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"Ich revoltiere, daher bin ich“

1945 1960 1980 2000 2020
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Vor 100 Jahren wurde Albert Camus geboren. Der französische Philosoph und Schriftsteller gibt auch heute noch zu denken.

"Die Auflehnung gibt dem Leben seinen Wert. Erstreckt sie sich über die ganze Dauer einer Existenz, so verleiht sie ihr ihre Größe“. Diese Passage aus dem Buch "Der Mythos des Sisyphos“ des französischen Philosophen und Schriftstellers Albert Camus ist bezeichnend für sein Leben und sein Werk. Camus plädierte für eine permanente Revolte gegen den Absolutheitsanspruch von religiösen Glaubenswahrheiten und gegen den Legitimationswahn selbstgefälliger Ideologien. Sie sind völlig obsolet geworden; was bleibt, ist das Gefühl einer sinnlosen Welt. Der Mensch ist in die Welt geworfen und muss mit seiner Kontingenz fertig werden. Das Stichwort dazu heißt Absurdität. "Das Absurde kann jeden beliebigen Menschen an jeder beliebigen Straßenecke anspringen. Es ist in seiner trostlosen Nacktheit, in seinem glanzlosen Licht nicht zu fassen“, notierte Camus. Absurd war auch sein Tod im Januar 1960. Er starb nach einem Autounfall auf der Route Nationale. In seiner Manteltasche fand sich ein Zugbillett, mit dem er eigentlich reisen wollte.

Der Weg zur Literatur

Geboren wurde Albert Camus am 7. November 1913 in Mondovi im Nordosten Algeriens als Sohn einer armen Landarbeiterfamilie. "Die Armut habe ich nie als Unglück empfunden“, so notierte er in seinen Tagebüchern, "denn das Licht breitete seine Schätze über uns aus“. Von engagierten Lehrern gefördert, die sein Talent erkannten, begann Camus ein Literatur- und Philosophiestudium an der Universität in Algier, das er mit einer Arbeit über den Neuplatonismus abschloss. Zeit seines Lebens hatte sich Camus keineswegs als akademischer Fachphilosoph verstanden. Wenig fachphilosophisch waren auch seine Aktivitäten nach dem Abschluss des Studiums. Er gründete eine kleine Theatergruppe, arbeitete parallel dazu als Journalist und unternahm zahlreiche Reisen. 1940 übersiedelte Camus nach Paris, wo er als Redaktionssekretär der Zeitung Paris-Soir arbeitete.

1942 veröffentlichte er den Roman "Der Fremde“, mit dem er seinen Ruhm als Schriftsteller begründete. Der Roman wurde als "Apologie der Fremdheit“ verstanden, die in einem sachlich-nüchternen Stil die Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit einer "No future“-Generation beschrieb, die sich im Anti-Helden Meursault verkörperte. Der Büroangestellte geht völlig gleichgültig durch das Leben; selbst so einschneidende Ereignisse wie der Tod seiner Mutter oder der Tod eines Arabers, den er erschießt, berühren ihn nicht im Geringsten. "Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß nicht. Ich habe ein Telegramm vom Heim bekommen: Mutter verstorben. Beisetzung morgen. Hochachtungsvoll. Das will nichts heißen“ - so lakonisch beginnt der Roman, der eine Existenz ohne jeglichen Sinnzusammenhang beschreibt. In diesem monotonen Tonfall werden alltägliche Handlungen von Meursault beschrieben, die von immer wieder auftauchenden Wendungen wie "das war mir gleichgültig“ oder "das bedeutete nichts“ begleitet werden. Selbst die Gerichtsverhandlung, in der er sich wegen des Mordes an dem Araber verantworten muss, verfolgt er mit Gleichgültigkeit.

