Digital In Arbeit
Feuilleton

Aus dem Geist des Widerspruchs

1945 1960 1980 2000 2020

Friedrich chriStiAn deliuS denkt und SchreiBt PolitiSch. Am 29. oktoBer erhält er den GeorG-Büchner-PreiS.

1945 1960 1980 2000 2020

Friedrich chriStiAn deliuS denkt und SchreiBt PolitiSch. Am 29. oktoBer erhält er den GeorG-Büchner-PreiS.

Sein Deutschland lässt ihn nicht los. Es regt ihn auf, und es regt ihn an zum Schreiben. Einmal nimmt er die Vorgänge im Land bitter ernst, dann wieder sucht er Zuflucht bei der Ironie. Er geißelt Deutschland und fühlt sich darin doch sehr gut aufgehoben. So einer wie Friedrich Christian Delius nährt sich nämlich geistig vom Widerspruch. Er bedarf dringend eines Gegners, an dem er sich messen darf, so stärkt er seine eigene Haltung. An Delius haben wir einen politischen Autor, der mit der Rolle des Oppositionellen seinen Ort in der Gesellschaft gefunden hat. Wenn kritische Stellungnahmen zum Zustand Deutschlands und zur geistigen Verfassung der Zeit gefragt sind, bietet sich Delius als verlässlicher Auskunftgeber an. Als Feind eines wild gewordenen Kapitalismus versteht er seine Argumente unmissverständlich zu vertreten, als Widersacher eines normierten Sozialismus attackiert er die Vertreter einer Ideologie, der die Ideen abhanden gekommen sind. Nun steht Delius also hier und schlägt um sich. Nicht wild und ungebärdet, immer durchdacht und von tadelloser Haltung, denn die Form gehört für ihn zur Voraussetzung eines gelungenen Einspruchs.

Politische Schieflagen im Blick

Die Bücher von Delius sind ohne Geschichte und die politischen Umbrüche seiner Zeit nicht zu denken. "wie alles sich öffnet und wendet und kippt", stellt der schwadronierende Assoziationsmeister in der Erzählung "Die Birnen von Ribbeck" erstaunt fest. Gerade noch war er als DDR-Bürger im Fontane'schen Havelland zum Schweigen verdammt, und jetzt, da die Hochzeit zweier deutscher Staaten endlich vollzogen ist, verschafft er sich in einer ausufernden Brandrede Luft. Jetzt schwemmt es die deutsche Geschichte aus der Sicht eines Untertanen, der gerade das Aufbegehren lernt, über die Ufer eines eingefriedeten Erzählflusses. Ein Wort gibt das andere, wie es die Assoziation eben so will, ein aufmüpfiger Einfall ermuntert den nächsten, sich ans Licht des Tages zu wagen: "wenn das Alte nichts gilt und nur das Neue zählt und nun unter der neuen Wirtschaft mit der Weisheit des Marktes noch mehr verdirbt als je in den Jahren der Wirtschaft des Plans", klagt der Erzähler, der in sich in der alten DDR nicht zu Hause fühlte und mit dem vereinigten Deutschland nichts anzufangen vermag. Einem echten Delius-Helden bleibt das Nörgeln, das Aufbegehren und jener störrische Witz, dem eine aufklärerische Funktion zukommt.

