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Auf dem Markt - und schon aus dem Sinn

Jahr für Jahr eine Flut neuer Publikationen auf dem deutschen Büchermarkt. Im Folgenden ein Gespräch mit der prominenten Literaturkritikerin über Situation und Trends auf diesem interessanten Markt.

Sie wirkt äußerlich ein wenig wie Marianne Mendt, hat etwas Mütterliches und spricht in angenehm-verbindlichem Plauderton. Erwärmend wirkt in Deutschland die deutlich heraus hörbare österreichische Sprachmelodie. Doch die oberste "Bücherwürmin" deutscher Zunge kann eine scharfe Richterin sein, ihre in Nebensätzen abgeschossene Boshaftigkeit lässt das Gefährliche des Wienerischen aufblitzen.

Doch was sie sagt: Da spricht die Belesene, deren Geist durch tägliches Hetzen über die Zeilen geschärft ist, die flinke Formuliererin, die rhetorisch auch Marcel Reich-Ranicki unerschrocken gegenübertreten konnte, bis ihm das zuviel wurde. Vor bald zwei Jahren war es zum Eklat vor laufender Kamera gekommen, dem verbalen Schlagabtausch zwischen den beiden so ungleichen Persönlichkeiten. Sigrid Löffler kündigte ihre Teilnahme am Literarischen Quartett, aber ohne sie wurde es nicht mehr, was es war und ist nun mit Jahreswechsel verblichen. Reich-Ranickis Ein-Mann-Schrumpfversion von Literatur im Fernsehen hat etwas peinlich Personenkultisches, und Sigrid Löffler ruft ihm höhnisch etwas von "Kreischerkönig der Nation" hinterher. Sie selbst hat sich zu neuen Ufern begeben, macht nun ein eigenes Literaturmagazin, "Literaturen", dessen Fachkenntnis in der Branche geschätzt wird.

Das fade Aug'

Die ist auch notwendig bei täglich 200 neuerscheinenden Büchern in Deutschland. Da kann es dann auch schon passieren, dass Löffler süffisant wird, wenn es etwa um die Beurteilung des neuesten Werks der norwegischen Krimiautorin Anne Holt geht, ein Buch, für dessen Bewerbung der Piper-Verlag einen fünfstelligen Betrag ausgegeben hat.

"Ich habe so was, was man in Wien das fade Aug' nennt", sagt Löffler zu dem Buch und gesteht ein, es noch nicht gelesen zu haben. Allerdings: "Das Leben ist zu kurz, um alle skandinavischen Krimis wahrzunehmen. Aber ich sehe, dass Krimis gerade sehr gut laufen. Und das ist wichtig in Zeiten wachsender Konkurrenz zwischen den Verlagen. Ein Krimi ist eine sichere Bank." Das sitzt, und Löffler hat das Buch mit ein paar netten Worten dorthin verwiesen, wo es ihrer Meinung nach hingehört: Auf die sichere Bank.

Für die langjährige Literaturkritikerin hat sich viel auf dem Markt verändert: Sie erzählt von der starken Hierarchisierung. Die Zeiten, in denen Verlage für alle ihre Neuerscheinungen geworben hätten, seien vorbei, ein Titel wird heute ausgewählt: "Da wird alles hineingebuttert, und der muss die anderen mitziehen. Wenn ja, freut sich der Verlag, wenn nein, trifft man sich in ein paar Jahren beim Konkursrichter."

So ist das also nicht mehr, mit der hehren Kunst, die sich zwischen zwei Buchdeckeln ausbreitet, dem entdeckt Werden und den Kultursinnigen in den Verlagen und Buchhandlungen, lässt Sigrid Löffler durchblicken: "Ich denke, dass wir es seit einigen Jahren mit einer Veränderung zu tun haben. Diejenigen, die sagen, wo etwas aufgestellt wird, werden immer weniger."

In dieses Vakuum stoßen ihrer Meinung nach die Chefeinkäufer mit "unglaublichem Einfluss" vor und entscheiden, welche Bücher in welchem Ausmaß geordert und wo sie im Geschäft platziert werden. Dies geht einher mit einer neuen Einkaufskultur. Aus ist es mit dem Schmökern, dem gemütlichen Blättern in der Buchhandlung: "Wenn der neue Harry Potter nicht im Regal, sondern von der Palette weg angeboten wird, dann steckt da ja Strategie dahinter. Das passiert nicht zufällig", meint Löffler.

