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12-Stunden-Tag: Drehen an der ARBEITSZEIT-SPIRALE?

Ein heißer Julitag liegt über Wien. Hunderttausende Gewerkschafter aus ganz Österreich ziehen zum Sozialministerium in Wien. Sie tragen T-Shirts und halten Tafeln mit der durchgestrichenen Zahl 60 in den Händen. Vergebens. Wenige Tage später wird die Novelle zum Arbeitszeitgesetz mit den Stimmen der Regierungsparteien und der NEOS im Nationalrat beschlossen. Die Gewerkschaft kündigt weitere Proteste an; ebenso einen "heißen Herbst", mit dem sie die Kollektivvertragsverhandlungen meint.

"In den ersten beiden Wochen zählten wir über 80 besorgte Anrufe pro Tag", berichtet Andreas Berger. Er leitet das Referat für Kommunikation im Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB). "Jedes zehnte Mitglied musste bereits länger als früher arbeiten", sagt er. Das neue Arbeitszeitgesetz unterscheide auch nicht zwischen Angestellten verschiedener Branchen oder Tätigkeiten. Er sehe in den aktuellen KV-Verhandlungen einen Hebel, um Druck auf die Arbeitgeber auszuüben und dabei wieder etwas zurückzuholen -als Abgleich für den 12-Stunden-Tag.

Arbeitnehmer unter Druck

In Firmen mit Betriebsräten seien die Mitarbeiter weiterhin besser geschützt, versichert die Arbeiterkammer. Nicht jedoch in jenen, wo es keinen gibt. Dort könnte es zu Konflikten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern kommen. Christian Dunst, Arbeitsrechtsexperte der Arbeiterkammer, erzählt von einem Arbeitnehmer, der vom Arbeitgeber unter Druck gesetzt wurde, weil er der neuen Gleitzeitregelung nicht zustimmen wollte. Er wandte sich an die Arbeiterkammer. Weitere Härtefälle schließt diese aber nicht aus. "Nur wenige Betroffene wenden sich an uns", sagt Dunst.

Für Herbert K. (Name der Redaktion bekannt) hat sich in den vergangenen Wochen nichts geändert. Seit über zehn Jahren arbeitet er als Pflegehelfer bei einer Sozialhilfeorganisation in Wien. Klienten waschen, deren Wohnungen putzen, für sie einkaufen gehen -Tätigkeiten wie diese gehören zu seinem Arbeitsalltag. Ja, die Gesetzesänderung sorgte auch unter der Kollegenschaft für Unruhe, erinnert er sich. Mehrstunden müsse er nur leisten, wenn er etwa für einen Kollegen einspringt.

"Arbeitszeiten von 60 Stunden pro Woche über mehrere Wochen, wenn nicht Monate könnten in manchen Branchen zum Normalfall werden", warnt der Arbeitssoziologe Jörg Flecker von der Universität Wien. "Ab der siebten oder achten Stunde am Tag nimmt die Fehlerhäufigkeit zu." Jörg Flecker weist auch auf gesundheitliche Risiken als Folge der neuen Arbeitszeiten hin.

Viele Arbeitnehmer klagen über Burnout oder Überlastung, weiß Arbeitsmedizinerin Schirin-Martina Missaghi. Das Arbeitszeitgesetz setze viele Arbeitnehmer weiter unter Druck. Sie müssen mehr leisten als vorher. "Was machen wir aber mit jenen, die den 12-Stunden-Tag nicht schaffen und der erhöhten Arbeitsleistung nicht standhalten?", fragt sie sich. Nicht jeder bewältige zusätzliche Stunden -sei es aus persönlichen oder familiären Gründen. Längere Arbeitszeiten waren in Unternehmen bisher auch möglich. Der Betriebsrat sowie ein Arbeitsmediziner mussten aber der Änderung zustimmen, bevor der Arbeitgeber einen 12-Stunden-Arbeitstag über einen bestimmten Zeitraum anordnen konnte. Diese Zustimmung entfalle nun, bedauert Arbeitsmedizinerin Missaghi.

"Es wird immer Menschen geben, die mehr als 40 Stunden arbeiten wollen", sagt der Wirtschaftssoziologe Bernhard Kittel im Gespräch mit der FURCHE. "Diese haben wahrscheinlich auch keine Kinder, die sie betreuen müssen." Für viele aber, die derzeit schon zwischen Arbeit und Familie balancieren, werde es in Zukunft schwieriger, so Kittel. "Früher musste der Arbeitgeber den Arbeitnehmer bitten, länger zu bleiben. Heute muss der Arbeitnehmer gegen angeordnete Überstunden argumentieren."

