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Harvards umstrittene Farmland-deals

E djarsson Cardoso legt einen Ordner voller Dokumente auf einen Billard-Tisch in einer spärlich beleuchteten Bar im brasilianischen Dorf Riachão das Neves, im Westen des Bundesstaates Bahia. Es ist ein verregneter Sonntagmorgen. Sieben weitere Männer stehen um den Tisch herum, einer von ihnen reicht stark gezuckerten Kaffee. Sie erzählen, wie sie gewaltsam vor vielen Jahren von ihren Grundstücken vertrieben wurden. Seitdem kämpfen sie um ihre Existenz. Die feinsäuberlich geordneten Dokumente sollen ihr Recht beweisen, zurückkehren zu dürfen.

Sie lebten als Selbstversorger in der benachbarten Gemeinde Cotegipe. Doch sie besaßen keine Landtitel, wie so viele Kleinbauern in Brasilien. Vor 24 Jahren tauchte ein Großgrundbesitzer auf, der sie zum Umzug bewegen wollte -anfangs mit finanziellen Anreizen. Jene, die nicht gehen wollten, erhielten schon bald Drohungen. "Bewaffnete Leute kamen in das Gebiet, stellten Zäune auf, verbannten unsere Ernte und zerstörten unsere Häuser", sagt Cardoso.

Einer nach dem anderen suchte schließlich das Weite. Heute gehört das 140.000-Hektar-Grundstück namens Campo Largo der brasilianischen Firma Caracol Agropecuária LTDA, die durch den Stiftungsfonds der Universität Harvard finanziert wird. Verwaltet wird der Stiftungsfonds von der Harvard Management Company (HMC), die weltweit rund eine Milliarde US-Dollar in etwa 850.000 Hektar Farmland investiert hat, so ein Bericht der NGOs GRAIN und Rede Social de Justiça e Direitos. Das mache Harvard zu einem der größten Farmland-Investoren.

Suche nach sicherer Anlage

Im Zuge der Finanzkrise 2007/08 wandten sich internationale Fonds verstärkt Farmland zu, welches als relativ sichere Anlage eingestuft wird, wie die Weltbank schreibt. Vor allem Grundstücke in Entwicklungsländern wurden zunehmend attraktiver, da sie vergleichsweise günstig erworben werden können. "Landgrabbing ist ein historischer Prozess, aber die Dynamik hat sich verändert. Heute stehen internationale Strukturen hinter diesen Verstößen", sagt Fábio Pitta von der Menschenrechts-NGO Rede Social de Justiça e Direitos.

Brasilien ist eine jener fünf Nationen, in denen weltweit am meisten Farmland durch ausländische Investoren erworben wird. Der lateinamerikanische Staat ist vor allem deshalb so beliebt, weil er eine breitere Infrastruktur und eine sicherere Umgebung für Investitionen bietet als andere Entwicklungsländer, sagt Devlin Kuyek von GRAIN, einer NGO, die Bauern und soziale Bewegungen unterstützt. "Aber es gibt viele Landkonflikte und Menschenrechtsverletzungen in diesem Zusammenhang", fügt er hinzu.

Oft betrifft das Kleinbauern, die auf Land in staatlichem Eigentum leben, sogenannten "posseiros". Sie bewirtschaften öffentlichen Boden, bis dieser regulär in ihren Besitz übergeht. Doch die legale Anerkennung durch den Staat kann lange dauern. So auch im Fall von Cardoso und den rund 240 weiteren Familien. Die meisten haben den Streit aufgegeben, doch 22 Familien versuchen weiterhin, ihre Landtitel zu bekommen. Sie fordern 1.100 Hektar von dem insgesamt 14.000 Hektar großen Gebiet. Unterstützt werden sie dabei von Martin Mayr, einem österreichischen Entwicklungshelfer, der 1991 aus Windischgarsten in Oberösterreich nach Bahia zog, als der Österreicher Richard Weberberger Bischof der Diözese war und sich das Stift Kremsmünster in der Region engagierte. "Zunehmend geht es in meiner Arbeit heute um den Einfluss der industriellen Landwirtschaft", sagt Mayr.

