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Bärtierchens stille Zeit

1945 1960 1980 2000 2020

Das Bärtierchen ist das überlebensfähigste Wesen der Erde. Seine Methode: Es hat quasi den Lockdown perfektioniert.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Bärtierchen ist das überlebensfähigste Wesen der Erde. Seine Methode: Es hat quasi den Lockdown perfektioniert.

Mit einigem guten Willen kann man in einem der größten Theologen den ersten Artenschützer erkennen. Thomas von Aquin sagte Folgendes über die Lebewesen der Welt: „Von der Vollkommenheit der Geschöpfe gering denken heißt, die Vollkommenheit der göttlichen Macht herabzumindern.“ Nun ist „Vollkommenheit“ ein Ausdruck, mit dem man nichts belegt, was vielleicht ein bissel schön ist oder ganz nett geraten ist. Vollkommenheit ist eine Absolutheit. Sie kann nicht mehr gesteigert werden.

Nun suchen wir Menschen gerade in uns Menschen diese Vollkommenheit seit Jahrhunderten und Jahrtausenden und landen dabei letztlich doch immer bei unserer Verkommenheit. Immerhin ist Weihnachten Anlass, Hoffnungsvorbilder zu generieren, wie wir es vergangenes Jahr in dieser ­Kolumne mit Ochs und Esel getan haben.
Unser Vollkommenheits-Tier im heurigen Katastrophenjahr soll zeigen, dass man mit allem zurechtkommen kann, wenn man das nur will.

Äußerlich betrachtet scheint dieser 500 Mikrometer große Algen- und Kleinstlebewesenfresser eine Mischung aus der Raupe Nimmersatt und dem Kleinen Ichbinich zu sein. Es hat einen sympathischen Kurzrüssel und äußerst kleidsame Teilsegmente, aus denen Stummelbeinchen ragen. Es ist das überlebensfähigste Tier dieses Planeten, indem es die feindlichsten Terrains bewohnen kann. So findet man es auf dem Gipfel des Himalaja ebenso wie im tiefsten Tiefseegraben. Es trotzt arktischer Kälte und saharischer Hitze, Trockenheit und Radioaktivität.

Im Tod zum Leben

Es hat dafür nicht nur Reparaturgene, die Schäden am Zellmaterial wiederherstellen können. Das Bärtierchen hat auch die Möglichkeit, in einen Zustand ohne ­jeden Stoffwechsel überzugehen und darin über Jahre und Jahrzehnte zu verharren. Es ist dann freilich nicht tot, es überdauert nur in einer Kapsel, bis es sich unter besseren Umständen wiederbelebt. So konnte ein Bärtierchen, das eigentlich Wasser als Habitat braucht, nach mehr als 140 Jahren Trockenheitsstarre wiederbelebt werden, als es in feuchtere Umgebung verbracht wurde. Und auch einen Flug im Weltraum hat es unbeschadet überstanden.

Wenn man so will, ist die Strategie der Bärtierchen das Überleben durch einen kleinen Tod, durch den hindurch sie wieder ins Leben zurückfinden. Es sind exakte Vorbilder, wie man sich retten kann, wenn man letztlich einfach nichts tut. Wir pandemischen Menschen nennen das wohl Lockdown. Und weil er unangenehm ist, wollen wir uns auf Biegen und Brechen in den prallen Aktionismus zurückjammern, obwohl die Gefahr noch überall lauert. Ein Bär­tierchen würde das wohl eine Riesendummheit nennen und auf einen Spruch verweisen, der Menschenleben retten kann, wenn man ihn nur ernst genug nähme: „Es ist eine stille Zeit.“

Mit einigem guten Willen kann man in einem der größten Theologen den ersten Artenschützer erkennen. Thomas von Aquin sagte Folgendes über die Lebewesen der Welt: „Von der Vollkommenheit der Geschöpfe gering denken heißt, die Vollkommenheit der göttlichen Macht herabzumindern.“ Nun ist „Vollkommenheit“ ein Ausdruck, mit dem man nichts belegt, was vielleicht ein bissel schön ist oder ganz nett geraten ist. Vollkommenheit ist eine Absolutheit. Sie kann nicht mehr gesteigert werden.

Nun suchen wir Menschen gerade in uns Menschen diese Vollkommenheit seit Jahrhunderten und Jahrtausenden und landen dabei letztlich doch immer bei unserer Verkommenheit. Immerhin ist Weihnachten Anlass, Hoffnungsvorbilder zu generieren, wie wir es vergangenes Jahr in dieser ­Kolumne mit Ochs und Esel getan haben.
Unser Vollkommenheits-Tier im heurigen Katastrophenjahr soll zeigen, dass man mit allem zurechtkommen kann, wenn man das nur will.

Äußerlich betrachtet scheint dieser 500 Mikrometer große Algen- und Kleinstlebewesenfresser eine Mischung aus der Raupe Nimmersatt und dem Kleinen Ichbinich zu sein. Es hat einen sympathischen Kurzrüssel und äußerst kleidsame Teilsegmente, aus denen Stummelbeinchen ragen. Es ist das überlebensfähigste Tier dieses Planeten, indem es die feindlichsten Terrains bewohnen kann. So findet man es auf dem Gipfel des Himalaja ebenso wie im tiefsten Tiefseegraben. Es trotzt arktischer Kälte und saharischer Hitze, Trockenheit und Radioaktivität.

Im Tod zum Leben

Es hat dafür nicht nur Reparaturgene, die Schäden am Zellmaterial wiederherstellen können. Das Bärtierchen hat auch die Möglichkeit, in einen Zustand ohne ­jeden Stoffwechsel überzugehen und darin über Jahre und Jahrzehnte zu verharren. Es ist dann freilich nicht tot, es überdauert nur in einer Kapsel, bis es sich unter besseren Umständen wiederbelebt. So konnte ein Bärtierchen, das eigentlich Wasser als Habitat braucht, nach mehr als 140 Jahren Trockenheitsstarre wiederbelebt werden, als es in feuchtere Umgebung verbracht wurde. Und auch einen Flug im Weltraum hat es unbeschadet überstanden.

Wenn man so will, ist die Strategie der Bärtierchen das Überleben durch einen kleinen Tod, durch den hindurch sie wieder ins Leben zurückfinden. Es sind exakte Vorbilder, wie man sich retten kann, wenn man letztlich einfach nichts tut. Wir pandemischen Menschen nennen das wohl Lockdown. Und weil er unangenehm ist, wollen wir uns auf Biegen und Brechen in den prallen Aktionismus zurückjammern, obwohl die Gefahr noch überall lauert. Ein Bär­tierchen würde das wohl eine Riesendummheit nennen und auf einen Spruch verweisen, der Menschenleben retten kann, wenn man ihn nur ernst genug nähme: „Es ist eine stille Zeit.“

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