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Religion

Die Modernität der Katholiken

1945 1960 1980 2000 2020
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Die katholische Kirche ist eine ziemlich moderne Institution. Überraschend, nicht? Doch im Vergleich zu den Geschwistern, dem Judentum und dem Islam, ist es in der Tat so. Das Judentum ist nach wie vor eine "stammesbezogene" Religion, mit stetem Ringen darum, wer (biologisch) wirklich Jude sein kann. Es bedarf eines großen Interpretationsaufwandes, aus dem Gott der hebräischen Bibel eine gütige und mit dem modernen Verständnis kompatible Gestalt zu machen. Von einer Trennung von Staat und Religion kann nicht wirklich die Rede sein; soeben handeln sich im Machtspiel die orthodoxen Gruppen in Israel neue (öffentliche) Rechte aus.

Um den Islam steht es nicht besser. Während der Großteil der Muslime ein lockeres Verhältnis zur Lehre aufweist, sind die orthodoxen Kräfte dominierend. Die islamische Welt wird weithin von totalitären Regierungen beherrscht, die sich auf die Religion berufen. Die starke historische Bindung an die "wahre" islamische Zeit des 7. Jahrhunderts verstellt den Blick auf die Gegenwart und macht den Islam zu einer Herrschaftsideologie. Was das Christentum längst hinter sich gelassen hat, sind im Islam gegenwärtige Denkkategorien. Eigentlich ist auch Martin Luther gescheitert, wenn man weltweit die Gruppierungen betrachtet, die sich (ohne viel Gemeinsamkeiten) als protestantisch betrachten. Die katholische Kirche hat sich zwar bis in das frühe 20. Jahrhundert (eigentlich bis zum Zweiten Vatikanum) auch schwergetan, zu Moderne, Liberalität, Friedlichkeit und Demokratie aufzuschließen; aber empirisch ist dies (auf der Grundlage einer historischsituativen Schrifteninterpretation) gelungen, unter Wahrung des Zusammenhalts. Ein paar alte Versatzstücke (Sexualität, Geschlechter) sind noch zu beseitigen. Aber grundsätzlich sind Katholiken weit moderner als ihre Geschwister.

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Graz

Die katholische Kirche ist eine ziemlich moderne Institution. Überraschend, nicht? Doch im Vergleich zu den Geschwistern, dem Judentum und dem Islam, ist es in der Tat so. Das Judentum ist nach wie vor eine "stammesbezogene" Religion, mit stetem Ringen darum, wer (biologisch) wirklich Jude sein kann. Es bedarf eines großen Interpretationsaufwandes, aus dem Gott der hebräischen Bibel eine gütige und mit dem modernen Verständnis kompatible Gestalt zu machen. Von einer Trennung von Staat und Religion kann nicht wirklich die Rede sein; soeben handeln sich im Machtspiel die orthodoxen Gruppen in Israel neue (öffentliche) Rechte aus.

Um den Islam steht es nicht besser. Während der Großteil der Muslime ein lockeres Verhältnis zur Lehre aufweist, sind die orthodoxen Kräfte dominierend. Die islamische Welt wird weithin von totalitären Regierungen beherrscht, die sich auf die Religion berufen. Die starke historische Bindung an die "wahre" islamische Zeit des 7. Jahrhunderts verstellt den Blick auf die Gegenwart und macht den Islam zu einer Herrschaftsideologie. Was das Christentum längst hinter sich gelassen hat, sind im Islam gegenwärtige Denkkategorien. Eigentlich ist auch Martin Luther gescheitert, wenn man weltweit die Gruppierungen betrachtet, die sich (ohne viel Gemeinsamkeiten) als protestantisch betrachten. Die katholische Kirche hat sich zwar bis in das frühe 20. Jahrhundert (eigentlich bis zum Zweiten Vatikanum) auch schwergetan, zu Moderne, Liberalität, Friedlichkeit und Demokratie aufzuschließen; aber empirisch ist dies (auf der Grundlage einer historischsituativen Schrifteninterpretation) gelungen, unter Wahrung des Zusammenhalts. Ein paar alte Versatzstücke (Sexualität, Geschlechter) sind noch zu beseitigen. Aber grundsätzlich sind Katholiken weit moderner als ihre Geschwister.

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Graz