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Praktikanten: Die versteckten Arbeiter

In den letzten zwei Jahren hatte ich immer eine Sieben-Tage-Woche. Privatleben gab es keines", erzählt Stephanie Szologon. Vier Pflichtpraktika musste sie im Zuge ihrer Ausbildung zur Diplom-Sozialpädagogin absolvieren - nur eines wurde entlohnt. Zur besonderen Herausforderung wurde ein Praktikum in einer psychiatrischen Anstalt in Graz: "Ich musste viel investieren, obwohl ich keine Bezahlung bekommen habe: Wie komme ich hin, wo schlafe ich, wie organisiere ich das alles? Ich habe mir die Stelle letztlich über einen Zweitjob finanziert."

Nachdem es in der psychiatrischen Anstalt für sie offiziell ins Wochenende ging, fuhr sie zurück nach Niederösterreich, wo sie bis Sonntagabend die Kinderbetreuung in einer Familie übernahm, danach ging es wieder zurück nach Graz und ins Praktikum. "Alle reden immer davon, wie lustig das Studentenleben ist, wie viel Zeit, Spaß und Freiheiten man hat. Das habe ich nicht so erlebt - der Großteil muss mittlerweile wirklich kämpfen, damit sich alles gut ausgeht", so Szologon.

Großes Machtungleichgewicht

Schätzungen zufolge absolvieren jährlich rund 40.000 österreichische Studierende im Rahmen ihrer Ausbildung ein Pflichtpraktikum - rund drei Jahre verbringen Jungakademiker insgesamt im Schnitt in ungeregelten Arbeitsverhältnissen, bei 25 Prozent der Universitätsabgänger sind es sogar fünf Jahre. Für Veronika Kronberger, Vorsitzende der Plattform "Generation Praktikum", liegt der Grund für den Umstand, dass sich gut ausgebildete Junge Praktikum um Praktikum antun, in der Bildungsexpansion der 1970er-Jahren: "Das Bildungsniveau ist stark gestiegen, junge Menschen absolvieren immer höhere Ausbildungen und dementsprechend verändert sich auch die Erwartungshaltung der Wirtschaft. Dazu kommt noch, dass die Arbeitsmarktsituation momentan sehr angespannt ist." Dass der Druck, schon während des Studiums viel Berufserfahrung zu gewinnen, steigt, weiß Jugendkulturforscher Philipp Ikrath: "Das wird ihnen ständig eingetrichtert und dadurch werden die Jugendlichen enorm in die Defensive gedrängt, denn sie haben das Gefühl, dass sie keine Forderungen stellen können und jeden Praktikumsplatz nehmen müssen, um sich ihre Zukunft nicht zu verbauen."

Das Machtungleichgewicht zwischen einem Arbeitsmarkt, der alle Trümpfe in der Hand habe, während sich andere um rare Angebote raufen müssten, komme erschwerend hinzu. Insgesamt werden 60 Prozent der Praktika nicht bezahlt -somit wird diese Form der Ausbildung zum sozialen Luxus, den sich nur jene leisten können, die mit dem finanziellen Rückhalt der Eltern rechnen können, oder sich um einen Wochenendjob umsehen. Auch für die weitere Lebenslaufbahn ergeben sich damit Probleme: Oft liegt bei unbezahlten Praktika keine Meldung zur Sozialversicherung vor, wodurch es weder einen Pensionsanspruch, noch Anspruch auf Mutterschutz, Arbeitslosen-, Kranken-und Unfallversicherung gibt. "Durchschnittlich liegt das Alter von Uniabsolventen bei 28 Jahren. Wenn man dann die drei, beziehungsweise fünf Jahre dazu rechnet, bis sie ein richtiges Beschäftigungsverhältnis eingehen, sind sie schon Anfang 30, wenn sie beginnen, Pensionsjahre zu sammeln", konkretisiert Kronberger.