Die Erzählung erschien 1991, Delius war einer der Schnellsten, der literarisch auf die deutsche Vereinigung reagierte. Ein Schnellschuss ist diese Erzählung dennoch nicht. Sie besteht aus einem endlos langen, über 79 Seiten gedehnten Satz, in dem einer abrechnet mit den Macht-und Herrschaftsformen des 20. Jahrhunderts. Als Nörgler hat er jedes Recht, sich über Ordnungssysteme zu empören, die immer nur dazu da waren, Menschen an die Leine zu nehmen. Es sprudelt nur so raus aus dem Erzähler, dem wahrscheinlich gar keiner zuhört, sonst müsste dem Unverfrorenen längst einer über den Mund fahren. Alle befinden sich in Feierstimmung, nur diesem einen platzt der Kragen. Gerade sind die großherzigen Gönner aus dem früheren Westdeutschland in das kleine Dorf im Havelland "mit drei Omnibussen und rot und weiß und blau lackierten Autos" eingebrochen, um in Erinnerung an eine Fontane-Ballade einen Birnbaum zu pflanzen und dieses Ereignis mit Freibier, Würstchen und Birnenschnaps zu feiern. Die Kolonisatoren führen sich auf wie gute Kumpel, kein Wunder, dass dieser wütende Beobachter eine Schimpftirade auf die falschen Freunde loslässt. Als Einstieg in das Werk des Friedrich Christian Delius eignet sich dieser Text vorzüglich, weil er auf kleinem Raum den für ihn so typischen Geist, der stets verneint, anschaulich werden lässt.

Der 1943 in Rom geborene Schriftsteller ist im Umkreis der 68er-Bewegung politisch erwachsen geworden. Seine Lyrik aus dieser Zeit kann man getrost vernachlässigen, sie ist Zeitdokument ohne besondere ästhetische Verdienste. Aufsehen erregte er mit seiner als Festschrift getarnten Satire "Unsere Siemens-Welt"(1972). Dagegen wusste sich der so mächtige Konzern nur mit einem Prozess zu wehren, sodass ein paar Stellen des Buches geschwärzt werden mussten. Mit einem Schlag verfügte der Autor über einen Namen.

Nach und nach vermaß er die politische Schieflage Deutschlands und bekam es an den wunden Punkten zu fassen. Das Trauma der Nation ist das Jahr 1977, jene als Deutscher Herbst bekannt gewordene Krise, in die das Land stürzte, als die Terrororganisation RAF ungewohnt heftig zuschlug. In einer Trilogie hat sich Delius des Themas angenommen, um vorzuführen, wie sich die Gesellschaft unter dem Eindruck von Gewalt verändert: Der Roman "Ein Held der inneren Sicherheit" (1981) liefert das spöttische Porträt eines Chefideologen, dessen Vorgesetzter entführt wird und dem kurzfristig ein neues, schönes Reich der Freiheit aufleuchtet. "Mogadischu Fensterplatz"(1987) greift aus der Perspektive einer Passagierin die Ereignisse um die Entführung des Flugzeugs "Landshut" auf, als der Staat erpresst werden sollte. Mit "Himmelfahrt eines Staatsfeindes" (1992) liefert Delius eine Romangroteske ab, in der die toten Terroristen aus Stammheim ein Staatsbegräbnis erfahren, weil ihre Verdienste um den Zusammenhalt der Nation gewürdigt werden sollen.

Freiraum gegen die Zumutungen der Unterordnung

Mit der Erzählung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" (1994) hat Delius einen wunderbar leichten Ton gefunden, um unverkrampft und heiter von deutscher Zeitgeschichte zu erzählen. Am 4. Juli 1954 sitzt ein elfjähriger Pastorensohn angespannt vor dem Radio, um der Übertragung des Fußballspiels Deutschland gegen Ungarn zu lauschen. So bricht der Bub aus der Enge seines Milieus aus, schafft sich einen Freiraum gegen die Zumutungen der Unterordnung und beginnt zu ahnen, dass es ein Reich der Freiheit jenseits des von den Eltern abgesteckten Raums gibt. Es kommt einem Umsturz gleich, wenn auf einmal der eine Gott eine harte Konkurrenz von Fußballgöttern zu ertragen hat.

Als eines der schönsten Bücher von Delius ist ein als Nebenwerk gehandelter schmaler Lyrikband zu würdigen: "Japanische Rolltreppen" aus dem Jahr 1989. Delius bedient sich der traditionellen Tanka-Form, die aus 31 Silben und fünf Zeilen besteht. Die Ergebnisse aus Zufall und Notwendigkeit wirken ungetrübt frisch: "Deutscher Wellenschlag /Anarchie und Ordnung, so /Nackt ging ich noch nie / Auf dem Seil, Rasierklingen /In der Hand, über das Meer."