Freiwillig ein wenig mehr?

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein längerer Arbeitstag plötzlich über einen hereinfällt", ist Martin F. überzeugt (Name der Redaktion bekannt). Seit über 25 Jahren arbeitet er in der IT-Branche. "Ich kenne meinen Beruf und weiß, dass manche Arbeiten eben länger dauern." Tragische Einzelfälle werde es bestimmt geben, glaubt er. Die Vorteile des neuen Gesetzes würden jedoch überwiegen, ist der Techniker überzeugt.

"Das neue Arbeitszeitgesetz hat bei uns die Änderung gebracht, dass Mitarbeiter jetzt freiwillig und nur auf eigenen Wunsch auch 12-Stunden-Tage machen dürfen und auch schreiben können, um so eine kürzere Arbeitswoche zu haben", erklärt Werner Hackl, Betriebsratsvorsitzender von Billa. "Dies umfasst allerdings nicht die 60-Stunden-Woche, diese soll nur in Stoßzeiten zur Anwendung kommen." Das neue Arbeitszeitgesetz sieht der Betriebsrat mit gemischten Gefühlen: Für ihn seien die neuen Arbeitszeiten eine gute Möglichkeit, die Arbeitswoche zu verkürzen. Es habe niemand etwas dagegen, zwölf Stunden zu arbeiten, aber das müsse "gescheit" geregelt werden, betont er. "Wichtig ist für uns, dass die elfte und zwölfte Stunde als Überstunde gilt und auch mit dem entsprechenden Zuschlag abgegolten wird. Dies wurde im Gesetz zum Glück auch so geregelt." Das nachträgliche Ergänzen der Freiwilligkeit sei auch ein wichtiges Kriterium für die Umsetzung in der Praxis, so Hackl. "Im Großen und Ganzen denke ich nicht, dass die neue Regelung ein Problem innerhalb unseres Konzerns werden wird."

Repräsentative Erfahrungswerte, wie die neuen Arbeitszeitbestimmungen in der Praxis angenommen und umgesetzt werden, gebe es bislang noch nicht, heißt es aus dem Sozialministerium. "Es scheint sich aber bislang die Tendenz abzuzeichnen, dass, wenn überhaupt, eher nur an einzelnen Tagen bei Bedarf bis zwölf Stunden gearbeitet wird, aber eher weniger auch 60 Stunden in der Woche."

Näher an der Realität

"Wir begrüßen das neue Gesetz sehr", zeigt sich Rolf Gleißner von der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer zufrieden. Er sieht darin wesentliche Forderungen nach mehr Flexibilität der Arbeitszeit berücksichtigt. Die meisten Mitglieder seien erleichtert, da bei längeren Arbeitszeiten jetzt Rechtssicherheit herrsche, was vorher nicht der Fall war, betont Rolf Gleißner. Nur wenige Unternehmen würden bestehende Verträge ändern.

Für Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung, war das alte Gesetz wenig praktikabel. "Die Rückmeldungen aus den Unternehmen zeigen, dass die Änderungen im täglich erlebten Unternehmensalltag gering sind." Auch sei das Miteinander von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in den Betrieben in der Realität wesentlich besser und konstruktiver als es in der öffentlichen Diskussion von Arbeitnehmerorganisationen dargestellt wird, so der Generalsekretär. "In den Unternehmen weiß man am besten Bescheid, welche Arbeitszeitmodelle für ihre Beschäftigten am besten passen."

Viele Arbeitgeber halten sich derzeit bei der Umsetzung des neuen Gesetzes zurück, stellt Karl Dürtscher von der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA) fest. "Weil sie spüren, dass es sonst im Rahmen der Herbstkollektivvertragsrunde zu Schwierigkeiten kommen könnte." Er fordert auch eine Sonderkollektivvertragsrunde. "Wir wollen die soziale Schieflage, die die Reform mit sich brachte, korrigieren."

Herbert geht nochmals seinen Dienstplan für die kommenden Woche durch -auch am nächsten Wochenende muss er wieder "ausrücken". Rund um das neue Arbeitszeitgesetz werde nach wie vor viel zu viel Wirbel gemacht, findet dagegen Martin. "Ich höre viel Schall, sehe aber kaum Rauch."

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