narkose!) schaffen das ab etwa dem achtzehnten Lebensmonat. Die meisten Tierarten aber gar nicht - es gibt allerdings interessante Ausnahmen.


Smarte Krähen, gewiefte Putzerfische


Auch als biologisch interessierter Laie kann man die Tierarten, die den Spiegeltest bestehen, wohl zumindest teilweise erraten. Zuerst werden einem natürlich die uns so ähnlichen Menschenaffen in den Sinn kommen. Die fantastischen Forschungsarbeiten von Jane Goodall und Kollegen in Tansania haben gezeigt, zu welch hochentwickelten Fähigkeiten Schimpansen in der Lage sind. Auch den Spiegeltest bestehen sie mit Bravour.

Alle, die in den 1970-er-Jahren als Kinder ferngesehen haben, kennen Flipper, den schlauen Delfin. Und auch Flipper erkennt, wenn man ihm einen Punkt auf die Delfinnase malt. Bei diesen Meeressäugetieren ist es etwas schwieriger, einen Spiegeltest durchzuführen, denn die Tiere haben natürlich keine Hände, mit denen sie einen Farbfleck wegwischen können. In diesem Fall drehen und wenden sich die Tiere wiederholt so, dass sie den Farbfleck im Spiegel betrachten können.

Auch Elefanten meistern den Spiegeltest. Erneut handelt es sich um Tiere, die ein großes Gehirn und ein komplexes Sozialleben haben. Der ständige Kontakt und Austausch mit Artgenossen sind es wohl erst, die ein "Selbst" im Kontrast zum "Du" definieren. Etwas überraschend ist vielleicht, dass auch Krähen sich selbst im Spiegel erkennen können. Besonders die Krähenart der Pazifikinsel Neukaledonien hat, in der Abwesenheit von Raub-Säugetieren, komplexe mentale Fähigkeiten entwickelt. So sind diese Vögel unter Verhaltensforschern für ihren geschickten Werkzeuggebrauch bekannt. Unter den Vögeln bestehen auch Elstern, Tauben und Keas (eine Art neuseeländischer Papageien) den Spiegeltest.

Zu aller Überraschung hat auch der in in tropischen Korallenriffen beheimatete Putzerfisch den Spiegeltest bestanden. Dieser etwa fingerlange Lippfisch ist darauf spezialisiert, anderen Fischen Parasiten vom Körper zu entfernen. Der Putzerfisch wartet dabei unter Vorsprüngen im Korallenriff und signalisiert mit einer zuckenden Schwimmweise, dass er zum Putzen bereit ist. Dann kommen die "Kunden" angeschwommen, größere Fische wie Riffbarsche oder Kugelfische, die der Putzerfisch dann am ganzen Körper auf Hautinfektionen und Parasiten untersucht. Diese Symbiose ist für Putzerfisch und Kunden gleichermaßen vorteilhaft: Der Kunden-Fisch wird von belastenden Parasiten befreit und für den Putzerfisch sind die Parasiten eine nahrhafte Mahlzeit. Für den Putzerfisch ist es notwendig, die Körpersprache seiner Kunden zu lesen, um zu erkennen, ob diese wirklich bereit sind, sich putzen zu lassen. Es ist für einen kleinen Fisch nicht ungefährlich, sich so nahe an die scharf bezahnten Mäuler von Raubfischen zu begeben! Dieser evolutionäre Druck, Körpersprache lesen zu können, hat sicher dazu beigetragen, dass diese ungewöhnlichen Fische verstehen, was sie da im Spiegel sehen. Wie bei so vielen höheren mentalen Fähigkeiten begann auch die Selbsterkenntnis nicht abrupt mit der Menschwerdung, sondern es gibt sie auch bei anderen Tierarten mit komplexem Verhalten und hochentwickelten Gehirnen.