Der Westen des Bundesstaates Bahia ist das Herz der landwirtschaftlichen Entwicklung Brasiliens, dem Wirtschaftsmotor des Landes. Im Jahr 2014 entschied der Bundesstaat Bahia, den Fall zu untersuchen. Die Koordinationsstelle für landwirtschaftliche Entwicklung (CDA) stellte fest, dass das Grundstück tatsächlich durch "absurde notarielle Irregularitäten" und die gewaltsame Vertreibung ländlicher Arbeiter aus dem Staatsbesitz entwendet wurde. Außerdem bestätigte die CDA einen Todesfall in Zusammenhang mit dem Konflikt, nannte aber keine weiteren Details.

Die größte Diskriminierung

"Der Konflikt ist -nach territorialen Maßstäben -die größte Diskriminierung, die im Bundesstaat Bahia je passiert ist", schrieb der Anwalt Estácio Marques Dourado in einer Zusammenfassung der Untersuchung, die er der Staatsanwaltschaft (PGE) vorlegte und in der er die Aufhebung der "gefälschten, irregulären und daher illegitimen" privaten Landtitel empfahl. Doch der Fall wurde nie weiterverfolgt.

"Ich kann sagen, dass politischer Druck ausgeübt wurde, um die Untersuchung zu stoppen", sagt Mauricio Correa, vom Anwalts-Verband ländlicher Arbeiter in Bahia. Der Verband will nun Druck auf die Staatsanwaltschaft erhöhen, den Fall wieder zu öffnen. Auf Anfrage antwortete diese, das werde momentan geprüft.

Das Kapital, das Caracol für den Kauf des Grundstücks zwischen 2008 und 2012 verwendet hat, wurde von der NGO GRAIN bis zum 37,1-Milliarden-US-Dollar-Stiftungsfonds der Universität Harvard zurückverfolgt. Der Umweg führt über die zwei Tochtergesellschaften Guara LLC und Bromelia LLC, welche in Brasilien registriert sind, jedoch eine Adresse in den USA haben. Es ist dieselbe wie jene der Harvard Management Company: 600 Atlantic Avenue, Boston. Auf Anfrage antwortete HMC auf die Vorwürfe, sie wolle keine Stellungnahme abgeben, schickte allerdings einen Link zu ihren Leitlinien, in denen das Ziel unterstrichen wird, Grundstücke, die durch den Fonds erworben werden, zu verbessern - sozial und ökologisch.

Komplexe Besitzverhältnisse

Kuyek sieht diese Leitlinien kritisch. "Viele Firmen setzen absichtlich komplizierte Strukturen auf, um es schwerer zu machen, den Investitionen zu folgen", sagt er. Außerdem würden komplexe Besitzverhältnisse dazu dienen, die brasilianischen gesetzlichen Regulierungen ausländischer Investitionen zu umgehen.

Denn Brasilien versuchte 2010, den Erwerb von ländlichen Gebieten durch Ausländer einzuschränken und verschärfte die Gesetzeslage. So können Investoren derselben Nationalität heute nicht mehr als 10 Prozent der Fläche einer Gemeinde besitzen - und nicht mehr als 25 Prozent, wenn sie verschiedenen Nationalitäten haben. Im Fall von Caracol ist dieses Limit mit 35 Prozent weit überschritten, daher braucht es Tochtergesellschaften.

Ähnliche Fälle gibt es zuhauf in der brasilianischen Region Matobiba, die sich aus den Bundesstaaten Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahia zusammensetzt. Neben Harvard investieren hier unter anderem auch die Pensionsfonds Teachers Insurance and Annuity Association (TIAA) aus den USA und ABP aus den Niederlanden, sowie Valiance Asset Management aus Großbritannien, so der Bericht von GRAIN und Rede Social de Justiça e Direitos.

Häufig waren die Gebiete schon lange bewohnt -jedoch besitzen nur wenige Menschen ein Grundbuch. Die Folge ist eine Zuspitzung von Landkonflikten, wie auch im Fall von Campo Largo und den 240 Familien. "Wir haben 24 Jahre lang unter den Konsequenzen gelitten. Heute sind wir arm und müde", sagt Antônio Augusto França. Aufgeben will er aber nicht, es gehe schließlich um sein Zuhause.

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