Die Erfinderin der Einbauküche

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Verantwortungsvoll im Bauen wie im Leben: Zum Tod der 102jährigen Wiener Architektin Margarethe Schütte-Lihotzky.

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Verantwortungsvoll im Bauen wie im Leben: Zum Tod der 102jährigen Wiener Architektin Margarethe Schütte-Lihotzky.

Machen Sie mich nicht noch älter, als ich ohnehin schon bin," meinte Margarethe Schütte-Lihotzky, als ich ihr kurz vor Weihnachten zum baldigen 104. Geburtstag gratulieren wollte. Sie hatte natürlich recht, am 23. Jänner wäre sie 103 Jahre alt geworden. Margarethe Schütte-Lihotzky war eine Berühmtheit, trotzdem stand sie - ganz gewöhnlich - im Telefonbuch, ging selber an den Hörer und traf junge Menschen gerne. Bis zuletzt hatte sie einen vollen Terminkalender und war häufig bei Veranstaltungen und Ausstellungen zu sehen.

Als erste Frau Österreichs hat sie das Architekturstudium abgeschlossen. "Ich war nie eine Feministin, auch nie eine besondere Kämpferin. Außerdem war ich damals ohnehin allein auf weiter Flur. Noch mein Vater hatte 1916 nie geglaubt, daß jemand einer Frau den Auftrag geben könnte, ein Haus zu bauen", erzählte sie. Ihr Wunsch, Architektur zu studieren, überwand elterliche Skepsis. "Ich wollte immer nur Wohnungen bauen, die direkte Umgebung des Menschen gestalten. Das Soziale am Wohnungsbau, das mathematisch präzise, und das künstlerische, das liegt in meiner Veranlagung." Sie wußte genau, was sie wollte.

Schon als Studentin arbeitete Schütte-Lihotzky mit Adolf Loos zusammen. Analytisch, genau und klug behandelte sie Bauaufgaben, fiel schon als Studentin auf und konnte sich in einer Männerdomäne durchsetzen. Die junge Frau aus bürgerlicher Familie arbeitete im "Österreichischen Verband für Siedlungs-und Kleingartenwesen" mit, um die Wohnverhältnisse der Zwischenkriegszeit zu verbessern. "Damals gab es Demonstrationen am Ring, wo die Menschen für ein Dach über dem Kopf auf die Straße gingen. Ich saß 1921 neben Loos auf der Tribüne, als tausende vorbeizogen, um für Grund und Boden zu kämpfen. Es gab kaum Baumaterialien und die Siedlerbewegung bemühte sich, daß die Menschen möglichst viel selbst bauen konnten und einen Garten zur Selbstversorgung bekamen," schilderte sie die damaligen Verhältnisse.

Im März 1922 erhielt sie die bronzene Medaille der Stadt Wien für den Entwurf einer Spülkücheneinrichtung. Später sollte sie mit einer Küche weltberühmt werden: sie folgte Ernst May nach Frankfurt, um "Wohnungen für das Existenzminimun" zu entwickeln. Ihr Beitrag, die "Frankfurter Küche" ist bis heute in ihrer bis ins kleinste Detail durchdachten Planung unübertroffen. Aufklappbare, platzsparende Bügeltische, ein Gemüseschneidbrett und die dem Bewegungsablauf auf kleinstem Raum angepaßte Anordnung von Schneiden, Kochen, Spülen und Entsorgen machen bis heute tausenden Frauen den Alltag leichter.

In ihrer eigenen Privatwohnung nutzte Schütte-Lihotzky eine solche Küche, der beste Beweis für eine gelungene Planung.

Dabei konnte sie nach eigenen Angaben gar nicht kochen. Dafür hatte sie aus Rußland eine Meisterschaft im Teezubereiten mitgebracht, die sie, schon fast gänzlich erblindet, bis zuletzt in einer gläsernen Kanne übte. Besuchern bereitete sie das exquisite Teekonzentrat gerne und gekonnt zu.

Schütte-Lihotzky war in jeder Hinsicht Pionierin: "Die Architektur ist die einzige Kunst, die ständig auf den Menschen einwirkt, ob er will oder nicht, sie kann nie im Wolkenkuckucksheim schweben. Der Architekt schafft Räume, in denen sich der Mensch wohlfühlt, oder eben nicht," erkannte sie früh den Zusammenhang zwischen Raum und Psyche.

So verantwortungsvoll, wie sie plante, handelte sie auch als Mensch. Als sie den aufkeimenden Nationalsozialismus erkannte, zog sie daraus Konsequenzen und engagierte sich im Widerstand. In den dreißiger Jahren setzte sie sich furchtlos der kalten, russischen Steppe aus, um den Menschen dort mit Wohnbau- und Kindergartenplanungen das Leben zu erleichtern, später engagierte sie sich in Istanbul in einer Antifaschistengruppe.

Bei einem Prozeß vor dem Volksgerichtshof rechnete sie schon mit dem Todesurteil, das die meisten Angeklagten erwartete - sie kam mit 15 Jahren Zuchthaus davon. Das Leben hat sie nun viel später, nicht ganz 103 jährig, friedlich beenden dürfen. Ihr Wirken und ihre Haltung werden ihre physische Lebenszeit allerdings weit überdauern.

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