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Feuilleton

Menschen aus Geist und Idee

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Museum der Moderne in Salzburg zeigt über 50 Skulpturen und 30 Gemälde aus dem Werk Alberto Giacomettis (1901-1966), dazu grafische Arbeiten aus den letzten 20 Lebensjahren sowie eine Fotoausstellung über die Arbeit des Künstlers. Eine wunderbare Schau.

Welch eine Allerweltsszene: Ein Mann überquert einen Platz. Etwas Beiläufigeres, Nebensächlicheres ist in der Mechanik der Gesellschaft kaum vorstellbar. An jedem Ort der Welt wiederholt sich diese Szene in jedem Augenblick, erschafft sich ununterbrochen neu, um unmittelbar darauf dem ewigen Vergessen anheimzufallen. Ein Mann überquert einen Platz in Wien, Warschau oder Wladiwostok und niemand findet die Szene des Aufbewahrens wert.

Welch eine aufwühlende, wahrhaft dramatische Szene: ein Mann überquert einen Platz. Das ist die Entdeckung von Alberto Giacometti (1901-1966), der aus einem kleinen Dorf in der italienischen Schweiz nach Paris aufbrach, um die Kunst des 20. Jahrhunderts auf eine neue Grundlage zu stellen. Hier findet er das intellektuelle Umfeld, das seine neuen Ansichten über die Wirklichkeit befördert. In seinem reifen Werk verlangt er von uns, dass wir den Raum nicht als etwas Gottgegebenes nehmen. Mit seinen Bildwerken schafft er Raum erst. Ein Mann überquert einen Platz und erzeugt einen Raum um sich herum. Das muss einer Plastik erst einmal gelingen. Giacometti zerrt seine Figuren in die Länge, er dehnt und streckt sie, macht sie zu zartgliedrigen, schlanken Gestalten, die sich mit jedem Schritt der Erdenschwere zu entziehen trachten. Wenn er über seine Art der Wahrnehmung schreibt, kommt immer die Fassungslosigkeit zum Ausdruck, dass ihm die Wirklichkeit unter der Hand zerbröselt. Einmal definiert er sie als eine Abfolge von Stillständen, dann wieder irritiert ihn die Flüchtigkeit aller Erscheinungen.

Ein Mann überquert einen Platz, das kommt einer Sensation gleich. Giacometti löst ihn heraus aus der Gesellschaft, gibt ihn als Individuum zur Anschauung frei. Der Mann bewegt sich mit weit ausholenden Schritten vorwärts, beugt sich vor, Entschlossenheit ist ihm eingeschrieben. In vielen Variationen findet man diese Figur, die nicht zum Abbild einer bestimmten Person wird, sondern zu einer Ikone des modernen Menschen. Der Existenzialismus - Giacometti war mit Jean-Paul Sartre befreundet - ist hier in die Anschaulichkeit übergeführt worden. Nichts und niemand hat neben einer solchen auf seine eigene Einsamkeit zurückgeworfenen Gestalt Platz. Sie hält uns auf Abstand, weist uns zurück. Wo sie hingeht, sind wir unerwünscht, der Ort, an dem sie sich gerade befindet, gehört ihr allein. Eine Giacometti-Figur ist nicht Abbild, sondern Interpretation. Man muss gar nicht erst Maß nehmen, um zu sehen, dass hier einer mit den Proportionen, wie sie die Anatomie vorgibt, nichts zu schaffen haben will. Der Kopf ist klein, die Füße dominant, die überlangen Beine sind verantwortlich dafür, dass diese Figuren in die Höhe streben, weg von uns, weg von diesem Boden. Der Künstler gestaltet keinen Menschen aus Fleisch und Blut, eher einen aus Geist und Idee, ein Seelenwesen mit dem Hang, ganz zu sich zu kommen und allein zu bleiben.

Keine falsche Kumpanei

Und wie verhält es sich mit den Figuren in der Malerei? Es heißt, dass er seinen Modellen quälende Sitzungsstunden abverlangt habe, in denen sie sich nicht haben rühren dürfen. Seine Bilder hielt er für nicht weniger bedeutend als seine Plastiken. Schaut man sich das Ölbild "Caroline sitzend mit aufgestellten Beinen“ aus den Jahren 1964/65 an, werden wir auf Abstand gehalten von einer, die von einer Aura der Unnahbarkeit umgeben ist. Giacometti ist nicht der Künstler zum Anfassen, seine Arbeiten stoßen den Betrachter zurück, weisen ihn ab. Keine falsche Kumpanei mit seinen Figuren.

Zum ersten Mal seit 15 Jahren ist in Österreich wieder eine Ausstellung dem Werk Alberto Giacomettis gewidmet. Das Museum der Moderne in Salzburg zeigt über 50 Skulpturen und 30 Gemälde, dazu kommen zahlreiche grafische Arbeiten aus den letzten 20 Lebensjahren. Eine Fotoausstellung weist Giacometti selbst als ergiebiges Motiv aus. Die Kunstwerke sind, und das ist wichtig, großzügig verteilt, sodass sie einander nicht ins Gehege kommen. Eine so wunderbare wie überraschende Schau, dringend empfohlen.

