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Feuilleton

Nichts gewagt, halb verloren

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Das "Theater an der Wien" wurde mit Mozarts "Idomeneo" als neues Opernhaus eröffnet.

Wiens neues Opernhaus hätte sich durchaus einen besseren Start wünschen können. Zuerst das mit mäßigen bis verheerenden Kritiken bedachte Inaugurationskonzert, nun ein durchwachsener "Idomeneo", der sich nicht als jenes perfekte Geburtstagsgeschenk zum 250. von Wolfgang Amadeus Mozart entpuppte, das die glänzende Verpackung versprochen hatte. Dabei war das endlich vom Musical erlöste Theater an der Wien unter seinem Leiter Roland Geyer auf Nummer sicher gegangen: Die Koproduktion mit der Wiener Staatsoper garantiert eine Starbesetzung, die Wahl des Stückes - Mozarts frühestes Bühnenwerk, das sich im Repertoire gehalten hat - birgt kein Risiko.

Allerdings machten krankheitsbedingte Ausfälle der Aufführung schon im Vorfeld zu schaffen: Seiji Ozawa musste am Pult durch Peter Schneider ersetzt werden, Willy Deckers Regie wurde von Karin Voykowitsch vollendet. Bei der Premiere kam noch ein angeschlagener Neil Shicoff hinzu, dessen mitunter gequält klingende Stimme sich an diesem Abend als nicht beweglich genug erwies für die Titelpartie, was dem Publikumsliebling prompt einige böse Buhs einbrachte. Nicht genug: Das biedere Dirigat tendierte trotz Einsatz des Staatsopernorchesters - vulgo Wiener Philharmoniker - mitunter sogar zu Holprigkeit und gab höchstens eine solide Basis ab für die Höhenflüge der Damen.

Diese nämlich versöhnten mit allen musikalischen Mängeln der Aufführung. Am wenigsten noch Angelika Kirchschlager, die sich mit der Farblosigkeit der Partie des kretischen Prinzen Idamante abfinden musste. Umso mehr strahlten die Sängerinnen jener Figuren, die sich um den Jüngling balgen: Mit Innigkeit Genia Kühmeier als trojanische Prinzessin Ilia, mit bebendem Stolz und Zorn Barbara Frittoli als griechische Prinzessin Elettra.

So wie Mozart mit seinem "Idomeneo" musikalisch den Rahmen der alten opera seria sprengte, so überwinden auch Decker beziehungsweise Voykowitsch trefflich die Steifheit dieser Gattung: Reduziert auf die handelnden Personen und ihre Beziehungen, auf den Stufen eines antiken Amphitheaters erzählen sie die mythologische Geschichte des kretischen Königs, der in die tragische Situation gerät, seinen eigenen Sohn den Göttern opfern zu müssen, und nur im letzten Moment von einer Stimme aus dem Himmel von der grausigen Pflicht befreit wird.

Großes Geschick beweisen Decker/Voykowitsch vor allem mit dem Chor (Arnold Schoenberg Chor, geleitet von Erwin Ortner), der wie in einem antiken Drama als eigenständiger Protagonist agiert. Er übernimmt sogar die Rolle des Seeungeheuers, das nachdrücklich an des Königs unglücklichen Schwur erinnert. Wenn am Ende der alte absolutistische König abdankt und dem vom Geist der Aufklärung getragenen Sohn Platz macht, so verwandeln sich auch die in barocke Korsette gezwängten Chor-Zombies in freie Menschen.