Folgenreicher Verlust der Liebe

Peter Stein inszenierte Shakespeares "König Lear“ mit Klaus Maria Brandauer. Aus dem jähen Zusammenbruch von Liebe und Vertrauen entsteht ein allumgreifender Verfall ohne Vernunft.

Die Erwartungen waren hoch, vielleicht zu hoch, so dass am Ende des viereinhalbstündigen Abends im freundlichen aber auch irgendwie zurückhaltenden Applaus eine gewisse Enttäuschung zu spüren war. Dabei war es doch wie immer, wenn Regiealtmeister Peter Stein inszeniert. Mit philologischer Akribie entwickelt er seine Inszenierung mit Hilfe eines hochkarätigen Ensembles ganz aus der Sprache heraus und verzichtet gänzlich auf Aktualisierungen und weitgehend auch auf Deutung. Das führt dazu, dass dieser "König Lear“, seine erste Arbeit am Wiener Burgtheater überhaupt (!), knapp am Lächerlichen vorbei schrammt. Denn das zahlreiche Sterben, die langen Fechtduelle, die pompösen Auftritte mit Fahnen und Fanfaren, die edlen bodenlangen Roben der Könige, an denen sich die Kürschner austoben durften und nicht zuletzt das getragene Pathos lassen diese Inszenierung mitunter wie ein aus der Zeit gefallenes Mantel- und-Degen-Stück erscheinen. Wäre da nicht Shakespeares ungeheuerlicher Text.

Ein geforderter verbaler Liebesbeweis

Es beginnt wie im Märchen: Lear (Klaus Maria Brandauer), der greise König, versammelt die Familie im weiten Rund der leeren Bühne, um sein Königreich unter seinen drei Töchtern aufzuteilen. Nun möchte er wissen, welcher von den dreien er den wertvollsten Teil vermachen soll, also fordert der erschöpfte Patriarch einen verbalen Liebesbeweis. Die launige wie tödliche Frage lautet: Welche von euch liebt mich am meisten? Die Frage löst eine Katastrophe aus und am Ende werden sie wieder dort versammelt sein, alle tot, zum Leichenberg gestapelt.

Während nämlich Goneril (Corinna Kirchhoff), die älteste Tochter, wenig Probleme hat, die geforderten Liebesworte zu finden und auch Regan (Dorothee Hartinger) wenig skrupellos versucht, das Heucheln der Schwester noch zu überbieten, um das Herz des alten Vaters zu erweichen, sieht sich die Lieblingstochter Cordelia (Pauline Knopf) nicht in der Lage, ungefühlte Worte allein um des Schmeichelns willen zu sagen. Nicht willig, ihr Herz auf die Lippen zu legen, quittiert sie die Frage trotzig mit Schweigen, weswegen der zunächst ungläubige Lear in cholerischem Anfall sie jäh verflucht, enterbt und verstößt: "Besser wär’s / du lebtest nicht, als mir zur Kränkung leben!“ faucht er zornig.

Die Angst vor uns selbst

Eines der zahlreichen Geheimnisse dieser erratischen Tragödie liegt just hier: in der Frage, warum Lear überhaupt jene süßen Worte fordert, die das Familiendrama begründen und aus dem sich alle anderen Katastrophen ergeben (ist es überbordender Narzissmus, unstillbare Liebessehnsucht, Unsicherheit, Angst?), sowie im alttestamentarischen Furor, mit dem er seine Lieblingstochter straft. Irritierend ist sein Unvermögen, offensichtliche, verlogene Heuchelei von vielleicht spröder Ehrlichkeit unterscheiden zu können. Hinter dem, was an dem über 400 Jahre alten Stück auf uns so zeitgenössisch wirkt, das Zerbröckeln der Werte- und Gesellschaftsordnung, der Bruch im Generationenvertrag verbirgt sich etwas, was noch vielmehr zur Wirklichkeit unserer modernen Weltgesellschaft zu gehören scheint: eine unerklärliche Angst vor uns selbst, das Erkalten der Wahrnehmung, der Tod der Imagination.

Was aus jenem jähen Zusammenbruch von Liebe und Vertrauen folgt, ist die tragische Geschichte eines allumgreifenden Verfalls, in deren Sog keine Vernunft mehr einen Ort hat. Fortan herrscht Bürgerkrieg, in dem sich Verrat, Niedertracht, Grausamkeit, Verzweiflung und Wahnsinn unaufhaltsam Bahn brechen bis hin zur totalen Auslöschung. Auch handelt Shakespeares Drama von der Auflehnung des Menschen gegen das Ausscheiden aus dem Leben, aus der Welt. An Lear führt Shakespeare vor, wozu ein Mensch fähig ist, wenn Bindungen reißen. Wer sich weder in der Liebe der Familie noch in der Liebe eines Gottes aufgehoben wähnen kann, dem muss das Leben zum unlösbaren Rätsel werden, an dem alle Vernunft sich bricht.

Hochkarätige Besetzung

Steins Inszenierung ist konventionell und darin sehr mutig. Ferdinand Wögerbauers Bühne ist leer und ändert sich nur durch eine Grammatik der Farben, die die Kostüme (Annamaria Heinreich) mit einschließt und Figurenkonstellationen, Orts- und Stimmungswechsel anzeigt. Stein entwickelt die Inszenierung ganz aus den Figuren heraus, lauscht mit beharrlichem Interesse in den Text hinein. Die metaphysische Dimension des Werkes muss sich der Zuschauer allerdings über weite Strecken selbst erschließen, wobei ihm die hochkarätige Besetzung Hilfe leistet. Joachim Bißmeier als gutgläubiger, blinder Gloster, Fabian Krüger als sein verstoßener Sohn Edgar, der vor allem in der Verkleidung des Irren Tom herrliche Momente hat, aber auch Michael Rotschopf als Edmund, der kalte, leidenschaftslose Machiavellist, stechen in einem fabelhaften Ensemble noch heraus. Und da ist natürlich Klaus Maria Brandauer: Ein zunächst sich gönnerhaft gerierender, übermäßig liebessüchtiger, cholerischer Egomane, dann ein fluchender, in Hass, Raserei, schier verglühender, bald ein schluchzender, seufzender Lear. Eine bemitleidenswerte, gefallene Kreatur in ödem Land. Und schließlich der Narr von Michael Maertens, der nicht müde wird, dem König seine Menschlichkeit, das meint Hinfälligkeit, mit schneidendem Witz bewusst zu machen. Wunderbar! Aber nicht auszudenken, wie eine solche Inszenierung wirkt, wenn sie nicht von solchen Schauspielern getragen würde!

König Lear - Burgtheater 5., 17., 20., 29. Jänner

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