Fuchs - © Foto: iStock/ands456

Ausgefuchste Wertschätzung

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Ein Wesen zu zähmen bedeutet, es für den Zähmenden einzigartig zu machen. Nicht das Wesen tut etwas, wir selbst müssen uns ändern - um etwas schätzen zu können.

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Ein Wesen zu zähmen bedeutet, es für den Zähmenden einzigartig zu machen. Nicht das Wesen tut etwas, wir selbst müssen uns ändern - um etwas schätzen zu können.

Eine der absurdesten Ideen, die in den vergangenen Jahrzehnten verfolgt wurde, ist es, die Domestizierung des Wolfes durch den Menschen nachzustellen. Wie also erzeugt man aus einem Wolf einen Hund? Das Seltsamste daran: Die Antwort ist längst bekannt. Man nehme genügend Wölfe und starte, selektiere und züchte - und im Lauf von etwa 10.000 Jahren zeigt sich der Hund im Wolfspelz, oder umgekehrt. Es ist also so einfach wie es lange dauert.

Einige russische Biologen wollten es trotzdem noch einmal und sehr schnell wissen. Also, kann man den Wolf domestizieren in evolutionärer Lichtgeschwindigkeit? Ihr Antwort darauf: Ja, man kann, wenn man an die Stelle des Wolfs einen nahen Verwandten, den Fuchs setzt und einfach drauf loszüchtet. Und so züchten sie seit den 50er Jahren. Damals gab es Stalin noch, der bekanntlich auch meinte, man könne Weizen an die Wüste gewöhnen, wenn man ihn nur lang genug der Wüste aussetze. Es waren also grausam unintelligente Zeiten. Leider sind sie es geblieben, für Füchse jedenfalls.

Denn aus Russland kann man sich nun einen Fuchs kommen lassen, gezähmt, so heißt es. Das ist natürlich falsch. Denn der Fuchs wird zwar nicht beißen, aber sonst alles so tun, was Füchse eben tun. In Haus oder Wohnung gehalten markieren sie Ecken und Gegenstände, sie erklettern Regale, versuchen sich am Verstecken von Nassfutter in Couch-Falten und die Erledigung großer und kleiner Geschäfte erfolgt werweisswo. Tierschützer warnen, aber das Geschäft blüht.

Antoine de Saint-Exupéry hat im „Kleinen Prinzen“ eine schöne Geschichte über einen Fuchs und seine Zähmung aufgeschrieben. Da behauptet der weise Fuchs, jemanden zu zähmen bedeute, eine Verbindung herzustellen und ein Wesen für sich einzigartig zu machen. Nicht das Wesen tut also etwas, wenn wir es zähmen, sondern wir selbst verändern unsere Sichtweise gegenüber dem Wesen. Wir lernen es schätzen. Nun kann man daraus erstens schließen, dass unser Bildungssystem uns von Jugend an zähmt, aber eher wie die stalinistischen Fuchszüchter es tun – wir lernen, die Züchter hingegen nicht. Das kann man gut finden, muss man aber nicht.

Zweitens eröffnet die Variante Kleiner Prinz einen vollkommen neuen Umgang mit Tieren und auch mit Pflanzen. Denn es ginge nicht mehr um den Kauf, das Besitzen, das Formen. Es ginge um das sich in Beziehung setzen. Letzteres klingt übrigens nur so komisch naiv, weil es uns allen so dermaßen weggezüchtet wurde. Deshalb noch weiter im Naiven, dorthin, wo der Fuchs zum Kleinen Prinzen sagt, dass man die wichtigsten Dinge nur mit dem Herzen sieht. Mit den Augen aber nichts. Für Zurückbleibende gibt es ja immer noch Minecraft. Dort heißt das neue Spiel für Gezähmte: Füchse zähmen.

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