Ein Agenten-Boom

Hinzu komme eine weitere entscheidende Gruppe im Buchgeschäft, die der Agenten, eine Berufsgruppe, die es nach Meinung der Literaturkritikerin vor ein paar Jahren noch gar nicht gegeben hat: "Und jeder Autor, der keinen hat, wird ein wenig neandertalerhaft angesehen, so in etwa: Was, du hast keinen Agenten, da bist du nicht auf der Höhe der Zeit!"

Diese neuen Mitspieler auf dem Buchmarkt scheinen aber in Reaktion auf eine andere Entwicklung groß geworden zu sein: Die Verlage werden immer größer und mächtiger, der einzelne Autor sucht Schutz vor dem überrollt Werden. Die traditionelle Bindung zwischen Verlag und Autor ist es, die verloren geht, der Schriftsteller fühlt sich nicht mehr heimisch. Und wenn er unsicher ist, braucht er den Fachmann. Das ist dann der Agent.

"In dem Maß, in dem die Lektorenzahl zurückgefahren wird, nehmen die Agenten zu", meint Löffler. Von daher stammt auch ihre Horrorvision: Dass es auf den großen Buchmessen nur mehr drei Hallen geben könnte, eine von Springer, eine von Holtzbrinck, eine von Random House. "Aber Autoren brauchen ihre Echowand, brauchen Heimat und Wärme." Vokabel, die in einer sich globalisierenden Welt schon eher zum emotionalen Restmüll gehören.

Agenten würden in den nächsten Jahren noch viel einflussreicher werden, als sie es jetzt schon seien, vermutet Löffler. "Mainstreaming" lautet die Devise der neuen Zeit: 90.000 Neuerscheinungen in Deutschland im Jahr. "Ich bin entsetzt", sagt Löffler. "Diese Zahl kann ja gar nicht mehr in die Wahrnehmung des Kunden kommen." Deshalb, so schließt sie, würden die Werbemaßnahmen auf einige wenige Titel konzentriert. "Es gibt einen Flaschenhals, da müssen die Bücher durch. Und wenn sie nicht durchgehen, sind sie verloren."

Noch etwas ist Sigrid Löffler in letzter Zeit verstärkt aufgefallen: "Die Eigenwerbung und die Wahrnehmung ist am ersten Erscheinungstag durch." Soll heißen: Sobald das Buch auf dem Markt ist, ist es auch schon wieder aus dem Sinn und aus der geistigen Obhut seines Verlages draußen. Sigrid Löffler nennt zwei Beispiele: Die jüngsten Romane von Peter Handke und Günter Grass. "Ich glaube, dass das keine gesunde Entwicklung ist", meint die Literaturexpertin. "Beim Grass-Buch hat der Verlag sogar seine eigene Sperrfrist durchbrochen."

Da spiele eine "unheilvolle Zusammenarbeit" zwischen Verlagen und Kritikern hinein: "Ich glaube zu beobachten, dass sich die Kritiker von den Werbemaßnahmen und Verlagsstrategien unter Druck setzen lassen." Manchmal wisse man aber gar nicht, wer wen unter Druck setze. Sind die Menschen dermaßen manipulierbar? Ist eine Industrie fähig, in so verblüffender Weise erfolgreich den Leser zu kalkulieren, seine Gewohnheiten und Vorlieben für sich zu instrumentalisieren, etwas so Spontanes und für sich Stehendes wie Kultur berechenbar zu machen?

Kritiker machen PR

Löffler stimmt dem teilweise zu: "Bis zu einem gewissen Grad, indem man sehr viel hineinpowert. Mit Lautstärke kann man die Aufmerksamkeit auf seine Produkte lenken." Und da teilt Sigrid Löffler dann kräftig in Richtung ihrer Berufsgenossen aus: "Die Kritiker fühlen sich wie freiwillige PR-Agenten der großen Verlage, jedenfalls führen sie sich oft so auf. Wer zwingt sie denn dazu, etwa die Rezension zum neuen Grass-Roman mit an die 300 Seiten am selben Tag zu bringen? Warum müssen sie alle am selben Tag damit herauskommen?" Das ist es, was Löffler damit meint, wenn sie sagt, dass am Erscheinungstag alles gelaufen sei: Der Werbeetat ist verbraten, die Zeitungen haben brav rezensiert, das Buch ist in den Buchhandlungen dort platziert, wo man es haben möchte. "Und so kommt es, dass die Kritiker schleißig und schlecht schreiben, nur damit sie am nächsten Tag in der Zeitung sind", klagt die Chefin der "Literaturen". "Das ist nahezu unverantwortlicher Umgang mit der Literatur."

