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Französisch lernen, deutsch vergessen

Wie Tagungen und Kongresse der Minderheiten bewiesen, ist das Problem ethnischer Gruppen, die in Staaten mit anderen Majoritäten leben, nach wie vor virulent. Ja mehr noch: es wird von Stunde zu Stunde komplizierter.

In einer Zeit, da sich Europa zu einer Einheit anschicken möchte, wird es vom zunehmenden Regionalismus überrascht. Sergio Salvi hat in einem aufsehenerregenden Buch aufgezeigt, wie vielfältig die ethnischen Minoritäten der apenninischen Halbinsel sind und wie sehr sie unterdrückt worden sind und werden.

Ein anderes Beispiel für ethnische Probleme bietet neben Italien das Elsaß. Wie es den Anschein hat, ist dort die staatliche französische Verwaltung drauf und dran, die Dreisprachigkeit -Elsässer Dialekt, Hochdeutsch, Französisch - und in der Folge die Zweisprachigkeit französisch-deutsch mit gezielten Maßnahmen so zurückzudrängen, daß ein Absterben der deutschen Sprache und des Elssässer Dialektes die Folge sein müßte.

Dialekt als erstes Opfer

Da gerade auch Kärnten mit seinem Minderheitenproblem trotz aller Anstrengungen der Regierung nicht zu Rande kommt, scheint ein Blick auf andere Regionen durchaus notwendig.

Der Partikularismus des elsässischen Charakters ist durch eine Folge geschichtlicher Situationen, deren politische und kulturelle Schocks der Elsässer immer abfangen mußte, geformt und umgeformt worden. Instinktiv hat die große Masse der Elsässer den Prozeß der Umwandlung durch ihre reservierte Haltung und ihren unerschütterlichen Hang zum Alten, stets verzögert.

Heute geht der junge Elsässer in Frankreich auf, ohne jedoch die besonderen Eigenschaften seiner Provinz zu verleugnen. Die Elsässer haben ihr Gleichgewicht in der französischen Gemeinschaft gefunden, ohne deswegen weniger Elsässer zu sein.

Was den älteren Elsässer jedoch beunruhigt, ist das Problem der Zweisprachigkeit. Die ältere Generation ist sogar dreisprachig beschlagen. Sie unterscheidet das Französische, das Hochdeutsche und das Elsässische. Sie ist im wechselvollen Gang der Geschichte, die ihr Land einmal vor und einmal hinter die Grenzen der kontrahierenden Staatsgewalten rief - sie ist auch in der Vertrautheit mit den germanischen Komponenten der abendländischen Kultur über das nationalpolitische und staatsbürgerliche Kalkül hinausgewachsen.

Gerade aus dem Aspekt der europäischen Zukunft verstärkt sich bei der älteren Generation der Straßburger Bürgerschaft der Vorbehalt gegen die fran-

zösische Kultur- und Schulpolitik. Man befürchtet, daß es ausgerechnet vor der Schwelle eines neuen Europa mit der sprachlichen Trinität im Elsaß zu Ende gehe, der Dialekt das erste Opfer und das Hochdeutsche bald in der Rolle einer Fremdsprache, die man lernt, aber nicht spricht, gedrängt sei.

Bei der Volkszählung im Jahre 1910 hatten in Elsaß-Lothringen 87,21 Prozent Deutsch als ihre Muttersprache angegeben, wobei die französischsprachigen Gebiete mitgerechnet sind. 1918 kam das Elsaß ungefragt an Frankreich. „Jeden Tag ein Wort Französisch lernen, ein Wort Deutsch vergessen", wurde vom damaligen Leiter der Schulverwaltung, Charlety, als Parole ausgegeben.

Eine immer stärker werdende Protestbewegung, die Heimatrechtsbewegung, konnte der Regierung in Paris nur ein paar mickrige Deutschstunden abringen. Nach 1970 machte sich ein starker Mangel an Deutschlehrern an den elsässischen Pflichtschulen bemerkbar, so daß nicht mehr wie bis vor wenigen Jahren ab der 1. Volksschulklasse, sondern erst ab der 4. Klasse Deutsch für wenige Stunden in der Woche unterrichtet wird.

Da und dort geschieht es schon, daß dem deutschen Kunden vom jüngeren Personal holprig mit gelerntem Hochdeutsch begegnet wird. Die elsässische Jugend unterhält sich fast nur in Französisch und auch in der großen deutschsprachigen Straßburger Tageszeitung ist der Sportteil nur in Französisch gehalten.

Seltene Überbleibsel

Die Zweisprachigkeit ist zum Problem geworden. Die Straßenschilder, die Plakate an den Litfaßsäulen, die Gaststättennamen - sie sind einsprachige Additionen zum anderssprachigen Bild. Die Firmenschilder der Restaurants wie „Zuem Strissel" und „Buerehiesle" zählen als die seltenen Überbleibsel der Mundart, mit der Weihe des Musealen geschützt.

Die Straßburger Speisekarte ist zweisprachig. Sie ist es nicht nur aus touristischen Gründen. Das Französische steht im Sinne der Leserichtung an erster Stelle, dann folgt die deutsche Übersetzung. Die Elsässer können jetzt Französisch, kein schönes, aber ein fließendes; die deutsche Hochsprache können die jüngeren Generationen nicht mehr und auch die Mundart gerät bei den Jungen immer mehr in Vergessenheit.

Nur die private Vereinigung „Co-mite pour Strasbourg, Capitale Euro-peenne" will dem Kulturleben in Straßburg eine markante europäische Note geben und „kämpft" fürs Nahziel dreisprachiger Straßenschilder: Französisch, Englisch, Deutsch.

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