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Feuilleton

Wildwuchs des Glücks

1945 1960 1980 2000 2020

SIBYLLE BERG SCHREIBT IN IHREM ROMAN "DER MANN SCHLÄFT" ÜBER DIE SEMANTIK VON BEZIEHUNGEN.

1945 1960 1980 2000 2020

SIBYLLE BERG SCHREIBT IN IHREM ROMAN "DER MANN SCHLÄFT" ÜBER DIE SEMANTIK VON BEZIEHUNGEN.

Eine Frau lebt ihr Leben glücklos in einer unattraktiven Welt. Der Blickwinkel ändert sich, als sie einen Mann kennenlernt, den sie liebt. Ein altes Sujet?

Die deutsche Schriftstellerin Sibylle Berg war schon immer für Überraschungen gut. Im Feuilleton attestiert man der "Pop-Literatin", als die sie zuweilen bezeichnet wird, sogar Zynismus und einen Hang zum Kulturpessimismus. Ihrem jüngsten Roman hat die Literaturkritik euphorisch Rosen gestreut. Immerhin lese er sich weitaus gefälliger als alles, was sie bisher geschrieben hat.

In welchem Licht muss nun ihr neues Buch "Der Mann schläft" gesehen werden? Lässt er sich auf eine Liebesgeschichte samt Suche nach dem Glück reduzieren? Bei Berg ist stets Vorsicht geboten. Auch hier gibt es keinen geradlinigen Weg, das scheinbare Glück ist hybrid gestrickt und zeigt, dass nichts, rein gar nichts leichtfertig als konstant und gesichert angesehen werden kann.

Berg rollt diese Geschichte auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen auf, die am Schluss wie ein Erzähldelta in die Gegenwart münden, und verknotet sie mit der Identitätssuche einer Frau, die wenig Gefallen an der Welt findet, ja den Menschen sogar Einfalt und Niedertracht unterstellt. "Gibt es einen größeren Witz als den Menschen? Emotionale Krüppel in abstoßenden Hüllen, der Welt, dem Rudel, dem Wetter, den Gewalten hilflos ausgeliefert, torkeln wir durch ein Dasein, das an Lächerlichkeit nicht zu überbieten ist." Die Protagonistin erkennt, dass (junge) Männer für sie bestenfalls eine "leere Projektionsfläche für kitschige Ideen" bieten, bis dieser Mann plötzlich völlig unspektakulär in ihr Leben wächst.

Gefühl der Sattheit

Berg interessiert dabei die Frage nach der Qualität der Beziehung, wenn der Alltag eingekehrt ist. Das meint die Herausforderung des Durchhaltens "nach der Zeit der Verwirrung, sofern man sie übersteht". Deshalb steht nicht das Begehren im Fokus, sondern die Rätselhaftigkeit des Glücks, die der Protagonistin das breite Gefühl der Sattheit gibt: "Wir verhielten uns, als könnten wir den komplizierten Beginn der Bekanntschaft überspringen und an dem Punkt weitermachen, da man gemeinsam eine Grabstätte sucht." Berg schafft es, dieser Beziehung eine große Stille und Behaglichkeit einzuschreiben, indem sie das Glück als wohltemperierte, samtig weiche Empfindung zeigt, der die Schärfe fehlt, und die an Großzügigkeit wächst.

Doch eine unsägliche Reise, gebucht im Übermut der Gewissheit, bringt unversehens eine Wende ins Geschehen. Um dem Winter im Tessin zu entgehen, verreisen der Mann und die Frau. Sie wollen vier Wochen auf einer südchinesischen Insel verbringen. Eines Tages kehrt der Mann nicht mehr zurück, nachdem er mit der Fähre zum benachbarten Ort gefahren ist. In der Zeit des Wartens reflektiert die Protagonistin die Semantik ihrer Beziehung und konfrontiert sie mit den Lebensentwürfen der Inselbewohner.

Bergs kritischer Blick auf die Gesellschaft durchforstet die ehrgeizigen Verhaltensmuster der modernen, selbstständigen Frau und vor allem auch das Single-Dasein: "Warum bilden sich Menschen seit einigen Jahrzehnten ein, alleine leben zu können? Da hatten sie im Zuge aller Neuerfindungen der endsechziger Jahre gerade noch die Familienverbände abgeschafft. Kommunenversuche oder Alleinleben, keins davon taugte wirklich."

Sibylle Berg gelingt es, ihrem Roman, der durchaus auch mit kraftvoller Poetik aufzuwarten hat, eine schwebende Ebene entlang der Bruchlinien gesellschaftlichen Paar- und Sozialverhaltens einzuziehen. Dem Wildwuchs des Glücks wird dabei faszinierend Rechnung getragen.

Der Mann schläft Roman von Sibylle Berg Hanser 2009 308 S., geb., € 20,50