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Luthersocken mit Reformationsfeeling

Wittenberg - ein touristischer Geheimtipp für amerikanische Pastoren, Kunst- und Kulturliebhaber

Die Mützen tief ins Gesicht gezogen, hasten die Menschen über den Platz. Nur rasch, um nach Arbeitsschluss noch schnell fürs Abendessen einzukaufen. Die Marktfrau wickelt Wurst und Käse in hartes Papier. Abgearbeitete Hände. Flink huschen sie über das bisschen Sortiment, das es zu verteilen gibt. Immer wieder die geflüsterte Frage nach frischem Obst. Mandarinen, Bananen vielleicht? Kopfschütteln, probieren Sie es doch morgen wieder ... Die Enttäuschung auf den Gesichtern weicht schnell wieder einem müden Blick. Tief eingegrabene Ausdruckslosigkeit. Alles ganz normal. Schwarz-weiße Realität. Dazu Einheitsgrau, das Wittenberg damals wie alle anderen Städte trug. Das besondere Flair der ehemaligen Residenzstadt des Kurfürstentums Sachsen-Wittenberg konnte man auch zu DDR-Zeiten nicht zudecken. Gilt sie doch schon seit dem Wirken Martin Luthers als eine der wichtigsten deutschen Kulturstätten - nur wurde die historische Bedeutung im angewandten Sozialismus in einem eher sachlichen Dokumentations-Stil kommuniziert. Bewusstes sozialistisches Understatement. Die Monumente, die Denkmäler, die Kirchen, der vorbeiziehende Elbe-Strom, die Auenlandschaft - ein Stillleben in schwarz-weiß.

Das erste Wiedersehen. Wittenberg, die Lutherstadt, nun kräftig fortschreitend auf dem Weg ins dritte Jahrtausend. Und Wittenberg wurde bunt! Raum für Farben. Zeit für Lebendigkeit. Zuerst scheint die Stadt auf die Socke gekommen: In Fliederfarben, bekennendem Rot oder strahlendem Gelb. Die "Luthersocke" wurde produziert - und die Stadt hat seit knapp 500 Jahren wieder einen Skandal! Tausende Sockenpaare in allen Farben, passend zur Mode - und auch passend zum Talar in Schwarz mit goldener Schrift. Auf die Aufschrift kommt es an: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders" respektive die Version für ausländische Touristen "Here I stand. I can do no other. So help me God, Amen". Der berühmte Ausspruch Luthers, mit dem er 1521 auf dem Reichstag zu Worms einen Widerruf seiner Lehre ablehnte, wurde aufs Textil gebracht - von einem evangelischen Pfarrer, im Nebenberuf eben Sockenhersteller.

Die Idee zur Bekenntnissocke entstand während eines Seminars zu kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit. Ein erfolgreicher Marketing-Gag oder auch Sinnbild für das moderne Wittenberg? Um die neue Lutherstadt mit allen Sinnen zu erfahren, startet man am besten auf dem Marktplatz, heute wieder einer der schönsten in ganz Deutschland. Vor dem Rathaus mit den Renaissancegiebeln, in dem einst Schuster und Kürschner ihre Waren feilboten, bummeln heute die Wittenberger über ihren winterlichen Markt. Authentische Atmosphäre zu Füßen Luthers und Melanchthons: Luther, der Mönch, Doktor der Theologie und Reformator sowie Phillip Melanchthon, Mitstreiter und quasi "Bildungsexperte" seiner Zeit. Der Dritte im freundschaftlichen Bunde war Lucas Cranach, recht nobel residierend in der Schlossstrasse 1.

Durchs Portal betritt man die Renaissancezeit des beginnenden 16. Jahrhunderts. Grobes Kopfsteinplaster, der Geruch von Druckerschwärze in der Luft, in den Stuben wird gehämmert und gehobelt. Liebevoll saniertes, lebendiges Erbe. In den Cranach-Höfen arbeiteten einst 32 Gesellen in 84 beheizbaren Stuben und 16 Küchen. Denn Cranach der Ältere war nicht nur Maler. Als reichster Bürger besaß er Wälder und Holz, das Monopol über Baumaterial und den Bürgermeistertitel, handelte mit Tinte und Siegellacken, Wein und Büchern, war Verleger und Drucker.

