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NUTZLOS, ABER NOTWENDIG

Was bewirke Literaturkritik denn schon, außer vielleicht Kränkung bei den Autoren: So hört man es immer wieder raunzen im Betrieb. Den Verkauf von Büchern jedenfalls vermag sie meist nicht besonders zu befördern. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, denn am besten verkaufen sich Bücher, die von den Feuilletons gar nicht groß beachtet oder kritisch beäugt werden.

Die Masse liest an der Literaturkritik fröhlich vorbei: Paulo Coelhos neuer Roman etwa kam mit einer Startauflage von 200.000 auf den deutschsprachigen Buchmarkt. Autoren, die hierzulande froh sind, wenn sie 1000 Exemplare ihrer Bücher verkaufen, können sich angesichts solcher Zahlen nur die Augen reiben. Auch Daniel Glattauers neuer Roman darf derart triumphal ins Rennen gehen. Da zeigt der Literaturbetrieb seine offensichtlich immer größer werdende Schere.

Ob Coelho oder Glattauer von der Literaturkritik besprochen werden oder nicht, tut der Sache und der Auflage keinen Abbruch. Ihre Leserinnen haben sie gefunden, sie werden sie weiter treu begleiten. Wenn andererseits Autorin X von einem großen deutschsprachigen Feuilleton ein dickes Lob bekommt, garantiert das keineswegs, dass ihr Buch auch gekauft wird. Literaturkritik will das ja auch gar nicht, behaupten ihre Akteure gerne. Sie ist weder Verlag noch Handel und daher nicht dazu da, den Verkauf zu fördern. Ihre Aufgabe ist die kritische Sichtung: der ästhetischen Entwürfe ebenso wie der Phänomene auf dem Buchmarkt.

Nicht quantitativ messbar

Begeisterung des Publikums und Qualität können aber durchaus zusammenfallen. Was vielen gefällt, muss nämlich nicht unbedingt schlecht (etwa im Sinne von banaler Schablonenartigkeit) sein. Das zeigt auch das Beispiel Charles Dickens. Aber gut ist ein Werk noch lange nicht, nur weil es sich gut verkauft. Da gilt es kritisch hinzusehen, selbst wenn sich der Erfolg der Literaturkritik nicht in Zahlen messen lässt.

Insofern sitzt die Literaturkritik sogar im selben Boot wie einige der Autorinnen und Autoren, über deren Werke sie urteilt. "Nutzlos" ist vielleicht das eine wie das andere Schreiben, aber: "Nichts ist notwendiger als das Nutzlose; für den Einzelnen, aber auch für die Öffentlichkeit", schreibt Thomas Stangl in seinem Essay "Doppelte Buchführung", der nun auch im Band "Reisen und Gespenster" (Droschl 2012) zu lesen ist. "Es ist nicht quantitativ messbar, hängt nicht an der Anzahl von Käufern und Lesern, was ein Buch in der Welt anrichtet; ob und wie es, durch eine Art von Wunder, für Autoren, Leser zur eigentlichen Erfahrung werden, eine einzelne Existenz erschüttern, womöglich ein Leben retten kann".

Das nächste BOOKLET erscheint am 1. März 2012 als Beilage in der FURCHE Nr. 09/12

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