Alberto Giacometti

Der Ursprung des Raumes. Retrospektive des reifen Werks

MdM Mönchsberg Salzburg

bis 3. Juli, Di-So 10-18 Uhr, Mi bis 20 Uhr

Das Museum der Moderne in Salzburg zeigt über 50 Skulpturen und 30 Gemälde aus dem Werk Alberto Giacomettis (1901-1966), dazu grafische Arbeiten aus den letzten 20 Lebensjahren sowie eine Fotoausstellung über die Arbeit des Künstlers. Eine wunderbare Schau.

Welch eine Allerweltsszene: Ein Mann überquert einen Platz. Etwas Beiläufigeres, Nebensächlicheres ist in der Mechanik der Gesellschaft kaum vorstellbar. An jedem Ort der Welt wiederholt sich diese Szene in jedem Augenblick, erschafft sich ununterbrochen neu, um unmittelbar darauf dem ewigen Vergessen anheimzufallen. Ein Mann überquert einen Platz in Wien, Warschau oder Wladiwostok und niemand findet die Szene des Aufbewahrens wert.

Welch eine aufwühlende, wahrhaft dramatische Szene: ein Mann überquert einen Platz. Das ist die Entdeckung von Alberto Giacometti (1901-1966), der aus einem kleinen Dorf in der italienischen Schweiz nach Paris aufbrach, um die Kunst des 20. Jahrhunderts auf eine neue Grundlage zu stellen. Hier findet er das intellektuelle Umfeld, das seine neuen Ansichten über die Wirklichkeit befördert. In seinem reifen Werk verlangt er von uns, dass wir den Raum nicht als etwas Gottgegebenes nehmen. Mit seinen Bildwerken schafft er Raum erst. Ein Mann überquert einen Platz und erzeugt einen Raum um sich herum. Das muss einer Plastik erst einmal gelingen. Giacometti zerrt seine Figuren in die Länge, er dehnt und streckt sie, macht sie zu zartgliedrigen, schlanken Gestalten, die sich mit jedem Schritt der Erdenschwere zu entziehen trachten. Wenn er über seine Art der Wahrnehmung schreibt, kommt immer die Fassungslosigkeit zum Ausdruck, dass ihm die Wirklichkeit unter der Hand zerbröselt. Einmal definiert er sie als eine Abfolge von Stillständen, dann wieder irritiert ihn die Flüchtigkeit aller Erscheinungen.

Ein Mann überquert einen Platz, das kommt einer Sensation gleich. Giacometti löst ihn heraus aus der Gesellschaft, gibt ihn als Individuum zur Anschauung frei. Der Mann bewegt sich mit weit ausholenden Schritten vorwärts, beugt sich vor, Entschlossenheit ist ihm eingeschrieben. In vielen Variationen findet man diese Figur, die nicht zum Abbild einer bestimmten Person wird, sondern zu einer Ikone des modernen Menschen. Der Existenzialismus - Giacometti war mit Jean-Paul Sartre befreundet - ist hier in die Anschaulichkeit übergeführt worden. Nichts und niemand hat neben einer solchen auf seine eigene Einsamkeit zurückgeworfenen Gestalt Platz. Sie hält uns auf Abstand, weist uns zurück. Wo sie hingeht, sind wir unerwünscht, der Ort, an dem sie sich gerade befindet, gehört ihr allein. Eine Giacometti-Figur ist nicht Abbild, sondern Interpretation. Man muss gar nicht erst Maß nehmen, um zu sehen, dass hier einer mit den Proportionen, wie sie die Anatomie vorgibt, nichts zu schaffen haben will. Der Kopf ist klein, die Füße dominant, die überlangen Beine sind verantwortlich dafür, dass diese Figuren in die Höhe streben, weg von uns, weg von diesem Boden. Der Künstler gestaltet keinen Menschen aus Fleisch und Blut, eher einen aus Geist und Idee, ein Seelenwesen mit dem Hang, ganz zu sich zu kommen und allein zu bleiben.

Keine falsche Kumpanei

Und wie verhält es sich mit den Figuren in der Malerei? Es heißt, dass er seinen Modellen quälende Sitzungsstunden abverlangt habe, in denen sie sich nicht haben rühren dürfen. Seine Bilder hielt er für nicht weniger bedeutend als seine Plastiken. Schaut man sich das Ölbild "Caroline sitzend mit aufgestellten Beinen“ aus den Jahren 1964/65 an, werden wir auf Abstand gehalten von einer, die von einer Aura der Unnahbarkeit umgeben ist. Giacometti ist nicht der Künstler zum Anfassen, seine Arbeiten stoßen den Betrachter zurück, weisen ihn ab. Keine falsche Kumpanei mit seinen Figuren.

Zum ersten Mal seit 15 Jahren ist in Österreich wieder eine Ausstellung dem Werk Alberto Giacomettis gewidmet. Das Museum der Moderne in Salzburg zeigt über 50 Skulpturen und 30 Gemälde, dazu kommen zahlreiche grafische Arbeiten aus den letzten 20 Lebensjahren. Eine Fotoausstellung weist Giacometti selbst als ergiebiges Motiv aus. Die Kunstwerke sind, und das ist wichtig, großzügig verteilt, sodass sie einander nicht ins Gehege kommen. Eine so wunderbare wie überraschende Schau, dringend empfohlen.

Alberto Giacometti

Der Ursprung des Raumes. Retrospektive des reifen Werks

MdM Mönchsberg Salzburg

bis 3. Juli, Di-So 10-18 Uhr, Mi bis 20 Uhr