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Kromp-Kolb: "Kyoto kann das Klima nicht retten"

1945 1960 1980 2000 2020

2005 bescherte der Welt jede Menge Naturkatastrophen. Und Helga Kromp-Kolb ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit. Nun wurde die Wiener Klimaforscherin vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zur "Wissenschafterin des Jahres 2005" gekürt. Im FURCHE-Interview spricht sie über Klimawandel, Kyoto-Protokoll und Wiener Feinstaub.

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2005 bescherte der Welt jede Menge Naturkatastrophen. Und Helga Kromp-Kolb ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit. Nun wurde die Wiener Klimaforscherin vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zur "Wissenschafterin des Jahres 2005" gekürt. Im FURCHE-Interview spricht sie über Klimawandel, Kyoto-Protokoll und Wiener Feinstaub.

DIE FURCHEe: Frau Professor Kromp-Kolb, Sie sind zur Wissenschafterin des "Katastrophen-Jahres" 2005 gewählt worden. Wie schwierig war es für Sie als Klimaforscherin, sich dem Wunsch der Öffentlichkeit nach simplen Antworten zu entziehen?

Helga Kromp-Kolb: Es ist natürlich ein Problem, dass simple Antworten erwartet werden. Außerdem gibt einen großen Unterschied zwischen den Medien und der Bevölkerung: Die Medien sind daran interessiert, dass die Katastrophe möglichst groß ist, und die Bevölkerung will von Katastrophen nichts mehr wissen. Als Wissenschafter möchte man die Zusammenhänge eigentlich nur nüchtern betrachten.

DIE FURCHE: Wobei auch "nüchterne" Forscher zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen kommen: Die einen warnen etwa vor einem "point of no return", wenn sich das Weltklima um zwei Grad gegenüber 1750 erwärmt - was schon in zehn Jahren eintreten könnte -, andere halten das für illusorisch ...

Kromp-Kolb: Damit rühren Sie an einen sehr heiklen Punkt, weil das Klimasystem kein lineares System ist. Es ist ja nicht so, dass die Temperatur um einen bestimmten Prozentsatz ansteigt, wenn sich die Treibhausgaskonzentrationen verdoppeln. Es können Instabilitäten auftreten. Und es kann sein, dass Systeme "kippen". Doch es ist nicht klar, ob unsere physikalischen Gleichungen, die wir zur Berechnung künftiger Klimaentwicklungen verwenden, dieses "Kippen" erfassen können.

DIE FURCHE: Für wie wahrscheinlich halten Sie selbst einen unumkehrbaren Klimawandel bei einer Erwärmung um zwei Grad?

Kromp-Kolb: Diese zwei Grad-Marke ist nicht so sehr wegen der Klimaentwicklung bedeutsam, sondern wegen der Konsequenzen für die menschliche Gesellschaft. In diesem Fall wären so viele Menschen von Wassermangel oder Hunger betroffen, weil sie ihre Nahrungsmittel nicht mehr aus ihrer Umgebung beziehen können, dass es zu Kriegen und Unruhen führen würde. Wenn die Staatengemeinschaft es nicht schafft, erste Schritte in Richtung einer brauchbaren Lösung zu setzen, dann ist eine solche Entwicklung wohl unvermeidlich.

DIE FURCHE: Wäre auch das Versiegen des Golfstroms unumkehrbar?

Kromp-Kolb: Das muss nicht sein: Der Golfstrom hat schon früher einmal nur bis zum mittleren Atlantik gereicht und dort umgedreht. Es würde in Europa und Nordamerika halt deutlich kälter, trockener und windiger werden. Außerdem könnte das relativ rasch eintreten. Aber die Spezies Mensch würde das überleben - wenn auch wesentlich dezimiert.

DIE FURCHE: Um unter anderem das zu verhindern, wurde 1997 das Kyoto-Protokoll ins Leben gerufen, das vom "Treibhausgas-Sünder" usa noch immer nicht ratifiziert wurde ...

Kromp-Kolb: Auch wenn das Kyoto-Protokoll vollkommen eingehalten würde, wäre das nur ein Bruchteil dessen, was wir zur Rettung des Klimas bräuchten. Wenn die usa also Maßnahmen treffen, die ebenso die Emissionen reduzieren, aber das Kyoto-Protokoll nicht unterschreiben, ist das genauso gut. Wir schießen uns immer auf Amerika ein, aber es passiert dort punkto Klimaschutz relativ viel, zum Teil durch die Industrie selbst. Es gibt eben verschiedene Wege nach Rom.