Der Zwang zur Selbstoptimierung

Auch die Persönlichkeit der ehemaligen Praktikanten leidet. Laut Jugendkulturforscher Ikrath tun sie sich -vor allem aufgrund der laufenden Forderung nach Flexibilität -sehr schwer, sich festzulegen. "Man vermittelt ihnen, dass sie immer Neues ausprobieren müssen. Dadurch stehen sie unter einem andauernden Selbstoptimierungs-Zwang, der dazu führt, dass sie sich ständig defizitär vorkommen, wenn sie das Tempo, das ihnen vorgegeben wird, nicht mitgehen wollen."

Um die Situation der Praktikanten zu verbessern, fordern SPÖ und Sozialminister Rudolf Hundstorfer nun die genaue Definition des Praktikums im Arbeitsrecht, sowie die vermehrte Verankerung in Kollektivverträgen. Vor allem Entgeltregelungen und verstärkte Kontrollen durch die Gebietskrankenkassen würden angestrebt. "Im Grunde sind bereits in 40 Prozent aller Kollektivverträge Praktika geregelt. Aber man muss das Ganze noch mehr forcieren", erklärt Kronberger.

Auch für sie ist eine arbeitsrechtliche Definition des Praktikums grundlegend: Streng genommen gibt es "das Praktikum" an sich nicht -Pflichtpraktika im Zuge der Ausbildung oder ein "Volontariat", nämlich ein freiwilliges Praktikum, sind die einzigen gesetzlich anerkannten Formen. Neben einer konkreten Beschreibung der Inhalte eines Pflichtpraktikums im Zuge der Universitätsausbildung wäre es für Kronberger zudem denkbar, Praktika nur während der Ausbildung zu erlauben: "Ich verstehe nicht, warum jemand, der über eine abgeschlossene Ausbildung verfügt, erwachsen und mündig ist, nicht ganz regulär nach Einstiegsgehalt entlohnt werden sollte -dazu ist es ja schließlich da."

Anonyme Anlaufstellen

Auch Bernhard Lahner vom Vorsitzteam der ÖH-Bundesvertretung wünscht sich eine gesetzliche Regelung der Praktikumsfrage: "Man muss endlich davon wegkommen, dass Praktikanten als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden." Damit Praktikanten, die Unregelmäßigkeiten in ihrem Beschäftigungsverhältnis feststellen, keine Konsequenzen seitens ihrer Arbeitgeber befürchten müssen, hat Veronika Kronberger vom Verein "Generation Praktikum" gemeinsam mit dem Sozialministerium und der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus und Papier, die Plattform "Watchlist Praktikum" ins Leben gerufen, über die Praktikanten jegliche Missstände anonym melden können. "Ich hoffe, dass das den Arbeitgebern ein bisschen Respekt einflößt und es abschreckend wirkt, sodass junge Leute nicht mehr so stark ausgebeutet werden", so Kronberger.

Auch die ÖH bietet einen "Vertragscheck" und Beratung für arbeitsrechtliche Fragen an. Als weitere Möglichkeit, den ungeregelten Arbeitsverhältnissen vorzubeugen, sieht Kronberger die Aufklärung: "Wenn man im Rahmen einer Lehrveranstaltung ein Pflichtpraktikum zu absolvieren hat, dann sollte hier auch darauf aufmerksam gemacht werden, welche Rechte und Pflichten man als Arbeitnehmer hat."

Junge Menschen kommen heute im Zuge des Berufseinstieges kaum noch am Pflichtpraktikum oder Volontariat vorbei. Für Diplom-Sozialpädagogin Stephanie Szologon hat sich das Praktikumsblatt letztendlich zum Guten gewendet: "Nach meinem letzten Praktikum hat mich die Personalabteilung angerufen und gefragt, ob ich nicht bleiben möchte. Ich habe also schließlich von den Praktika profitiert, auch wenn sicher ein bisschen Glück dabei war."

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