Grünschnecke - © Foto: Wikipedia / Karen N. Pelletreau (cc by 4.0)

Romanze in Schneckengrün

1945 1960 1980 2000 2020

Wie eine kleine Meeres­schnecke die Fähigkeit zur Foto­synthese gewinnt, und damit Autarkie – eine Idee aus der Natur für das menschliche Paradies.

1945 1960 1980 2000 2020

Wie eine kleine Meeres­schnecke die Fähigkeit zur Foto­synthese gewinnt, und damit Autarkie – eine Idee aus der Natur für das menschliche Paradies.

Grün ist nicht nur bei Franz Schubert eine „liebe Farbe“. Sie ist auch denen, die an der „Schönen Müllerin“ weniger Geschmack finden, die Farbe des Lebens. Und da nun Frühling ist, soll die Stimmung des Sprossens und Sprießens, des Werdens und Blühens auch hier Eingang finden (und nicht nur beim saftigen Bärlauch nebenan). Immerhin ermöglicht das Grünen an sich das Leben und Gedeihen weit über das Pflanzliche hinaus. In einer Art schöpferischer Poesie könnte man die sonnengetriebene Verwandlung von CO₂ im Blatt zu Zuckern und die Ausscheidung von Sauerstoff (den die Menschen und Tiere wieder zu CO₂ veratmen) als den Gipfel aller schöpferischen Wunder sehen. Eine „Missa solemnis“ der Biologie, die alle vollbrachten oder im Kopf ersponnenen Wunder in den Schatten stellt – und Beethoven wohl auch.

Der Mensch stünde tatsächlich nicht am Abgrund seiner Geschichte, wenn er diesen Mechanismus so nutzen könnte wie die Bäume und alles Grüne. Indem er also Licht in Energie verwandeln und sich davon ernähren könnte. Dass so etwas tatsächlich möglich ist, zeigt ein nordamerikanisches Meereswesen, das unserer Lebensform in Nachhaltigkeit turmhoch überlegen ist.

Die Rede ist von einer drei Zentimeter kleinen Nacktschnecke. Sie ist grün gewandet, und ihre Haut hat samtige Textur. An der Elysia chlorotica zeigt sich wahr­haftig, dass man ist, was man isst – oder besser, dass man werden kann, was man isst. Denn die Elysia isst Grünalgen, zersetzt aber bei ihrer Verdauung die Photo­plasmen nicht, sondern baut sie in ihre Hautzellen ein. Und siehe, sie wandelt sich im Lauf ihres Wachstums zu einem wunderschönen grün-dunkelgrün gefärbten und zart geäderten Blattschneckerl. Mit dieser Metamorphose beginnt Elysia ein neues Leben. Denn nun muss sie kaum noch andere Nahrung aufnehmen. Sie nutzt die Chloroplasten als Energielieferanten. Sie hat praktisch ihre Speisekammer in sich ver-körpert.

Willkommen in Fotopia

Der Mensch würde nun gewiss einige Zeit brauchen, um sich selbst in ein „fotoplastisches“ Wesen zu verwandeln, indem er ein Verfahren entwickelt, das ihn zu einer wandelnden Grünhaut macht. Aber schon eine geringe Anleihe von der ­Elysia würde viel bewegen. Indem wir etwa fotoplastische Fabriken bauen, die über Grünzellen und Sonne Zucker gewinnen, also Energie in reiner Form. Und aus den Schornsteinen dieser Fabriken würde nicht Qualm dampfen, sondern – so wie aus der Haut der Elysia – reiner Sauerstoff entweichen. Man möchte nicht meinen, wie schön das Leben wäre. Wir würden lachen und Schubert summen – die „liebe Farbe“ eventuell vielleicht: „In Grün will ich mich kleiden ...“ – oder im Wissenschaftsbest­seller des 21. Jahrhunderts schmökern: „Mit Elysia ins Elysium“.

Grün ist nicht nur bei Franz Schubert eine „liebe Farbe“. Sie ist auch denen, die an der „Schönen Müllerin“ weniger Geschmack finden, die Farbe des Lebens. Und da nun Frühling ist, soll die Stimmung des Sprossens und Sprießens, des Werdens und Blühens auch hier Eingang finden (und nicht nur beim saftigen Bärlauch nebenan). Immerhin ermöglicht das Grünen an sich das Leben und Gedeihen weit über das Pflanzliche hinaus. In einer Art schöpferischer Poesie könnte man die sonnengetriebene Verwandlung von CO₂ im Blatt zu Zuckern und die Ausscheidung von Sauerstoff (den die Menschen und Tiere wieder zu CO₂ veratmen) als den Gipfel aller schöpferischen Wunder sehen. Eine „Missa solemnis“ der Biologie, die alle vollbrachten oder im Kopf ersponnenen Wunder in den Schatten stellt – und Beethoven wohl auch.

Der Mensch stünde tatsächlich nicht am Abgrund seiner Geschichte, wenn er diesen Mechanismus so nutzen könnte wie die Bäume und alles Grüne. Indem er also Licht in Energie verwandeln und sich davon ernähren könnte. Dass so etwas tatsächlich möglich ist, zeigt ein nordamerikanisches Meereswesen, das unserer Lebensform in Nachhaltigkeit turmhoch überlegen ist.

Die Rede ist von einer drei Zentimeter kleinen Nacktschnecke. Sie ist grün gewandet, und ihre Haut hat samtige Textur. An der Elysia chlorotica zeigt sich wahr­haftig, dass man ist, was man isst – oder besser, dass man werden kann, was man isst. Denn die Elysia isst Grünalgen, zersetzt aber bei ihrer Verdauung die Photo­plasmen nicht, sondern baut sie in ihre Hautzellen ein. Und siehe, sie wandelt sich im Lauf ihres Wachstums zu einem wunderschönen grün-dunkelgrün gefärbten und zart geäderten Blattschneckerl. Mit dieser Metamorphose beginnt Elysia ein neues Leben. Denn nun muss sie kaum noch andere Nahrung aufnehmen. Sie nutzt die Chloroplasten als Energielieferanten. Sie hat praktisch ihre Speisekammer in sich ver-körpert.

Willkommen in Fotopia

Der Mensch würde nun gewiss einige Zeit brauchen, um sich selbst in ein „fotoplastisches“ Wesen zu verwandeln, indem er ein Verfahren entwickelt, das ihn zu einer wandelnden Grünhaut macht. Aber schon eine geringe Anleihe von der ­Elysia würde viel bewegen. Indem wir etwa fotoplastische Fabriken bauen, die über Grünzellen und Sonne Zucker gewinnen, also Energie in reiner Form. Und aus den Schornsteinen dieser Fabriken würde nicht Qualm dampfen, sondern – so wie aus der Haut der Elysia – reiner Sauerstoff entweichen. Man möchte nicht meinen, wie schön das Leben wäre. Wir würden lachen und Schubert summen – die „liebe Farbe“ eventuell vielleicht: „In Grün will ich mich kleiden ...“ – oder im Wissenschaftsbest­seller des 21. Jahrhunderts schmökern: „Mit Elysia ins Elysium“.

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