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Zwischen Prüderie und Generalverdacht

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Die Konsequenz von verbotener Liebe zu Kindern findet sich oft in Gefängniswelten wieder. Aber ist das die richtige Antwort? Gedanken über pädagogische, seelsorgerische und therapeutische Wege zu einer Sexualität, die weder Schaden nimmt noch zufügt.

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Die Konsequenz von verbotener Liebe zu Kindern findet sich oft in Gefängniswelten wieder. Aber ist das die richtige Antwort? Gedanken über pädagogische, seelsorgerische und therapeutische Wege zu einer Sexualität, die weder Schaden nimmt noch zufügt.

Wer darf lieb zu Kindern sein? Ein Leserbrief an die FURCHE im April 2014 beleuchtete einen häufig unbedachten Aspekt dieser Frage. "Im Umgang mit Kindern empfinde ich es als sehr großes Handicap, ein Mann zu sein", hieß es darin. Und weiter: "Ich empfinde den Generalverdacht, dass Männer, die sich mit Kindern befassen wollen, pädophil sein könnten, als ganz fürchterlich." Ein weiterer Fall aus meiner Umgebung offenbart eine große Verunsicherung, wenn auch aus anderer Perspektive. Kürzlich wurde ich gefragt, wie man, ohne Vorurteile zu schüren, einem möglichen sexuellen Übergriff im familiären Kontext angemessen begegnen könne.

Der Umgang mit Kinderliebe erstreckt sich von Verharmlosung bis Prüderie, von Generalverdacht bis Tabuisierung. Ausgerechnet die weckt aber den Reiz des Verbotenen in jenen, die sich gerne im Geheimen bewegen. Just das Verdunkelte an der Kinderliebe ist eines der Themen und Motive von potenziellen wie verurteilten Straftätern. Nicht nur Therapien sind eine reale Antwort darauf, sondern auch Gefängniswelten. Doch der reformbedürftige Maßnahmenvollzug zeigt nur aufs Neue: Gezeigte Scham, erkannte Angst, erweckte Neugier und zum Ausdruck gebrachte Wahrhaftigkeit sind fehl am Platz in dieser sexualfeindlichen Welt. Gerade wir Seelsorger in Justizanstalten hören viel von dem, was anderorts nicht gesagt werden darf.

Barbies und Jünglinge

Um einen sensibel geführten Dialog über das heikle Thema bemüht sich auch Rotraud A. Perner, Österreichs wohl bekannteste Sexualtherapeutin. "Zuliebe zu Leibe" hieß eines ihrer aufklärenden Bücher vor 25 Jahren. Nun geht sie einen weiteren Schritt und schenkt dem "Tabuthema Kindliche Erotik" auf insgesamt 280 Seiten Beachtung. Ein lust-volles, ebenso aber auch heikles und schwieriges Unterfangen, die therapeutischen, juristischen und pädagogischen Erfahrungen aus Vergangenheit und Gegenwart zu benennen. Denn die Beiträge auch anderer prominenter Autorinnen und Verfasser geben Einblick in unsere Freudgeprägte und doch so sex-ambivalente Lebenswelt.

Roland Girtler und Eva Ptak-Wiesauer beschreiben soziologische, ethnische und psychoanalytische Merkmale, und erkunden, wie Kinderliebe im Machtgefälle sozialer Strukturen entsteht, aber oft auch Verbote erfährt. Ohne Vorurteil begegnet Jürgen Ulrich dem homoerotischen Ideal des "Jünglings" vor allem in literarischen und historischen Zeugnissen. Welche erotische Ausstrahlung die spielerischen Gesellinnen unserer Jüngsten haben, zeigt nicht nur die "Kult"-Puppe Barbie, sondern auch die TV-Show-Lawine, die Kommunikationsforscherin Aga Trnka-Kwiecinski unter die Lupe nimmt.

Innerhalb der Pädagogik scheint es mehrere Versäumnisse zu geben. Einerseits stehen eine Sprachund Gefühllosigkeit einer freizügigen Bilderkultur gegenüber, in die heranwachsende Kinder seit zwei Generationen eingeübt werden. Andererseits leben Familien und Institutionen immer mehr mit den Verdachtsmomenten, die medial befördert werden, wenn katastrophale Einzelfälle ans Tageslicht gehoben werden.

Wie also funktioniert es, dass freie Individuum als Kinder wie als Erwachsene Zugang zu einer eigenen Sexualität finden, ohne Schaden zuzufügen oder zu nehmen? Religionen und Seelsorge, die Angst nehmen, statt sie einzuimpfen, öffnen Wege. Seelsorge mit adäquater Sexualethik darf Raum geben -unbefangen und ohne Urteile und Konsequenzen ableiten zu müssen (wie es bei Therapien im Zwangskontext geschieht).

Freiheit, Begegnung, Empathie

Echte Therapie bedarf Freiheit, Begegnung mit dem Reizvollen und selbstverständlich Empathie sowie Einbindung in soziale Lebenswelten wie Familie oder Schule. Insofern kann ich aus meiner seelsorgerlichen Tätigkeit mit Straffälligen der Einsicht von Rotraud Perner nur zustimmen: "Meine Erfahrung aus Beratung und Therapie mit "Kind-Süchtigen" ist, dass sie den ersten Schritt zu ihrer eigenen Befreiung tun, wenn sie sich ihrer - sei es geglückten oder missglückten - Versuche der Annäherung, Nähe herzustellen, bewusst werden als komplexes Geschehen."

Der Autor ist evangelischer Pfarrer und Seelsorger in den Justizanstalten Wiens

Tabuthema kindliche Erotik

Von Rotraud A. Perner, LIT Verlag 2014.

280 Seiten, broschiert, € 24,90

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