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Hoffentlich funktioniert heute der Lift ...

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Die Benützung der U-Bahn in Wien ist für Rollstuhlfahrer ein gewagtes (und illegales) Unterfangen. Allmählich scheint sich jedoch ein "Bewußtseinswandel" zu vollziehen, was die Mobilitätsbedürfnisse behinderter Menschen betrifft.

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Die Benützung der U-Bahn in Wien ist für Rollstuhlfahrer ein gewagtes (und illegales) Unterfangen. Allmählich scheint sich jedoch ein "Bewußtseinswandel" zu vollziehen, was die Mobilitätsbedürfnisse behinderter Menschen betrifft.

Strategische Planung" steht für "Rollis" am Beginn eines jeden Ausflugs mit den Wiener U-Bahnen. "Lift oder nicht Lift" - das ist die Frage. Nicht alle Stationen sind mit einem Aufzug ausgestattet, und auch sonst warten so manche Hürden. Einige offensichtlich, einige verborgen: "Wie gelange ich zur Haltestelle? Sind die Gehsteigkanten abgeschrägt? Gibt es Rampen? Sind die Knöpfe im Lift erreichbar? Wie kann ich Karten kaufen?", zählt Martin Ladstätter vom Behindertenberatungszentrum "Bizeps", selbst Elektrorollstuhlfahrer, seine Gedanken zum Thema "U-Bahn" auf. Gedanken, die einem Fußgänger wohl eher selten in den Sinn kommen.

Mit einem Anlauf in den Waggon Hoffentlich funktioniert der Lift heute ... Steht man mit dem Rollstuhl einmal am Bahnsteig, hat man es noch lange nicht geschafft. Besonders der einige Zentimeter breite Spalt sowie der Höhenunterschied zwischen Bahnsteigkante und Waggon bilden ein Hindernis, das es ohne Rücksicht auf Verluste für sich selbst, den Rollstuhl und die mitfahrenden Fahrgäste mit gehörigem Anlauf zu überwinden gilt. Erleichterung kommt auf, wenn man schließlich im Zug die Station verläßt. Obwohl man das - streng genommen - gar nicht darf.

"Jeder Kinderwagen oder Rollstuhl muß von mindestens einer erwachsenen Person ... begleitet werden", steht in den Beförderungsrichtlinien der Wiener Verkehrsbetriebe. Für Martin Ladstätter ein unhaltbarer Zustand, ist doch vor nicht allzulanger Zeit eine Verfassungsbestimmung in Kraft getreten, die besagt: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Günther Ertl, bei den Wiener Linien zuständig für die "Bevorrangung des Öffentlichen Verkehrs", meint zu der etwas kuriosen Beförderungsrichtlinie, daß diese "nicht von den Wiener Linien, sondern vom Verkehrsministerium" komme und bundesweit Geltung habe. Zugleich deutet er an, daß es sich de facto um "totes Recht" handelt: "Im Prinzip fahren Sie ja nie alleine. Sie können ja immer sagen, sie werden von soundsovielen begleitet", meint er verschmitzt.

Im internationalen Vergleich muß Wien - was die "öffentliche" Fortbewegung für Menschen mit Handicap betrifft - als "Entwicklungsland" bezeichnet werden. So sind die Straßenbahnen und auch die Busse in der Regel für "Rollis" nicht benützbar. Dennoch zeigen verschiedene Beispiele, daß das Problem der "Mobilitätsbehinderten" langsam aber doch ins Bewußtsein der Verantwortlichen sickert.

So läuft gegenwärtig ein 800 Millionen Schilling teures Programm zur Nachrüstung aller Wiener U-Bahnstationen mit Aufzügen, das bis 2003 abgeschlossen sein wird. Noch sind nur die Linien U6 und U3 durchgehend mit Aufzügen bestückt. Beim Einsteigen in die U-Bahn werden Rollstuhlfahrer allerdings noch länger hasardieren müssen.

Ein System zur Spaltüberbrückung zwischen Bahnsteig und Waggon mittels einer Rampe, wie es etwa in der U-Bahn von San Francisco existiert, "kann man bei den bestehenden Silberpfeilen nicht einbauen, weil sich gerade dort, wo dies möglich wäre, tragende Elemente befinden". "Die neue Generation", die sich zur Zeit im Planungsstadium befindet, wird die Spaltüberbrückung bereits haben", macht Ertl Hoffnung auf bessere Zeiten.