DIE FURCHE: Führt auch die Kernenergie als Alternative zur fossilen Energie nach Rom?

Kromp-Kolb: Nein, denn das ist kein nachhaltiger Weg. Auch der Brennstoff für die Kernenergie, Uran, ist ja begrenzt. Dazu kommen die Risiken eines Unfalls.

DIE FURCHE: Umweltminister Josef Pröll will vermehrt Biomasse nutzen ...

Kromp-Kolb: Biomasse muss sicher einen Beitrag leisten. Aber man muss auch fragen: Wie gewinne ich die Biomasse? Wenn man lauter Energiewälder bauen würde, gäbe es zumindest Probleme des Bodenschutzes. Am wichtigsten ist es wohl, die Energie-Effizienz zu steigern, um mit dem selben Aufwand mehr Bedürfnisse stillen zu können - aber nicht nur Begehrlichkeiten.

DIE FURCHE: Apropos Begehrlichkeiten: Derzeit sorgt bei Wiens Autofahrern das Tempo-50-Limit gegen Feinstaub für Ärger ...

Kromp-Kolb: Feinstaub ist ein echtes Problem. Es gibt seriöse who-Studien, die zeigen, dass Feinstaub die Bevölkerung etliche Monate an Lebensalter kostet. Dieses Thema mit Tempo 50 in Verbindung zu bringen, ist aber gefährlich: Schließlich gibt es neben dem Verkehr genug andere Quellen: die Industrie oder den Ferntransport im Großraum Wien. Man muss also international agieren. Sonst könnte es sein, dass man in einem Jahr keine signifikante Verbesserung feststellt. Umgekehrt habe ich aber natürlich mit Tempo 50 auch den Lärm reduziert und die Verkehrssicherheit erhöht ...

DIE FURCHE: Feinstaub, Klimawandel: Ihre Forschungsthemen zählen zu den hot spots. Fühlen Sie sich von der Politik ausreichend unterstützt?

Kromp-Kolb: Nein. Im Klimaforschungsbereich sind wir international gesehen extrem unterdotiert. Es gibt auch kein koordiniertes Klimaforschungsprogramm in Österreich, wie es in der Schweiz oder Deutschland selbstverständlich ist. Das wäre aber wichtig, weil wir die internationalen Modelle nur bedingt für Österreich übernehmen können. Wir haben erst kürzlich festgestellt, dass die Schadstoffbelastung im Bereich Inntal und Brenner sieben bis zehn Mal so hoch ist, wie sie im Flachland wäre - bei gleichem Verkehrsaufkommen. So etwas müssen wir gegenüber der eu belegen können. Aber vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie haben wir für solche Studien keinen Cent bekommen. Hier fehlt es an Verständnis, dass Forschungsergebnisse helfen, vernünftige politische Entscheidungen zu treffen. Und sie auch durchzusetzen.

DIE FURCHEe: Frau Professor Kromp-Kolb, Sie sind zur Wissenschafterin des "Katastrophen-Jahres" 2005 gewählt worden. Wie schwierig war es für Sie als Klimaforscherin, sich dem Wunsch der Öffentlichkeit nach simplen Antworten zu entziehen?

Helga Kromp-Kolb: Es ist natürlich ein Problem, dass simple Antworten erwartet werden. Außerdem gibt einen großen Unterschied zwischen den Medien und der Bevölkerung: Die Medien sind daran interessiert, dass die Katastrophe möglichst groß ist, und die Bevölkerung will von Katastrophen nichts mehr wissen. Als Wissenschafter möchte man die Zusammenhänge eigentlich nur nüchtern betrachten.

DIE FURCHE: Wobei auch "nüchterne" Forscher zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen kommen: Die einen warnen etwa vor einem "point of no return", wenn sich das Weltklima um zwei Grad gegenüber 1750 erwärmt - was schon in zehn Jahren eintreten könnte -, andere halten das für illusorisch ...

