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Die "Erleuchtung" aus der Steckdose

1945 1960 1980 2000 2020

Religionen bieten sichere Routen im "Reich des Geistes". Sogenannte Mindmachines sollen ähnliches bewirken. Entstehen hier die Grundlagen der Religion von morgen?

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Religionen bieten sichere Routen im "Reich des Geistes". Sogenannte Mindmachines sollen ähnliches bewirken. Entstehen hier die Grundlagen der Religion von morgen?

Mit gemischten Gefühlen legte ich mich auf das Bett in dem kleinen Raum, setzte die schwarze Brille und die Kopfhörer auf: Vorbereitungen zu einer Reise der besonderen Art. Ich harrte der Dinge, die da kommen würden. Brille und Kopfhörer waren durch Kabel mit einem kleinen Kasten verbunden, der hinter mir stand. Eine halbe Stunde lang würden mich Impulse aus diesem kleinen Kasten - einer Mindmachine - in einen Zustand tiefer Entspannung versetzen. Dann begann die Sitzung. Die Leuchtdioden in der dunklen Brille produzierten - durch meine geschlossenen Augenlider hindurch - einen Tanz von Lichtempfindungen auf meiner Netzhaut, und aus den akustischen Impulsen, die von den Kopfhörern zum Trommelfell gingen, entstanden Rhythmen und Melodien. Allmählich spürte ich, wie sich Partien in meinem Rücken, die sonst jeder Entspannungsübung Widerstand leisteten, lösten.

Die akustischen und optischen Impulse der Mindmachine erzeugen Frequenzmuster, die die elektrischen und chemischen Prozesse des Gehirns stimulieren. Die Veränderung der Gehirntätigkeit läßt sich im EEG studieren. Was ich als Entspannung empfand, war das Ergebnis eines komplizierten Zusammenspiels von physiologischen Prozessen und einem elektronischen Gerät, der Mindmachine.

Mentale Fitneßcenter Mindmachines sind eine Kreation der späten achtziger Jahre. Die neue Technologie boomte zunächst - über-all schossen "Relax-Studios" und "Mind-Saloons" aus dem Boden, und man träumte von mentalen Fitneß-Centern, in denen die gestreßten Zeitgenossen nach einer halben Stunde "Gehirnmassage" wieder entspannt lächeln könnten. Die Bewußtseinszustände, die Yogis und Zen-Mönche in Jahrzehnten der Übung kultivieren, würde man mit diesen Geräten im Handumdrehen erreichen, hieß es. LSD aus der Steckdose und Erleuchtung auf Knopfdruck, das war die Devise. Findige Jungunternehmer brachten verschiedene Geräte auf den Markt, und selbst in Kaufhäusern wurden Mindmachines angeboten.

Doch der Boom verflachte bald wieder, denn nicht alle Geräte hielten, was sie versprachen. Die Geräte, die heute am Markt sind, werden nicht mehr als Mindmachines, sondern als Werkzeuge für mentales Training angeboten. Das entspricht der gesellschaftlichen Entwicklung nach 1989.

Mit der Eroberung der neuen Märkte in den ehemaligen kommunistischen Ländern im Mittelpunkt des Interesses wurde der Kapitalismus das einzige "Glaubenssystem". Hier zählt Leistung und Effizienz, und daher steht das Interesse an mentalem Training im Vordergrund.

Voraussetzung dafür ist Entspannung, und die kann instrumentell erreicht werden. So reduzierten zum Beispiel die Mitglieder der österreichischen Bob- und Rodelmannschaft bei den Olympischen Spielen in Nagano mit Hilfe von mentalen Trainingsgeräten den Wettkampf-Streß. Sprachenlernen, mentales Schlankheitstraining, Konzentrations- und Kreativitätsförderung sind weitere Bereiche, in denen mit elektronischer Stimulation des Gehirns gute Erfolge erzielt werden, wie es heißt. Universitätsinstitute, Rehabilitationskliniken, internationale Firmenkonzerne, aber auch Privatpersonen zählen zu den Abnehmern solcher Apparate, die zwischen 3.000 und 30.000 Schilling kosten.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, daß wir die Kapazität unseres Gehirns nur zu drei bis fünf Prozent nützen. Ein elektronisches Trainingsgerät fürs Gehirn kann da leicht Abhilfe schaffen, heißt es. Der Trend zur "Megabrain-Power" (so der Titel eines Bestsellers von Michael Hutchison) sei nicht aufzuhalten. "Gestern war Ihr Gehirn ein Trabi, morgen ist's ein Maserati", war der Werbeslogan einer Firma im Bereich Gehirn-Technologie.