Sein Deutschland lässt ihn nicht los. Es regt ihn auf, und es regt ihn an zum Schreiben. Einmal nimmt er die Vorgänge im Land bitter ernst, dann wieder sucht er Zuflucht bei der Ironie. Er geißelt Deutschland und fühlt sich darin doch sehr gut aufgehoben. So einer wie Friedrich Christian Delius nährt sich nämlich geistig vom Widerspruch. Er bedarf dringend eines Gegners, an dem er sich messen darf, so stärkt er seine eigene Haltung. An Delius haben wir einen politischen Autor, der mit der Rolle des Oppositionellen seinen Ort in der Gesellschaft gefunden hat. Wenn kritische Stellungnahmen zum Zustand Deutschlands und zur geistigen Verfassung der Zeit gefragt sind, bietet sich Delius als verlässlicher Auskunftgeber an. Als Feind eines wild gewordenen Kapitalismus versteht er seine Argumente unmissverständlich zu vertreten, als Widersacher eines normierten Sozialismus attackiert er die Vertreter einer Ideologie, der die Ideen abhanden gekommen sind. Nun steht Delius also hier und schlägt um sich. Nicht wild und ungebärdet, immer durchdacht und von tadelloser Haltung, denn die Form gehört für ihn zur Voraussetzung eines gelungenen Einspruchs.

Politische Schieflagen im Blick

Die Bücher von Delius sind ohne Geschichte und die politischen Umbrüche seiner Zeit nicht zu denken. "wie alles sich öffnet und wendet und kippt", stellt der schwadronierende Assoziationsmeister in der Erzählung "Die Birnen von Ribbeck" erstaunt fest. Gerade noch war er als DDR-Bürger im Fontane'schen Havelland zum Schweigen verdammt, und jetzt, da die Hochzeit zweier deutscher Staaten endlich vollzogen ist, verschafft er sich in einer ausufernden Brandrede Luft. Jetzt schwemmt es die deutsche Geschichte aus der Sicht eines Untertanen, der gerade das Aufbegehren lernt, über die Ufer eines eingefriedeten Erzählflusses. Ein Wort gibt das andere, wie es die Assoziation eben so will, ein aufmüpfiger Einfall ermuntert den nächsten, sich ans Licht des Tages zu wagen: "wenn das Alte nichts gilt und nur das Neue zählt und nun unter der neuen Wirtschaft mit der Weisheit des Marktes noch mehr verdirbt als je in den Jahren der Wirtschaft des Plans", klagt der Erzähler, der in sich in der alten DDR nicht zu Hause fühlte und mit dem vereinigten Deutschland nichts anzufangen vermag. Einem echten Delius-Helden bleibt das Nörgeln, das Aufbegehren und jener störrische Witz, dem eine aufklärerische Funktion zukommt.

Die Erzählung erschien 1991, Delius war einer der Schnellsten, der literarisch auf die deutsche Vereinigung reagierte. Ein Schnellschuss ist diese Erzählung dennoch nicht. Sie besteht aus einem endlos langen, über 79 Seiten gedehnten Satz, in dem einer abrechnet mit den Macht-und Herrschaftsformen des 20. Jahrhunderts. Als Nörgler hat er jedes Recht, sich über Ordnungssysteme zu empören, die immer nur dazu da waren, Menschen an die Leine zu nehmen. Es sprudelt nur so raus aus dem Erzähler, dem wahrscheinlich gar keiner zuhört, sonst müsste dem Unverfrorenen längst einer über den Mund fahren. Alle befinden sich in Feierstimmung, nur diesem einen platzt der Kragen. Gerade sind die großherzigen Gönner aus dem früheren Westdeutschland in das kleine Dorf im Havelland "mit drei Omnibussen und rot und weiß und blau lackierten Autos" eingebrochen, um in Erinnerung an eine Fontane-Ballade einen Birnbaum zu pflanzen und dieses Ereignis mit Freibier, Würstchen und Birnenschnaps zu feiern. Die Kolonisatoren führen sich auf wie gute Kumpel, kein Wunder, dass dieser wütende Beobachter eine Schimpftirade auf die falschen Freunde loslässt. Als Einstieg in das Werk des Friedrich Christian Delius eignet sich dieser Text vorzüglich, weil er auf kleinem Raum den für ihn so typischen Geist, der stets verneint, anschaulich werden lässt.

