Leitartikel

Der Damm gebrochen?

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz massiver Gegenagitation des (ultra-)konservativen Kirchenlagers sprach sich in Rom die Bischofssynode zu Amazonien für vorsichtige kirchliche Reformen aus.

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz massiver Gegenagitation des (ultra-)konservativen Kirchenlagers sprach sich in Rom die Bischofssynode zu Amazonien für vorsichtige kirchliche Reformen aus.

Das Zeter und Mordio, das konservative bis ultrakonservative Kirchenkreise rund um die nun in Rom zu Ende gegangene Amazonien-Synode angestimmt haben, vermittelte den Eindruck, das Ende der katholischen Kirche sei nah. Die Diskussion um auch verheiratete Priester wurde von dieser Seite so geführt, als ob am Pflichtzölibat der Priester die Zukunft der katholischen Kirche hänge.

Und die völlige Nebensächlichkeit, dass in einer römischen Kirche indigene Objekte aus Amazonien ausgestellt waren, die zuvor auch beim Eröffnungsgottesdienst der Syn­ode zu sehen waren, wurde zur großen Häresie stilisiert: dass nämlich die Bergoglio-Kirche dem Heidentum und Götzendienst anheimgefallen sei. Social-Media-wirksam wurden denn auch zwei Holzstatuen nackter schwangerer Frauen aus besagter Kirche gestohlen und in den Tiber geworfen – der ikonografische Anklang der Aktion war unverkennbar: Ende des neunten Jahrhunderts hatte Papst Stephan VI. die Gebeine seines Vorvorgängers Formosus in den Tiber werfen lassen …

Die Impertinenz der Erzkonservativen war laut, aber letztlich weniger erfolgreich. Denn im Schlussdokument der Synode finden sich vorsichtige Vorschläge, bewährte verheiratete Diakone in Gegenden eklatanten Priestermangels zu Priestern zu weihen. In Sachen Frauen wird eine Neuüberlegung des Ständigen Diakonats für Frauen angeregt (Papst Franziskus will die entsprechende vatikanische Kommission mit neuer Besetzung wieder einsetzen). Gleichfalls regt das Schlussdokument an, einen eigenen amazonisch-katholischen Ritus – analog den katholischen Ostkirchen – zu entwickeln.

Flächendeckender Jubel der Reformer

Alle Kapitel des Schussdokuments wurden mit mehr als Zweidrittelmehrheit der stimmberechtigten Bischöfe und männlichen Ordensoberen angenommen – die oben genannten Anregungen, allen voran jener über verheiratete Priester, allerdings mit der meisten Zahl an Gegenstimmen.

Das Zeter und Mordio, das konservative bis ultrakonservative Kirchenkreise rund um die nun in Rom zu Ende gegangene Amazonien-Synode angestimmt haben, vermittelte den Eindruck, das Ende der katholischen Kirche sei nah. Die Diskussion um auch verheiratete Priester wurde von dieser Seite so geführt, als ob am Pflichtzölibat der Priester die Zukunft der katholischen Kirche hänge.

Und die völlige Nebensächlichkeit, dass in einer römischen Kirche indigene Objekte aus Amazonien ausgestellt waren, die zuvor auch beim Eröffnungsgottesdienst der Syn­ode zu sehen waren, wurde zur großen Häresie stilisiert: dass nämlich die Bergoglio-Kirche dem Heidentum und Götzendienst anheimgefallen sei. Social-Media-wirksam wurden denn auch zwei Holzstatuen nackter schwangerer Frauen aus besagter Kirche gestohlen und in den Tiber geworfen – der ikonografische Anklang der Aktion war unverkennbar: Ende des neunten Jahrhunderts hatte Papst Stephan VI. die Gebeine seines Vorvorgängers Formosus in den Tiber werfen lassen …

Die Impertinenz der Erzkonservativen war laut, aber letztlich weniger erfolgreich. Denn im Schlussdokument der Synode finden sich vorsichtige Vorschläge, bewährte verheiratete Diakone in Gegenden eklatanten Priestermangels zu Priestern zu weihen. In Sachen Frauen wird eine Neuüberlegung des Ständigen Diakonats für Frauen angeregt (Papst Franziskus will die entsprechende vatikanische Kommission mit neuer Besetzung wieder einsetzen). Gleichfalls regt das Schlussdokument an, einen eigenen amazonisch-katholischen Ritus – analog den katholischen Ostkirchen – zu entwickeln.

Flächendeckender Jubel der Reformer

Alle Kapitel des Schussdokuments wurden mit mehr als Zweidrittelmehrheit der stimmberechtigten Bischöfe und männlichen Ordensoberen angenommen – die oben genannten Anregungen, allen voran jener über verheiratete Priester, allerdings mit der meisten Zahl an Gegenstimmen.

Der europäische Blick auf die Amazonien-Syn­ode ist doch sehr auf die eigenen Kirchenprobleme hin verengt.

Ist nun der gordische Knoten des katholischen Reformstaus durchschlagen? Die Reaktionen des reformfreudigen Kirchenlagers deuten in diese Richtung. Wunibald Müller etwa, Theologe, Psychotherapeut und jahrzehntelanger Krisenbegleiter für Pries­ter, meinte gegenüber dem Evangelischen Pressedienst, mit dem Vorschlag, bewährte verheiratete Männer zu Priestern zu weihen, sei „endgültig der Damm gebrochen“, der bisher eine Aufhebung des Pflichtzölibats verhindert habe. Müller weiter: „Das ist eine wahrhaft frohe Botschaft.“ Der Pastoraltheologe Paul Zulehner, der sich auch in der FURCHE massiv für derartige Änderungen eingesetzt hat, startete auf seinem Blog gleich die Petition #Amazonien auch bei uns!, welche die Vorschläge der Synode auch für hiesige Breiten fordert.

Der Reformer-Jubel scheint flächendeckend. Man mahnt dennoch zur Vorsicht. Denn zum einen muss Papst Franziskus die Reform-Wünsche der Amazonien-Synode auch übernehmen. Man darf sicher sein, dass die konservative Kirchenseite alles daransetzen wird, dies zu verwässern.

Und zum zweiten ist der europäische Blick auf die Amazonien-Agenda in Rom doch sehr auf die eigenen Kirchenprobleme hin verengt. Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff hat in einem Beitrag zur Synode die Zölibatsfrage nicht einmal erwähnt. Sondern er spricht davon, dass es dort zu einem „wirklichen Orientierungswandel“ in Bezug auf die indigenen Kuturen gekommen sei: Die katholische Missionierung in Amazonien sei in weiten Teilen „Kolonialisierung statt Evangelisierung“ gewesen. Für Boff ist es dieser Paradigmenwechsel weg von einer – kurz gesagt – europäisch-nahöstlich-geprägten zu einer neuen Form von Kirche, die revolutionär ist. Der Titel von Boffs Beitrag bringt dies auf den Punkt: „In Amazonien kommt der Geist vor dem Missionar.“