Kromp-Kolb: Damit rühren Sie an einen sehr heiklen Punkt, weil das Klimasystem kein lineares System ist. Es ist ja nicht so, dass die Temperatur um einen bestimmten Prozentsatz ansteigt, wenn sich die Treibhausgaskonzentrationen verdoppeln. Es können Instabilitäten auftreten. Und es kann sein, dass Systeme "kippen". Doch es ist nicht klar, ob unsere physikalischen Gleichungen, die wir zur Berechnung künftiger Klimaentwicklungen verwenden, dieses "Kippen" erfassen können.

DIE FURCHE: Für wie wahrscheinlich halten Sie selbst einen unumkehrbaren Klimawandel bei einer Erwärmung um zwei Grad?

Kromp-Kolb: Diese zwei Grad-Marke ist nicht so sehr wegen der Klimaentwicklung bedeutsam, sondern wegen der Konsequenzen für die menschliche Gesellschaft. In diesem Fall wären so viele Menschen von Wassermangel oder Hunger betroffen, weil sie ihre Nahrungsmittel nicht mehr aus ihrer Umgebung beziehen können, dass es zu Kriegen und Unruhen führen würde. Wenn die Staatengemeinschaft es nicht schafft, erste Schritte in Richtung einer brauchbaren Lösung zu setzen, dann ist eine solche Entwicklung wohl unvermeidlich.

DIE FURCHE: Wäre auch das Versiegen des Golfstroms unumkehrbar?

Kromp-Kolb: Das muss nicht sein: Der Golfstrom hat schon früher einmal nur bis zum mittleren Atlantik gereicht und dort umgedreht. Es würde in Europa und Nordamerika halt deutlich kälter, trockener und windiger werden. Außerdem könnte das relativ rasch eintreten. Aber die Spezies Mensch würde das überleben - wenn auch wesentlich dezimiert.

DIE FURCHE: Um unter anderem das zu verhindern, wurde 1997 das Kyoto-Protokoll ins Leben gerufen, das vom "Treibhausgas-Sünder" usa noch immer nicht ratifiziert wurde ...

Kromp-Kolb: Auch wenn das Kyoto-Protokoll vollkommen eingehalten würde, wäre das nur ein Bruchteil dessen, was wir zur Rettung des Klimas bräuchten. Wenn die usa also Maßnahmen treffen, die ebenso die Emissionen reduzieren, aber das Kyoto-Protokoll nicht unterschreiben, ist das genauso gut. Wir schießen uns immer auf Amerika ein, aber es passiert dort punkto Klimaschutz relativ viel, zum Teil durch die Industrie selbst. Es gibt eben verschiedene Wege nach Rom.

DIE FURCHE: Führt auch die Kernenergie als Alternative zur fossilen Energie nach Rom?

Kromp-Kolb: Nein, denn das ist kein nachhaltiger Weg. Auch der Brennstoff für die Kernenergie, Uran, ist ja begrenzt. Dazu kommen die Risiken eines Unfalls.

DIE FURCHE: Umweltminister Josef Pröll will vermehrt Biomasse nutzen ...

Kromp-Kolb: Biomasse muss sicher einen Beitrag leisten. Aber man muss auch fragen: Wie gewinne ich die Biomasse? Wenn man lauter Energiewälder bauen würde, gäbe es zumindest Probleme des Bodenschutzes. Am wichtigsten ist es wohl, die Energie-Effizienz zu steigern, um mit dem selben Aufwand mehr Bedürfnisse stillen zu können - aber nicht nur Begehrlichkeiten.

DIE FURCHE: Apropos Begehrlichkeiten: Derzeit sorgt bei Wiens Autofahrern das Tempo-50-Limit gegen Feinstaub für Ärger ...

Kromp-Kolb: Feinstaub ist ein echtes Problem. Es gibt seriöse who-Studien, die zeigen, dass Feinstaub die Bevölkerung etliche Monate an Lebensalter kostet. Dieses Thema mit Tempo 50 in Verbindung zu bringen, ist aber gefährlich: Schließlich gibt es neben dem Verkehr genug andere Quellen: die Industrie oder den Ferntransport im Großraum Wien. Man muss also international agieren. Sonst könnte es sein, dass man in einem Jahr keine signifikante Verbesserung feststellt. Umgekehrt habe ich aber natürlich mit Tempo 50 auch den Lärm reduziert und die Verkehrssicherheit erhöht ...

DIE FURCHE: Feinstaub, Klimawandel: Ihre Forschungsthemen zählen zu den hot spots. Fühlen Sie sich von der Politik ausreichend unterstützt?