In der Zwischenzeit haben sich die Organisatoren von Rave-Parties gelegentlich die Technologie der Mindmachines zunutze gemacht. Optische und akustische Stimulation öffnet den Geist. Im Rhythmus von Musik und Licht erleben die Tänzer in der Gruppe nicht mehr den Streß und die Isolation des Alltags, sondern kosmische Einheitsgefühle. Manchmal wird auch brainfood, Nahrung und Getränke speziell fürs Gehirn angeboten. Für so manchen sind solche Parties eine Art "Gottesdienst" in dem die Verbindung zum Großen Ganzen, das im fragmentierten Alltag der Industriegesellschaft abhanden gekommen ist, wieder erfahrbar wird. Entsteht hier also die Grundlage für die Religion von morgen?

Schamanen-Methode Die Mindmachines, so der Wiener Rudolf Kapellner, Arzt und seit Jahren mit der Entwicklung von zukunftsfähigen Bewußtseins-Technologien beschäftigt, greifen auf uralte religiöse Methoden zurück - auf die Rasseln und Trommeln, mit denen sich Schamanen in Trance versetzen. In den Mindmachines verschmelzen die neuen Erkenntnisse von Neurowissenschaften, Gehirnforschung und Computertechnologie zu einer Technologie, die dem Konsumenten neue Räume des Bewußtseins eröffnet. Je nach Programm, das verwendet wird, aber auch je nach der Intention, mit der eine Mindmachine benützt wird, kann der Benützer Expeditionen im großen Raum des Geistes unternehmen. Das reicht von Entspannung bis hin zur "Vielfalt religiöser Erfahrungen" - so nannte der Philosoph William James diese Dimension; die empirische Psychologie spricht von "außergewöhnlichen Zuständen des Wachbewußtseins". Der Focus 101, das Gerät, das Rudolf Kapellner und sein Team entwickelt haben, stimuliert das Bewußtsein, aber gibt keine Inhalte vor. Was man dabei erfährt, hängt vom Zusammenspiel von Software (dem Programm der Mindmachine) und der Ganzheit von Leib-Seele-Geist des Benutzers ab.

Religiöse Erfahrung Joachim Seelmann von der deutschen Firma "brainlight" dagegen spricht von einer Stimulation des Gehirns, um zunächst eine Tiefenentspannung zu erreichen. Dann werden Inhalte vorgegeben und Vorstellungsbilder vermittelt, die zum Beispiel dem Benützer helfen sollen, durch mentales Training ein positives Selbstbild zu entwickeln. Darüber hinaus aber können auf diese Weise auch "übernatürliche" Erfahrungen gemacht werden, meint er. Denn das Gehirn ist "Natur", doch was es erfährt, die kosmische Einheit zum Beispiel, ist "Übernatur". Während sich die Theologie seit Jahrzehnten müht, den platonischen Dualismus von Leib und Geist zu überwinden, feiert das neuscholastische Konzept von Natur und Übernatur am freien Markt der Mental-Technologien fröhliche Urständ.

Anders wiederum sieht es Axel Brück, Fachmann für Biofeedback. Der "Mentaltrainer", den er entwickelt hat, verhilft dem Benutzer zunächst zu Tiefenentspannung und im übrigen zu einer differenzierten Optimierung der Leistung des Gehirns. Religiöse Erfahrung könne man mit solchen Geräten nicht erreichen, meint er, wohl aber zu einer Tiefenentspannung kommen, die die Voraussetzung für religiöse Erfahrung ist. Er selbst beschäftigt sich schon seit längerem nicht mehr mit der Technologie von Mindmachines und Biofeedback, sondern mit traditionellen Religionen. Denn Mystik kommt nicht aus der Maschine.

"Nichts ist uns gleichzeitig so nah und so fern wie unser Bewußtsein", schreibt der Philosoph Thomas Metzinger. "Durch die Fortschritte der wissenschaftlichen Erforschung des Bewußtseins werden wir in unserer geistigen Intimsphäre berührt." Der Innenraum des Menschen ist nun genauso zum Spielraum möglicher Selbstgestaltung geworden wie der Außenraum. Früher deckten die traditionellen Religionen diesen Bereich ab und gaben sichere Routen im Reich des Geistes vor. Die gesellschaftliche Verbindlichkeit religiöser Weltentwürfe ist jedoch aus vielen Gründen im Schwinden. Wie dieser Spielraum genutzt werden kann, ist offen. Und offen bleibt auch, wer es ist, der hier spielt.

Hörfunktip Mindmachines oder: Mystik aus der Maschine? Von Ursula Baatz, Ö1, Freitag 3. April 1998, 22.17 Uhr, TAO - Religionen der Welt