Cap Code - © GettyImages
Literatur

Ein Vorschiff auf der Düne

1945 1960 1980 2000 2020

1928 erschien Henry Bestons „The Outermost House“, ein Klassiker des Nature Writing. Die literarische Natur­erkundung liegt nun erstmals auf Deutsch vor.

1945 1960 1980 2000 2020

1928 erschien Henry Bestons „The Outermost House“, ein Klassiker des Nature Writing. Die literarische Natur­erkundung liegt nun erstmals auf Deutsch vor.

Cape Cod – das „Kabeljau“-Kap vor der Küste von Massachusetts – greift wie ein gekrümmter Zeigefinger in den Atlantik aus. Die schmale, über hundert Kilometer lange Landzunge wird dem Prädikat Sehnsuchtsort mehrfach gerecht. Zunächst kamen die Pilgerväter aus der ­Alten Welt: 1620 gingen sie an der Nordspitze des Kaps, im Hafen Provincetown, vor ­Anker; am gegenüberliegenden Ufer der Bucht gründeten sie dann ihr neues Plymouth. Ende des 19. Jahrhunderts, als die goldenen Zeiten des Fischfangs vorbei waren, hielten Künstler und Schriftsteller in Provincetown Einzug. Der Maler Charles Hawthorne gründete hier eine Kunstschule, und im experimentellen Theater feierte der Dramatiker Eugene O’Neill seinen allerersten Erfolg. In den 1970er-Jahren entdeckte die Homosexuellenszene die alte Hafenstadt.

Das gesamte Kap zog Künstler – und auch die High Society der Ostküste – magisch an. Edward Hopper malte die Strände, Leuchttürme und Strandhäuser; John Dos Passos, Tennessee Williams, Norman Mailer oder Jack Kerouac fanden hier ein Schreibexil. Und auch zwei Große des Nature Writing gerieten in den Bann dieser Landschaft: Henry David Thoreau, Autor des Klassikers „Walden“, erwanderte die Küste und verewigte seine Naturbeobachtungen im Bericht „Cape Cod“. Jahrzehnte später kam dann er: Henry Beston.

Cape Cod – das „Kabeljau“-Kap vor der Küste von Massachusetts – greift wie ein gekrümmter Zeigefinger in den Atlantik aus. Die schmale, über hundert Kilometer lange Landzunge wird dem Prädikat Sehnsuchtsort mehrfach gerecht. Zunächst kamen die Pilgerväter aus der ­Alten Welt: 1620 gingen sie an der Nordspitze des Kaps, im Hafen Provincetown, vor ­Anker; am gegenüberliegenden Ufer der Bucht gründeten sie dann ihr neues Plymouth. Ende des 19. Jahrhunderts, als die goldenen Zeiten des Fischfangs vorbei waren, hielten Künstler und Schriftsteller in Provincetown Einzug. Der Maler Charles Hawthorne gründete hier eine Kunstschule, und im experimentellen Theater feierte der Dramatiker Eugene O’Neill seinen allerersten Erfolg. In den 1970er-Jahren entdeckte die Homosexuellenszene die alte Hafenstadt.

Das gesamte Kap zog Künstler – und auch die High Society der Ostküste – magisch an. Edward Hopper malte die Strände, Leuchttürme und Strandhäuser; John Dos Passos, Tennessee Williams, Norman Mailer oder Jack Kerouac fanden hier ein Schreibexil. Und auch zwei Große des Nature Writing gerieten in den Bann dieser Landschaft: Henry David Thoreau, Autor des Klassikers „Walden“, erwanderte die Küste und verewigte seine Naturbeobachtungen im Bericht „Cape Cod“. Jahrzehnte später kam dann er: Henry Beston.

Im Ritual seiner Spaziergänge verfolgt Beston den jahreszeitlichen Rhythmus der Natur, die wechselnden Farben, Töne und Gerüche des ewigen Kreislaufs.

Der aus Massachusetts stammende Kriegsreporter und Autor Beston (1888-1968) lässt sich 1926 auf dem Kap nahe Eastham ein selbst entworfenes Holzhaus bauen. Er nennt es Fo’castle, Vorschiff: „Allein auf der Düne, grenzte mein Haus an die vier Wände der Welt.“ Exponiert steht es da, mit zehn Fenstern das Innen und Außen verbindend; den Elementarkräften kann es nicht dauerhaft standhalten. Aus geplanten zwei Wochen wird ein Jahr. Beston erkundet die Natur mit wissenschaftlichem Interesse und allen Sinnen, bei Tag wie bei Nacht. Sein Journal erscheint 1928 unter dem Titel „The Outermost House“ und wird ein großer Erfolg. Nun liegt „Das Haus am Rand der Welt“ in der schönen Übersetzung von Rudolf Mast auf Deutsch vor.

Beobachter der kosmischen Ordnung

Im Ritual seiner Spaziergänge verfolgt Beston den jahreszeitlichen Rhythmus der Natur, die wechselnden Farben, Töne und Gerüche des ewigen Kreislaufs: das helle Zischen des Sandes, das erdbebenartige Grollen der Brandung, den aprilblauen Ozean, das Spektakel phosphoreszierender Nächte. Seine Beobachtung gilt auch dem Verhalten der Tiere, insbesondere der Schwarmbildung von Vögeln. Bei der Futtersuche ganz auf ihr eigenes Wohl bedacht, verschmelzen sie spontan zu einem kollektiven Willen – ohne jeden Anführer. Und ziehen, wie durch Zauberhand zu Sternbildern arrangiert, dahin wie „flüchtige Plejaden“. Welche Kraft steuert diese Kreaturen?
Nur selten hat der Autor Kontakt zu Menschen: beim wöchentlichen Einkauf im Dorf, beim Besuch der Küstenwache, deren „Dienst an der Menschheit“ er tiefen Respekt zollt. Doch einsam ist er nicht, im Gegenteil. Es ist eine erfüllte Zeit, die er in Demut und Dankbarkeit erlebt. Seine Feier des Insektenkonzerts in den Dünen („all die kleinen Geigen im Gras, die Harfen und Flöten“) oder der Musik der Gezeiten evoziert eine Korrespondenz von kosmischer Ordnung und menschlicher Kunst; zugleich spart er die zerstörerische Kraft der Natur nicht aus, die Schiffbrüche, die erodierenden Gestade.

Als Zerstörer waltet freilich auch der Mensch: teerverschmutzte Seevögel finden in das Journal ebenso Eingang wie der „Zerrspiegel“ des modernen Wissens, der unsere mystische „Verbindung zu vielen Facetten der Natur“ verdrängt habe. Und so beschließt Henry Beston seine anthropo­kosmische, synästhetische Naturerkundung mit einem pathetischen Appell: „­Halten Sie Ihre Hand schützend über die Erde wie vor eine Flamme.“

Das Haus am Rand der Welt - © mare
© mare
Literatur

Das Haus am Rand der Welt

Ein Jahr am großen Strand von Cape Cod
Von Henry Beston
Übers. von Rudolf Mast
Mare 2018
224 S., geb., € 32,90