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Gemütlichkeit in der Fremde

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Gesellschaftsreisen mit Camping-Charakter: "Rollende Hotels" locken mit Harmonie, heimischer Fertigkost und sargähnlichen Schlafgelegenheiten.

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Gesellschaftsreisen mit Camping-Charakter: "Rollende Hotels" locken mit Harmonie, heimischer Fertigkost und sargähnlichen Schlafgelegenheiten.

Man hat sein eigenes Bett dabei, bei längeren Reisen wird das Bettzeug gewechselt, und rausschauen kann man auch!" Peter Höltl ist Juniorchef des Unternehmens "Rotel Tours". Ein halbes Jahrhundert schon vermittelt das deutsche Unternehmen die größten Busreisen der Welt. Billigflüge und Superpauschalangebote sind trotzdem keine Konkurrenz. Erfahrene Rotel-Gäste packen lieber Reisetasche, Trainingsanzug, warme Unterwäsche und Schlechtwetterschuhe ein und freuen sich auf das kollektive Reiseerlebnis der besonderen Art.

Stimmung ist das um und auf auf diesen Reisen. Die längste Reise im Katalog dauert immerhin fünfzig Tage, China und Laos waren sofort ausgebucht. Dabei kostet das Vergnügen, in der eigenen Schlafkoje auf Rädern 22 Tage die Alte Seidenstraße langzufahren, umgerechnet rund 38.000 Schilling. Die Große Chinareise von Peking nach Hongkong nimmt 35 Tage in Anspruch und kommt auf fast 60.000 Schilling.

Das Motto "Zeit ist Geld" gilt hier nicht, und der Reisekomfort auf 70 mal 70 mal 190 Zentimeter dürfte nicht ausschlaggebendes Motiv zur Rotel-Fahrt sein. Toiletten gibt es in den Bussen keine, Waschmöglichkeiten für Gewand gibt es bei den angefahrenen Camping-Plätzen. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Busfahren, Besichtigen und Freizeit ist daher sehr wichtig. "Es geht nicht ums Kilometerfressen", meint Höltl.

"Die Leute fahren mit, weil sie die Gruppe als Vorteil sehen": Kommunikation ist alles, gemeinsam wird gekocht, die Gäste helfen mit, wenn der Fahrer Gemüse schneidet. Es gibt einen Heißwasserbehälter, das berühmte Rotel-Frühstück besteht aus Kaffee, Tee, Zucker, Brot, Butter und Marmelade. Bei Schlechtwetter wird im Bus gegessen, ansonsten stellt man sich einfach Klapptische in die freie Natur.

Regen- und Sonnendächer gibt es bei den neueren Busmodellen, insgesamt sind weltweit 3.500 rollende Betten unterwegs. "Der erste Urlaub, bei dem ich meinen Fernseher nicht vermißt habe", schreibt ein Rotel-Gast, ein anderer schätzt die Bustour als "natuverbundenen Urlaub". Gemeinsam ist allen Altersgruppen, daß sie die Gesellschaft von Gleichgesinnten sehr schätzen. Eine gewisse Begeisterung für die Idee muß schon dabei sein, um sich freiwillig begeistert allnächtlich in die 70 mal 70 mal 190 Zentimeter-Koje zurückzuziehen. "Wir hatten einmal eine besonders dicke Reiseleiterin, aber die hat auch in einer Einzelkoje übernachtet" In Österreich hat man die Rotel-Idee aufgegriffen und um einiges angenehmer ausgelegt. "Natur & Reisen" heißt der Welser Veranstalter, der Schlafmobiltouren seit 1985 anbietet (Tel.: 07242/63 5 26). 20.750 Schilling kostet eine siebzehntägige Syrien-Jordanien-Reise mit Baalbek, inklusive Vollpension und Flug. "Billigangebot kann man sich keines erwarten" - Waltraud Reischauer weiß genau, wo die Stärke des Programms liegt: "Das mußt wollen!" Immerhin bietet das Schlafmobil um einiges mehr Platz als der große deutsche Rotel-Bruder: Zweibettkabinen mit Stockbetten gibt es da, 1,92 mal 70 Zentimeter und 290 Zentimeter Raumhöhe, damit man sich aufsetzen kann. Außerdem Schiebefenster mit Moskitonetz für jedes Bett, Leseleuchte und Ablagefach, sowie einen Kleiderschrank. Auch Fließwasser ist in der Koje. "Wenn alle zwei herumhantieren, dann ist schon wenig Platz", gibt Reischauer zu.

"Eine Nacht in der weißen Wüste in Ägypten, sitzen unterm Sternenhimmel und die Sterne zum Greifen nah", schwärmt sie vom Naturerlebnis. Daß sich bei so viel Romantik auch zwei einsame Herzen finden können, kommt schon vor. "Ich könnte ein Heiratsvermittlungsbüro aufmachen", scherzt sie. In der gut geführten Kartei fällt schon auf, bei welchen Reisen sich Pärchen gefunden haben, die nun immer zu zweit buchen. Nicht nur Paare finden sich, auch echte Freundschaften entstehen. Gemeinsame Naturerlebnisse binden, zweiunddreißig Menschen in einem Bus in der Fremde entdecken ihre guten Seiten: "Da hat sich einmal eine Frau verletzt, und jeder hat ihr geholfen."

Gekocht wird nicht selbst, doch die Fertigkost einer österreichischen Firma kommt gut an. "Bei dem Kalbsgulasch schmeckt man keinen Unterschied zum hausgemachten!" Waltraud Reischauer war früher mit ihren Gruppen drei, vier mal pro Woche essen gegangen, um die ausländische Küche den einheimischen Mägen näherzubringen. Die orientalischen Speisen waren allerdings nicht so beliebt wie die österreichische Fertigkost.

"Es ist so gemütlich, beieinander in einer bezaubernden Landschaft zu sitzen, da hat Alkohol nichts verloren!" In diesem Punkt ist Frau Reischauer sehr strikt. Das wird allerdings akzeptiert. Selbst Leute, die zu Hause gerne trinken, geben sich auf Schlafmobil-Touren mit einem Achterl beim Feiern eines Geburtstages zufrieden.

Harmonie, Vertrauen, Offenheit und Glücksgefühl sind die beherrschenden Stimmungsmomente dieser Reisen. Vielleicht ist es auch der gemeinsame Verzicht auf liebgewordene, heimische Gewohnheiten, der verbindet. "Bei unseren Reisen entstehen Freundschaften, die über Jahre halten. Da sieht man sich jeden Tag beim Frühstück, und ist auf so engem Raum, das ist ganz was anderes als dieses unverbindliche ,Pfiat di' im Hotel."

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