Der 1943 in Rom geborene Schriftsteller ist im Umkreis der 68er-Bewegung politisch erwachsen geworden. Seine Lyrik aus dieser Zeit kann man getrost vernachlässigen, sie ist Zeitdokument ohne besondere ästhetische Verdienste. Aufsehen erregte er mit seiner als Festschrift getarnten Satire "Unsere Siemens-Welt"(1972). Dagegen wusste sich der so mächtige Konzern nur mit einem Prozess zu wehren, sodass ein paar Stellen des Buches geschwärzt werden mussten. Mit einem Schlag verfügte der Autor über einen Namen.

Nach und nach vermaß er die politische Schieflage Deutschlands und bekam es an den wunden Punkten zu fassen. Das Trauma der Nation ist das Jahr 1977, jene als Deutscher Herbst bekannt gewordene Krise, in die das Land stürzte, als die Terrororganisation RAF ungewohnt heftig zuschlug. In einer Trilogie hat sich Delius des Themas angenommen, um vorzuführen, wie sich die Gesellschaft unter dem Eindruck von Gewalt verändert: Der Roman "Ein Held der inneren Sicherheit" (1981) liefert das spöttische Porträt eines Chefideologen, dessen Vorgesetzter entführt wird und dem kurzfristig ein neues, schönes Reich der Freiheit aufleuchtet. "Mogadischu Fensterplatz"(1987) greift aus der Perspektive einer Passagierin die Ereignisse um die Entführung des Flugzeugs "Landshut" auf, als der Staat erpresst werden sollte. Mit "Himmelfahrt eines Staatsfeindes" (1992) liefert Delius eine Romangroteske ab, in der die toten Terroristen aus Stammheim ein Staatsbegräbnis erfahren, weil ihre Verdienste um den Zusammenhalt der Nation gewürdigt werden sollen.

Freiraum gegen die Zumutungen der Unterordnung

Mit der Erzählung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" (1994) hat Delius einen wunderbar leichten Ton gefunden, um unverkrampft und heiter von deutscher Zeitgeschichte zu erzählen. Am 4. Juli 1954 sitzt ein elfjähriger Pastorensohn angespannt vor dem Radio, um der Übertragung des Fußballspiels Deutschland gegen Ungarn zu lauschen. So bricht der Bub aus der Enge seines Milieus aus, schafft sich einen Freiraum gegen die Zumutungen der Unterordnung und beginnt zu ahnen, dass es ein Reich der Freiheit jenseits des von den Eltern abgesteckten Raums gibt. Es kommt einem Umsturz gleich, wenn auf einmal der eine Gott eine harte Konkurrenz von Fußballgöttern zu ertragen hat.

Als eines der schönsten Bücher von Delius ist ein als Nebenwerk gehandelter schmaler Lyrikband zu würdigen: "Japanische Rolltreppen" aus dem Jahr 1989. Delius bedient sich der traditionellen Tanka-Form, die aus 31 Silben und fünf Zeilen besteht. Die Ergebnisse aus Zufall und Notwendigkeit wirken ungetrübt frisch: "Deutscher Wellenschlag /Anarchie und Ordnung, so /Nackt ging ich noch nie / Auf dem Seil, Rasierklingen /In der Hand, über das Meer."