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Gefährliche Clowns

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"Im Atem der Zeit" - Die Relevanz von Ernst Kreneks Autobiographie für die Gegenwart.

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"Im Atem der Zeit" - Die Relevanz von Ernst Kreneks Autobiographie für die Gegenwart.

Meine Herren, wir werden jetzt etwas spielen, das keiner je verstehen wird. Trotzdem werden wir unser Bestes tun. Wenn jemand meint, ein Thema zu haben, möge er bitte laut spielen." Mit diesen Worten begann 1923 der Dirigent die erste Probe für die Uraufführung von Ernst Kreneks Zweiter Symphonie. Hoffentlich bringt Alexander Drcar mehr Verständnis für die Partitur auf, denn er dirigiert vom 18. August bis zum 1. September Kreneks Oper "Der Glockenturm" im Wiener Semper-Depot. Damit die "Klangbogen"-Produktion zum Erfolg wird, müssen sich sowohl Dirigent als auch Publikum nur intensiv mit Kompositionstechnik beschäftigt haben, ganz nach dem musikalischen Credo Kreneks: "Ich bin überzeugt, daß die nüchterne, analytische Betrachtung der Musik unter rein technischen Gesichtspunkten einer der sichersten Wege zu wirklichem Genuß und ästhetischer Befriedigung ist."

Die Zitate stammen allesamt aus Ernst Kreneks Erinnerungen, die unter dem Titel "Im Atem der Zeit" erschienen sind. Auf fast 1.000 Seiten blickt der 1900 geborene große österreichische Komponist auf die Zeit von seiner Kindheit bis ins Jahr 1937 zurück. Ein Jahr später mußte er vor den Nationalsozialisten aus seiner Heimat fliehen, er wurde eines der prominentesten Opfer der berüchtigten Propagandaausstellung "Entartete Musik", für deren Plakat die Titelfigur aus Kreneks Erfolgsoper "Jonny spielt auf" herhalten mußte. Seine Autobiographie verfaßte er im amerikanischen Exil, wo er 1991 starb.

"Im Atem der Zeit" mit seinen unzähligen kulturhistorischen Anekdoten ist ein Augenzeugenbericht über die europäische Zivilisation, so wie Krenek sie kannte - eine Welt, die durch Hitler und den Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. In zum Teil sehr persönlichen Schilderungen fängt Krenek die Atmosphäre der Zwischenkriegszeit ein: die anfängliche Aufbruchsstimmung, aber auch die dunklen Wolken am Horizont. Allerdings war es erst 1932, als Krenek die "Alarmzeichen empfing, die den nahenden Sturm ankündigten". Rückblickend wundert man sich, daß die bedrohlichen Signale nicht früher gehört wurden. "Angesichts der allgemeinen günstigen Entwicklung dachten wir, die Weimarer Republik sei über den Berg. Verschiedene weniger erwünschte Symptome hätten Anlaß sein sollen, auf der Hut zu bleiben, aber wir zogen es vor, darin die schwindenden Überreste des alten Regimes zu sehen, und nicht beunruhigende Anzeichen für eine künftige Katastrophe", erinnert sich Krenek an das Jahr 1926, als er in Kassel wirkte.

Vielleicht ist aus dieser Perspektive auch die Kritik von Bundespräsident Thomas Klestil an den Salzburger Festspielen und das - bald wieder aufgehobene - Jugendverbot über die Shakespeare-Bearbeitung "Schlachten!" bei ebendiesem Festival neu zu betrachten: Letzte Zuckungen eines sterbenden Weltbildes oder Vorboten künftiger Entwicklungen? "Es gab viele kleine Vorfälle, die zeigten, daß die reaktionären Kräfte noch nicht ganz aufgegeben hatten. Aber das sah alles nicht sehr bedeutend aus", heißt es bei Krenek. Auch des Bundespräsidenten Kritik an "Konfrontation", "Provokation", "Stückezertrümmerung" und seine Sehnsucht nach "Harmonie" und "humanistischem Bildungstheater" wurde ja von der Künstlerschaft und sogar von vielen Politikern zurückgewiesen. Stellvertretend für viele tat Gerard Mortier, der betroffene Intendant, die Äußerungen im "Treffpunkt Kultur" als Relikt einer uralten Diskussion ab, deren Ausgang längst entschieden sei.

1921 dachten auch Ernst Krenek und seine fortschrittlichen Zeitgenossen so ähnlich, wie er anhand eines Festes des Allgemeinen Deutschen Tonkünstlervereins beschreibt: "Verschiedene finstere Gestalten gaben lautstark ihre Meinung über die schädliche Wirkung kund, die der neue Geist zwangsläufig sowohl auf die Zukunft der deutschen Musik als auch auf das Vaterland haben würde. Ihre Sprache war geschwollen, so daß ich und die anderen Modernen sie hoffnungslos lächerlich fanden. Wenn diese Reaktion von jungen Männern Anfang zwanzig auch verzeihlich erscheint, so bedaure ich es doch sehr, daß die älteren unter uns nicht klug genug waren, die Gefahr zu erkennen, die von diesen komischen neudeutschen Clowns ausging."

Dabei war Ernst Krenek, auch das ist ein erstaunliches Ergebnis der Lektüre von "Im Atem der Zeit", ein konservativer Mensch. Der glühende Patriot trat aus Überzeugung der Vaterländischen Front bei. Krenek, der 1934 in die katholische Kirche wiedereintrat, sympathisierte mit dem linken Flügel der Christlichsozialen um Ernst Karl Winter. Doch das politische Leben des Ständestaats dominierte der rechte Flügel, die Heimwehr-Fraktion, die sich, so Krenek, von den Nazis in keiner Weise unterschied. Als die Staatsopernaufführung seines Opus Magnum "Karl V." - die allererste Zwölftonoper von normaler Länge - von diesen Kreisen torpediert wurde, war seine Enttäuschung naturgemäß groß.

IM ATEM DER ZEIT - ERINNERUNGEN AN DIE MODERNE Von Ernst Krenek Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1998 1.022 Seiten, geb., öS 715.- E 51,81

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