Die Schlossstrasse führt schließlich zu einer weltberühmten Kirche - der wichtigsten evangelischen Wallfahrtskirche, sagt Küster Stefan Kunze. Attraktion ist die Thesentür, in Bronze verewigte 95 lateinische Thesen über die Kraft der Ablässe - ob original aus dem Jahr 1517 oder nachgebildete Erinnerung, ob populärer Irrtum oder nicht, fest steht: Luther hat in der Schlosskirche als Professor und Dekan jeden Monat gepredigt.

Um die berühmte Stätte und sein Grab unter der schweren Platte zu besuchen, eilen jährlich 200.000 Menschen in das ehemalige Schloss der sächsischen Kurfürsten. Die Thesenkirche steht im Mittelpunkt des erst vor einem Jahr eröffneten Zentrums der Reformation unter der Leitung des amerikanischen Theologen Paul A. Wee: eine Stätte zur geistlichen und geistigen Vertiefung, der Begegnung und des Dialogs mit und zwischen den Konfessionen. Für den weiteren Ausbau setzt der Oberbürgermeister Eckhard Naumann einen finanziellen Aufwand von 20 bis 30 Millionen Mark bis zum Jahr 2005 an.

"Wittenberg ist vom geistigen Potenzial gesehen ein hochkarätiger Ort", bekräftigt der Leiter des städtischen Fremdenverkehrsbüros Stephan Schelhaas. Mit einem Drittel sind Amerikaner, darunter viele Pastoren, die größte ausländische Gruppe bei 300.000 Besuchern pro Jahr. Dementsprechend wurde ein eigenes Büro in der Stadtinformation zur Betreuung der US-Gäste eingerichtet.

Kirche und Tourismus gehen Hand in Hand. Da bleibt Kritik nicht aus. "Der verkauft uns noch die Kirche", auch das wurde dem engagierten Tourismusmacher schon vorgeworfen, da hatten die Zweifler noch nicht mal von der Luther-Socke gehört. Doch der Erfolg gibt Schelhaas recht. Er will über Luther auch Inhalte transportieren, schickt seine Leute nach Detroit, Omaha und St. Louis, um in einer Wittenberg-Außenstelle in den USA schon vor Ort informieren zu können, holt Chöre aus aller Welt in die Schlosskirche, unterstützte die Kids, die den Maler Hundertwasser zur Verschönerung ihrer Plattenbau-Schule nach Wittenberg holten und geht für seine Stadt auch nach Rom: 1.715 Kilometer in 11 Tagen, zeitgemäß im Marathon-Tempo. Einmal im Laufen, joggte er für die UNESCO-Weltkulturstadt Wittenberg von Madison nach Dayton und ein andermal nach Oberammergau, natürlich auf bunten Luthersocken, und sein Ziel immer vor Augen: die Menschen zu den Originalschauplätzen der Reformation zu bringen.

Zu denen zählt auch St. Marien, die Stadtkirche mit Cranachs achtteiligem Altar und ältestes Bauwerk Wittenbergs. Vorbei an der berühmten Universität Leucorea, von Giordano Bruno Ende des 16. Jahrhunderts mit den Worten "Hier also baut die Weisheit ihr Haus ...," gewürdigt, gelangt man durch die nach der Wende mit viel Aufwand sanierte Altstadt zum Lutherhaus. Mit 15.000 Druckschriften, 14.000 Grafiken und 150 Gemälden wie Cranachs Zehn-Gebote-Tafel, schlichtweg das weltgrößte reformationsgeschichtliche Museum.

Hier, im ehemaligen Augustiner-Eremitenkloster lebte und arbeitete Luther. Der Mönch, der seine Kutte ablegte. Der Ehemann der Katharina von Bora. Als am 13. Juni 1525 der ehemalige Mönch die abtrünnige Ordensfrau heiratet, hat Wittenberg einen handfesten Skandal. Auf Luthers Hochzeit kann heute jeder tanzen. Tausende Menschen kommen jedes Jahr zu diesem historischen Fest. Ein Juniwochenende lang nehmen Gaukler, Spielleute und Handwerker die Stadt ein. Fröhliche Ausgelassenheit in den mittelalterlichen Höfen, auf dem Markt und in den Gassen. Höhepunkt ist der große Hochzeits-Festzug mit über 700 Beteiligten. Reformation als authentisches Schauspiel.

Infos beim Fremdenverkehrsbüro Wittenberg, Tel. 0049/3491/498610, e-Mail wb-info@wittenberg.de und www.wittenberg.de

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