Impfen - bloß eine Glaubensfrage?

Alle wollen nur das Beste für die Kinder. Im Falle von Masern wäre das sehr einfach zu erreichen: Mit einer Impfung. Oder?

Am Montag hat der Unterricht an jener Rudolf Steiner Schule wieder begonnen, die mit der Masern-"Epidemie" in die Schlagzeilen geraten war. Direktor Reinald Grugger kann sich dennoch nicht so recht freuen. Denn: Der Ursprung des Ausbruchs soll - so vermuten derzeit die Behörden - eine Musikkapelle sein, die just vor Ostern an der Schule einen Auftritt hatte. Eine Kapelle von einer anderen Steiner Schule. Aus Basel. Wo es seit letztem Jahr auch zahlreiche Masernfälle gibt. Und wo sich mit dem Goetheanum eine geistige Hochburg der Anthroposophen befindet.

Masern-Party an Schule?

Grugger mag solch weit hergeholte Spekulationen nicht. Er spricht von "medialen Konstrukten, die keine Basis haben". Ähnlich wie die Masern-Partys, für die es bislang keinen einzigen Beweis gibt. "Die Leute bringen sie trotzdem mit unserer Schule in Verbindung. Das ist ein ziemlicher Image-Schaden", klagt er und fügt hinzu: "Dass wir gegen das Impfen sind, ist absoluter Unfug. Wir haben uns in den letzten Jahren gar nicht mit dem Thema beschäftigt - weder dafür geworben noch dagegen Stimmung gemacht."

Warum sollte man dem Direktor eigentlich nicht glauben? Es klingt auch plausibel, wenn er sagt, dass die Eltern der Waldorf-Kinder zwar das Steiner'sche Erziehungskonzept schätzen, aber nur eine Minderheit sich selbst als Anthroposophen sieht. Ebenfalls richtig mag eine andere Aussage sein: Nur sehr wenige Eltern hätten einen speziell in anthroposophischer Medizin ausgebildeten Hausarzt. Denn: So viele anthroposophische Ärzte gibt es in Salzburg gar nicht.

Trotzdem kam der Masernausbruch an der Steiner Schule nicht von ungefähr: Nur jedes dritte Kind war gegen Masern geimpft. Vielleicht auch weil die Schule es verpasst hat, auf Impfungen hinzuweisen. Doch eine andere Begründung drängt sich auf. Eigentlich ein irritierendes Faktum: Studien zeigen, dass Personen mit einer höheren Schulbildung oft eine kritischere Haltung zu Impfungen einnehmen - und gebildete Eltern haben die Kinder der Steiner Schule vielfach.

Doch haben diese Eltern gute - medizinische - Gründe, ihren Kindern die Masern-Impfung vorzuenthalten? Nicht wirklich. Ursula Wiedermann-Schmidt, Impfexpertin von der Medizinischen Universität Wien, versteht denn auch die Diskussion nicht ganz: "Sich gegen Krankheiten zu schützen, ist doch ein Luxus, der im Falle der Kinderimpfungen auch noch gratis ist. Als Tropenmedizinerin weiß ich, wie es in der Dritten Welt aussieht. Dort gehören Masern zu den häufigsten Todesursachen." Dann fragt sie - und es klingt wie ein Vorwurf: "Warum kommen eigentlich die Experten von den Unis so selten zu Wort; warum fragen die Medien stets irgendwelche Leute, die gegen das Impfen sind?"

Ja, warum nur? Der Standard (3.4.08) berichtete etwa von einer neu entbrannten "medizinischen Grundsatzdiskussion". Und Der Kurier (4.4.08) verortete "heftige Auseinandersetzungen" zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern. Tatsächlich waren sich aber alle - an Universitäten arbeitenden - Experten, die sich zum Thema bisher äußerten, völlig einig: Die Vorteile überwiegen eindeutig. Gegen Masern zu impfen, ist der beste Weg, um Schlimmeres zu vermeiden. So hat etwa Werner Zenz, Professor an der Medizinischen Universität Graz, vorgerechnet, dass seit Einführung der Impfung vor 18 Jahren allein in Österreich 130 Todesfälle vermieden werden konnten. Und: Die oft gefürchteten Impfschäden sind extrem selten (siehe auch Infokasten unten).

Abweichende Stimmen kamen von einzelnen praktizierenden Ärzten mit Zusatzqualifikation in der einen oder anderen Alternativmedizin (etwa in Homöopathie oder anthroposophischer Medizin). Interessanterweise warnte ein Homöopath im Standard (3.4.08) gleich selbst vor falschen Versprechungen seiner eigenen Zunft: Globuli würden gegen Masern nicht helfen - selbst wenn dies von andern Homöopathen behauptet würde. Die Aussage ist aufschlussreich, zeigt sie doch wie breit die Palette der Impfgegner ist: Von quasi-religiös motivierten Kreuzrittern, die in ihren Tinkturen Wunderwaffen sehen und gleichzeitig einen Kampf gegen das inkarnierte Böse - die Pharmaindustrie oder Schulmedizin - führen; bis hin zu Ärzten, die zwar der Alternativmedizin gegenüber offen sind, gleichzeitig aber auch deren Grenzen akzeptieren.

Zum Wohl der Kinder

Leider schaffen es gerade die fanatischeren Impfgegner immer wieder, mediale Aufmerksamkeit zu erheischen. Ein Grund ist sicher, dass sie besonders lautstark auftreten und etwa eigene Webseiten betreiben. Vielleicht erklärt das auch, warum sie von nach Interviewpartnern googelnden Journalisten so leicht gefunden werden. Aber es erklärt nicht, warum sie überhaupt zu Rate gezogen werden. Für Universitätsmediziner, die es besser wissen, mag das nach Desinformation aussehen, ginge es doch vor allem darum die Bevölkerung mit den Fakten der evidenzbasierten Medizin zu versorgen.

Doch was, wenn der Journalismus einer eigener Logik folgt - "nur" ein breites Angebot an verschiedenen Stimmen liefern will und dem Leser selbst die Entscheidung überlässt? Was, wenn die Menschen für ihr Urteil andere Kriterien anlegen als evidenzbasierte Fakten? Gerade die Wissbegierigen - zu denen die Steiner-Eltern sicher zählen - fühlen sich beim Alternativmediziner besser aufgehoben, weil er ihr Anliegen ernst nimmt. Das heißt: Er nimmt sich Zeit, viel Zeit für die Beratung. Die Schulmediziner tun sich hier schwerer. Kein Wunder: Das Ärztehonorar für eine Masern-Impfung beträgt billige zwölf Euro.

So droht die Medizin Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden. Es gibt nicht wirklich einen medizinischen "Glaubenskrieg"(©Kurier). Die Faktenlage ist klar. Gleichzeitig geht es um mehr: nämlich um Glaubwürdigkeit. Dazu bedarf es einer ernsthaften Diskussion. Zum Wohl der Kinder.

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