Kromp-Kolb: Nein. Im Klimaforschungsbereich sind wir international gesehen extrem unterdotiert. Es gibt auch kein koordiniertes Klimaforschungsprogramm in Österreich, wie es in der Schweiz oder Deutschland selbstverständlich ist. Das wäre aber wichtig, weil wir die internationalen Modelle nur bedingt für Österreich übernehmen können. Wir haben erst kürzlich festgestellt, dass die Schadstoffbelastung im Bereich Inntal und Brenner sieben bis zehn Mal so hoch ist, wie sie im Flachland wäre - bei gleichem Verkehrsaufkommen. So etwas müssen wir gegenüber der eu belegen können. Aber vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie haben wir für solche Studien keinen Cent bekommen. Hier fehlt es an Verständnis, dass Forschungsergebnisse helfen, vernünftige politische Entscheidungen zu treffen. Und sie auch durchzusetzen.

Kosmopolitin mit Blick fürs Ganze

Hochwasser, Hitze, Hurrikans: Die vermeintlichen Vorboten der globalen Erwärmung mehren das Interesse an Helga Kromp-Kolbs Forschungsgegenstand. Kein Wunder, dass die Professorin am Institut für Meteorologie der Universität für Bodenkultur in Wien zuletzt schwer beschäftigt war: Als Diskutantin, Interviewpartnerin und Autorin des populärwissenschaftlichen Bestsellers "Schwarzbuch Klimawandel" (gemeinsam mit Herbert Formayer, Ecowin Verlag 2005). Die Wahl zur "Wissenschafterin des Jahres 2005" durch den Österreichischen Klub der Bildungs-und Wissenschaftsjournalisten krönt nun ein arbeitsreiches Jahr - und würdigt Kromp-Kolbs Fähigkeit, ihre Forschungsergebnisse auch anschaulich darzustellen. Diese "Übersetzungsarbeit" liegt der Forscherin mit der extravaganten Haartracht im Blut: Nach der Volksschule in Paris,

Luxemburg und Wien sowie dem Besuch einer amerikanischen Mittelschule in Indien studierte sie Meteorologie in Wien und habilitierte sich 1982 im Bereich Umweltmeteorologie. Nach einem Forschungsaufenthalt in Kalifornien wurde sie 1995 Professorin an der boku - wo sie neben dem Klimawandel auch die Entwicklung der Gletscher, den stratosphärischen Ozonabbau und Methoden der Luftreinhaltung erforscht. Für ihre wissenschaftlichen Leistungen erhielt Kromp-Kolb bereits 1991 den Konrad Lorenz-Staatspreis für Natur-und Umweltschutz.

Hochwasser, Hitze, Hurrikans: Die vermeintlichen Vorboten der globalen Erwärmung mehren das Interesse an Helga Kromp-Kolbs Forschungsgegenstand. Kein Wunder, dass die Professorin am Institut für Meteorologie der Universität für Bodenkultur in Wien zuletzt schwer beschäftigt war: Als Diskutantin, Interviewpartnerin und Autorin des populärwissenschaftlichen Bestsellers "Schwarzbuch Klimawandel" (gemeinsam mit Herbert Formayer, Ecowin Verlag 2005). Die Wahl zur "Wissenschafterin des Jahres 2005" durch den Österreichischen Klub der Bildungs-und Wissenschaftsjournalisten krönt nun ein arbeitsreiches Jahr - und würdigt Kromp-Kolbs Fähigkeit, ihre Forschungsergebnisse auch anschaulich darzustellen. Diese "Übersetzungsarbeit" liegt der Forscherin mit der extravaganten Haartracht im Blut: Nach der Volksschule in Paris,

Luxemburg und Wien sowie dem Besuch einer amerikanischen Mittelschule in Indien studierte sie Meteorologie in Wien und habilitierte sich 1982 im Bereich Umweltmeteorologie. Nach einem Forschungsaufenthalt in Kalifornien wurde sie 1995 Professorin an der boku - wo sie neben dem Klimawandel auch die Entwicklung der Gletscher, den stratosphärischen Ozonabbau und Methoden der Luftreinhaltung erforscht. Für ihre wissenschaftlichen Leistungen erhielt Kromp-Kolb bereits 1991 den Konrad Lorenz-Staatspreis für Natur-und Umweltschutz.