Antoine Laurain: "Glücklicher als gedacht"

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"Erklärt die Vergangenheit die Gegenwart?" - Ingeborg Waldinger über den Roman "Glücklicher als gedacht" von Antoine Laurain.

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"Erklärt die Vergangenheit die Gegenwart?" - Ingeborg Waldinger über den Roman "Glücklicher als gedacht" von Antoine Laurain.

Die Champagnerkorken knallen. Aber nicht für François Heurtevent, den Helden in Antoine Laurains Roman „Glücklicher als gedacht“ (von Claudia Steinitz hervorragend übersetzt). Heurtevent verkörpert einen sehr französischen Politikertypus, den „député-maire“ (Nationalratsabgeordneter und Bürgermeister in Personalunion). Diese Art der Ämterhäufung wurde in Frankreich 2017 verboten; Laurains Roman erschien acht Jahre zuvor, unter dem schönen Titel „Carrefour des nostalgies“.

Tatsächlich ist Heurtevent an einem „carrefour“, einem Scheideweg des Lebens, angelangt. Sein Nationalratsmandat hat er bei den letzten Parlamentswahlen verloren, und nun, verstörend knapp, auch die Wiederwahl zum Bürgermeister des (fiktiven) Städtchens Perisac. Jeder Funktion enthoben und vom gastronomischen Sternenhimmel seiner Frau überstrahlt, treibt der 48-Jährige durch die Leere der Tage. Als ihm ein altes Klassenfoto in die Hände fällt, beschließt er, die einstigen Schulkameraden aufzustöbern.

Einer hat beim Geheimdienst Karriere gemacht, andere als Immobilienmakler oder Auktionator; die Klassenschönste reüssierte im ältesten Gewerbe der Welt. Einen Informatik-Guru gibt es auch – und einen Priester, den Gott und ein Jahrhundertwein über die Aussichtslosigkeit seiner irdischen Liebe hinwegtrösten. „Erklärt die Vergangenheit die Gegenwart?“ Diese Frage hatte Heurtevent bei seiner Philosophiematura erörtert. Nun stellt er sie neu, mit Blick auf die Klassenkameraden – und auf seinen längst verstorbenen Mentor.

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