Zukunftshoffnung "Porsche-Bim" Für ein vermeintlich unscheinbares, in der Praxis aber ziemlich lästiges Problem zeichnet sich eine raschere Lösung ab: Die Fahrscheinautomaten in den U-Bahn-Stationen befinden sich etwa auf einer Höhe von 1,50 Metern, was "Rollis vor erhebliche Probleme stellt. "Die Umstellung der Automaten auf den Euro könnte man dazu nützen, für behinderte Menschen etwas zu tun", greift Ertl einen Vorschlag von "Bizeps" auf.

Auch für blinde Menschen haben die Wiener Linien in den letzten Jahren Maßnahmen gesetzt. So etwa tastbare Knöpfe bei den Liften. Eine wichtige Hilfe bildet auch das "taktile Leitliniensystem" in den U-Bahn-Stationen: Bodenleitstreifen, die entlang des Bahnsteigs angebracht sind und per Stock "ertastet" werden können, bieten blinden Menschen erheblich mehr Sicherheit. Bereits im nächsten Jahr sollen möglichst alle Haltestellen (mit Ausnahme einiger "denkmalgeschützter Problemfälle") mit diesem System versehen sein. Zudem wurde in Zusammenarbeit mit dem Verein "Blickkontakt" ein tastbarer U-Bahn-Stationsplan erstellt (siehe Kasten).

Für die Rollstuhlfahrer gibt es nunmehr auch einen mittelfristigen Hoffnungsschimmer, was die Fortbewegung per Bus betrifft: Die bereits im Einsatz befindlichen Niederflurbusse sollen sukzessive mit ausklappbaren Rampen ausgestattet werden. In Verbindung mit dem sogenannten "Kneeling" - dem seitlichen Absenken des Busses nach einer Seite - ermöglicht dieses System einen problem- und gefahrlosen Einstieg für Rollstuhlfahrer. Zudem - und das ist wohl das zugkräftigste Argument - ist diese Lösung auch noch relativ günstig. Das Umrüsten eines Busses kostet etwa 30.000 Schilling. Schon in einigen Wochen, "etwa Ende April", sollen 19 Busse, die "auf die Knie gehen", ihre Premiere auf der Linie 13A (9., Alser Straße/Skodagasse - 12., Schnellbahn Südbahnhof) feiern. "Es ist zu hoffen", so Günther Ertl, daß bereits "in etwa fünf Jahren ein Großteil" der zirka 500 Busse der Wiener Linien "mit ,fahrzeuggebundenen Einstiegshilfen unterwegs sein wird".

Durchwegs lobende Worte findet Martin Ladstätter von "Bizeps" auch für "ULF" (Ultra Low Floor), die Niederflurstraßenbahn, von der sich gegenwärtig zwei Prototypen im Testbetrieb befinden. Das schnittig anmutende Gefährt, dessen Design von Porsche entwickelt wurde, glänzt mit der "weltweit niedrigsten Einstiegshöhe von nur acht Zentimetern", so Ertl nicht ohne Stolz. "ULF", der auch im Innenraum keinerlei Stufen aufweist, wird daher im Gegensatz zu seinen Vorgängern auch "vierrädrige" Passagiere transportieren können. Langfristig ist an den Ankauf von 150 "ULFs" gedacht, zu je 30 Millionen Schilling das Stück. Über "flächendeckende" Mobilität werden sich allerdings erst künftige Generationen von "Rollis" freuen können. Denn der Austauschrahmen von Straßenbahnzügen beträgt "etwa 30 Jahre", gibt sich Martin Ladstätter keinen Illusionen hin.

Zum Thema: Tips zur Mobilität Eine Übersicht der mit Lift ausgestatteten U-Bahn Stationen ist bei größeren Vorverkaufsstellen (zum Beispiel Westbahnhof) oder direkt bei den Wiener Linien (Tel.: 01/7909/105) erhältlich. Im Internet sind diese und andere Informationen zum Thema unter "http://www.bizeps.or.at/bizeps/" abrufbar. Einen tastbaren U-Bahn-Stationsplan und andere Tips für blinde Menschen kann man beim Verein "Blickkontakt" (Tel.: 01/4098222) beziehen.

Eine Fundgrube für Menschen mit Handicap zu verschiedenen Bereichen ist auch der "Behindertenatlas der Stadt Wien".

Erhältlich ist er über die Magistratsabteilung 13 (Landesjugendreferat: Tel.: 01/4000/13).

Die ersten "senkbaren" Niederflurbusse mit Rampe werden schon bald im Einsatz sein.

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