Mit dem Roman "Der Fremde“ wurde Camus schlagartig bekannt. Bereits ein Jahr später publizierte er sein nächstes Hauptwerk: "Der Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde“. In diesem Werk geht es darum, "ob das Leben, die Mühe, gelebt zu werden, lohnt“. Hier entfaltete Camus ausführlich seine These von der Absurdität der menschlichen Existenz - "jenem sonderbaren Seelenzustand, in dem die Leere beredt wird“. Die Absurdität muss zwar als unhintergehbares Faktum akzeptiert werden, dennoch will Camus dem Individuum einen Weg zeigen, wie es seine Würde bewahren kann. Als exemplarische Gestalt für diese Akzeptanz betrachtete Camus die mythologische Figur des Sisyphos, der von den Göttern verurteilt wurde, immer wieder einen Stein den Berg hinaufzurollen. Sisyphos ist das Ideal des absurden Menschen, weil er weiß, dass seine wiederkehrende Tätigkeit vergeblich ist und er sie dennoch von Neuem aufnimmt. Insofern behält er seine Würde, indem er trotzdem ein großes Ja zum Leben ausspricht. "Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen“, lautet der Schlusssatz des Buches.

Gegen jede Tyrannei

Camus beschränkte sich in seinen Reflexionen über die absurde Existenz des Menschen keineswegs auf das Individuum; in seinem 1951 publizierten Werk "Der Mensch in der Revolte“ richtete er sich gegen jede Form der Tyrannei, die im Namen einer Ideologie bereit war, den Einzelnen zugunsten eines messianischen Versprechens zu opfern, wofür sich Jean-Paul Sartre aussprach. Diese Auffassung führte zum Zerwürfnis mit dem ehemaligen Freund, den er seit den 1940er-Jahren kannte. Camus empfahl das maßvolle, "mittelmeerische Denken“, das sich an der antiken griechischen Philosophie orientiert: Im Gegensatz zur Selbstüberschätzung der deutschen und französischen Meisterdenker wie Hegel oder Sartre, die zur Selbstüberschätzung, zum Totalitarismus und zur Radikalität neigten, postulierte Camus, lebten die "mittelmeerische Denker“ einfach, naturnah, maßvoll und dem Glauben an das Leben verpflichtet. "Wir suchen weder Belehrung noch die bittere Weisheit der Größe. Sonne, Küsse und erregende Düfte - alles Übrige kommt uns nichtssagend vor“, schrieb Camus in dem Werk "Hochzeit in Tipasa“.

Trotz der großen Anerkennung, die der Autor der erwähnten Bücher noch durch Werke wie "Die Pest“ und "Der Fall“ erhielt und die 1957 im Literaturnobelpreis den Höhepunkt erreichte, zog sich Camus immer mehr vom literarischen Betrieb zurück. Der ewige Rebell, von dem er im "Mythos des Sisyphos“ sprach, war müde geworden und von der Angst gepeinigt, den selbst gestellten Ansprüchen nicht mehr gerecht zu werden. Der absurde Tod durch den Verkehrsunfall beendete ein Leben, das von der Dialektik von Absurdität und Revolte geprägt war.

Freiheit denken und leben

Es bleibt noch der kurze Hinweis auf zwei umfangreiche Publikationen, die kürzlich erfolgt sind. Der Schweizer Literaturwissenschaftler Martin Meyer gibt in seiner stilistisch elegant formulierten Studie "Albert Camus. Die Freiheit leben“, die im Hanser Verlag erschienen ist, eine fundierte Darstellung eines Denkens, das um die Freiheit kreist. "Sie wird zur Lösung für den Einzelnen, sich seiner Chancen ohne Furcht vor den übermächtigen Instanzen - heißen sie Gott, nennen sie sich die Geschichte - mit Selbstbewusstsein zu versichern“, ist im Vorwort zu lesen. Meyer versteht es vorzüglich, in einer beeindruckenden Rekapitulation der Romane von Camus auf diese Grundthematik zurückzukommen.

Die Freiheit steht auch im Zentrum des französischen Philosophen Michel Onfray. In seinem im Knaus Verlag publizierten Werk mit dem Titel "Im Namen der Freiheit. Leben und Philosophie des Albert Camus“ beschreibt er den Dichterphilosophen als freiheitsliebenden Anarchisten, als "dionysischen Linken“, der für ein leidenschaftliches Leben eintrat, das "durch Sonne und Meer, Dionysos und die Freude, die Linke und das Glück, Sinn für Freundschaft und die Leidenschaft für das Volk definiert ist“.