Einstein on the Beach - Szene - © Museumsquartier

Apokalypse now

1945 1960 1980 2000 2020

Unkonventionelles Bilder-Theater: „Einstein on the Beach“ von Philip Glass.

1945 1960 1980 2000 2020

Unkonventionelles Bilder-Theater: „Einstein on the Beach“ von Philip Glass.

Wird uns die Apokalypse mit solchen Bildern konfrontieren? Wie Reste antiker Tempel, tierähnliche Gestalten, hinter denen sich skurril gewandete Menschen verbergen, Bögen als Überreste von offensichtlich Überirdischem, Fahnen, deren Farben und Ornament auf die Unterschiedlichkeit von Völker und Kulturen und die Schwierigkeit eines friedlichen Miteinander verweisen. Knochenreste, die an das Kannibalische des Menschen gemahnen. Naturbilder, die unmissverständlich auffordern, der Zerstörung Einhalt zu gebieten, den Klima-, damit den Artenschutz und das Überleben der Menschheit endlich ernst zu nehmen.

Damit und mit noch viel mehr geheimnisvollen Bildern wartet die mit Symbolen überfrachtete, schrille Bühnenarchitektur von Markus Selg für die gemeinsam mit Regisseurin Susanne Kennedy verantwortete jüngste Produktion des Philip-Glass-Klassikers „Einstein on the Beach“ auf. Eigentlich ein Gemeinschaftswerk, denn die Idee zu diesem unkonventionellen Bilder-Theater hatte Regisseur Bob Wilson, der schließlich im Minimal-­Music-Pionier Glass den kongenialen Partner fand. Wobei die beiden sich schon vor der fünf Stunden dauernden Uraufführung 1976 in Avignon darüber einig waren, dass es sich hier um ein Werk handle, das man nicht erklären müsse. Daher haben sie nie eine Werkinterpretation versucht, führen allerdings den Betrachter pointiert in die Irre, wenn sie diese ungewöhnliche Performance aus Musik, Tanz, Wort und Sprache taxfrei zu einem Opernvierakter erklären, um dann auch noch einen Titel zu erfinden, der mit diesem Opus bestenfalls am Rande zu tun hat.

Denn weit und breit kein Strand, und von Einstein erfährt man nur, dass die Geige seine große Leidenschaft war. Oder doch mehr? Immer wieder werden von den Protagonisten Zahlen in den Raum geworfen, zudem rätselhafte Texte eines autistischen Dichters, Christopher Knowles, zitiert. Hinweise auf die Unverständlichkeit so mancher hoher Wissenschaft? Auch in Glass’ sich fortwährend in Wiederholungen präsentierende Musik muss man sich einhören, um hinter den klaren Strukturen, die auch Tonsilben raffiniert wie redundant miteinschließen, deren tief meditativen Gestus zu erkennen. Eine Aufgabe, der sich die Basler Madrigalisten und das gleich exzellente Ensemble Phoenix Basel unter der konzentriert-souveränen Leitung von André de Ridder mit kaum überbietbarer Brillanz widmeten. Was die Besucher auch hautnah mitverfolgen konnten.

Wer nämlich dieser – diesmal dreieinhalbstündigen – Aufführung im Museumsquartier nicht im Zuschauerraum folgen wollte, konnte dies auch auf der sich stetig drehenden, damit immer wieder neue Perspektiven eröffnenden Bühne tun. Auch das ein außerordentliches Erlebnis.

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