Und sie untermauert ihre These mit einem Beispiel: Niemand könne ihr einreden, dass man den 950 Seiten starken Roman von Peter Handke in der kurzen Zeit zwischen Empfang der druckfeuchten Fahnen und Rezension gelesen haben könne. Natürlich seien dann die Autoren über eine solche Behandlung verärgert. Doch sie hat eine einfache Erklärung für solche Zustände: "Der Chefredakteur X sagt, warum haben wir das nicht? Und wenn er es nicht sagt, dann sagt die Gemahlsgattin: Warum steht das nicht in deiner Zeitung?" Eine Zeitung könne doch auch entscheiden, man werde das Buch erst einmal in Ruhe lesen und dann besprechen. Das geschieht allerdings in den seltensten Fällen.

Doch Sigrid Löffler hält auch Tröstliches bereit: "Mir fällt immer angenehm auf, dass es in Deutschland ein ungeheuer zugeneigtes Publikum gibt, das gerne Autoren hört und die persönliche Begegnung mit ihnen sucht. Da gibt es eine große Zuneigung, Neugier und Nähe." Was für sie in die simple Feststellung mündet: "Es kann nicht anders sein, als dass dann auch noch ein paar Zeilen gelesen werden."

Vieles ist unbedeutend

Wie weit spielen also die Medien eine Rolle für das Lesepublikum? "Natürlich hat das Fernsehen eine lautstärkere Wirkung als die Lektüre im Printmedium", sagt Löffler. "Das Literarische Quartett hat Autoren zu Bestsellern machen können." Das habe bewirkt, dass die Menschen tags darauf in die Buchhandlungen gestürmt seien, um das besprochene Werk zu erstehen. Ob sie es dann auch gelesen haben, sei nicht mehr festzustellen. "So viel zur Nachhaltigkeit."

Allerdings sei die Situation auf dem deutschen Zeitungsmarkt derzeit so, dass sich die beiden großen überregionalen Tageszeitungen - Süddeutsche und Frankfurter Allgemeine - gegenseitig bekämpfen, "unter Umgehung des Lesers", wie Löffler hinzufügt. Die einen würden ein Werk in grotesker Weise überschätzen, was die anderen dazu veranlasse, den Daumen nach unten zu senken. Tatsächlich aber sei das Buch "weder so toll, wie die einen sagen, noch so albern, wie die anderen meinen". Es bestehe keine differenzierte Auseinandersetzung, "die beiden Feuilletons sind so ineinander verhakt, dass sie nur aufeinander starren. Und das ist fahrlässig."

Einerseits sei es bei diesem Riesenangebot leichter, anderseits schwerer geworden zu lesen, resümiert Sigrid Löffler: "Auf das Meiste braucht man in der Regel nicht Rücksicht zu nehmen. Aber dann fällt auf, es sind in der Tat gar nicht so viele Bücher." Die Debütanten seien die Hätschelkinder der Medien, auf die müsse man Acht geben. "Das ist fast schon ein Modeberuf für junge Leute. Aber Trends hören auch einmal auf."

Sonst werde eifrig nach Amerika geschaut. "Da wird auch jeder Schrott übersetzt." Allerdings habe dort ein Generationswechsel stattgefunden, eine neue Gruppe von Romanciers habe sich herangebildet, unter denen man Entdeckungen machen könne. Löffler selbst spricht auch gerne mit den Buchhändlern: "Das sind gute Vorsortierer und Leser." Und letztlich vertraue man bei der Entscheidung für ein Buch der eigenen Leseerfahrung.

Für die altgediente Literaturkritikerin spitzen sich die Widersprüche zu: "Es werden immer mehr Bücher, die Lesezeit wird kürzer, die Leserzahlen stagnieren im günstigsten Fall. Wie lange die Zuspitzung anhält, frage ich mich von Jahr zu Jahr."

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