Staat und Kirche

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Warum das jesuanische Prinzip der doppelten Loyalität von Christinnen und Christen zu Staat und Kirche bewusst gelebt werden sollte.

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Warum das jesuanische Prinzip der doppelten Loyalität von Christinnen und Christen zu Staat und Kirche bewusst gelebt werden sollte.

Die Verhaftung des Erzbischofs von Hongkong aus politischen Gründen und die Position der orthodoxen Kirchen im Ukraine-­Krieg regen dazu an, Lehren aus der europäischen Geschichte über das Verhältnis von Staat und Kirche zu reflektieren.

Ausgangspunkt ist, was Rabbi Jesus in seiner Antwort auf die Frage zur Steuermünze gesagt hat: Kaiser und Gott das jeweils Ihre zu geben. Jesus anerkennt und fordert doppelte Loyalität des Glaubenden: Er weiß sich sowohl aus dem Anruf Gottes als auch gegenüber der konkreten Gemeinschaft verpflichtet.

Einerseits macht dies Christen für ihre Zeitgenossen unbequem: Bis zum Martyrium haben sie zu allen Zeiten überbordenden staatlichen und religiösen Gewalten Widerstand geleistet. Andererseits liegen genau in der Spannung der doppelten Loyalität Chance und Verantwortung der „Freiheit des Christenmenschen“ und ein Wohlstandspotenzial: Wo sich Menschen aus religiösem Auftrag und säkularer Verantwortung in die Gemeinschaft einbringen, entsteht eine doppelte Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung.

Die europäische Geschichte zeigt auch, wie die doppelte Loyalität die Humanität sichern kann: Immer wenn Staat oder Kirche für sich umfassende Loyalität forderten, haben Menschen unter dem totalitären Anspruch gelitten; Gleiches gilt, wenn sich Staat und Kirche als Einheit begreifen oder wenn die Kirche zur Staffage eines totalitären Staates verkommt.

Dies macht verständlich, warum unser heutiges Staatskirchenrecht dem Konzept einer ­kritisch-wohlwollenden Kooperation zwischen Staat und Kirche folgt: Gerade die Irrwege in der Geschichte des Christentums in Europa zeigen die Notwendigkeit, zur Urbotschaft zurückzukehren und die Position des Rabbi Jesus zum Verhältnis von Staat und Kirche bewusst zu leben.

Der Autor ist Professor für Arbeits- und Sozialrecht und Leiter des Instituts für Familienforschung.

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