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Medien

Von ABC bis Warschau

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Es gibt wenige, aber feine (Medien-)Initiativen, die eine "europäische Öffentlichkeit" fördern wollen - z.B. die Online-Presseschau "Eurotopics".

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu einem geeinten und demokratischen Europa ist das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit. "Sehr bezeichnend für die ,Krise', in der wir uns befinden, ist das bescheidene Niveau der Zirkulation von Ideen, Vorschlägen und Debatten zwischen europäischen Intellektuellen, soweit es über Expertenrunden und philosophische Zirkel hinausgeht. Daher das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit, ohne die es keine Demokratie gibt", diagnostizierte der französische Soziologe \0xC9tienne Balibar vor wenigen Jahren.

Europäische Initiativen

Nicht, dass es an Initiativen fehlte. Es gibt Zeitschriften wie Léttre International und Liber, Fernsehprogramme wie Arte und Euronews und es gibt natürlich das Internet, wo sich bereits einige europaweite Netzwerke gebildet haben. Etwa das mehrsprachige Nachrichtenmagazin Café Babel ( www.cafebabel.com), das 2001 von ein paar jungen Leuten gegründet wurde, die sich als Austauschstudenten in Paris kennen gelernt hatten. Oder Eurozine ( www.eurozine.com), ein Portal europäischer Kulturzeitschriften mit Sitz in Wien.

Aber die Reichweite solcher Initiativen ist eng begrenzt und sie leiden unter knappen Ressourcen. Léttre International, das Anfang der neunziger Jahre in zwölf Ländern herauskam, erscheint nur mehr in sechs und das von Pierre Bourdieu gegründete Magazin Liber hat sein Erscheinen ganz eingestellt.

Daher mehren sich Stimmen, die bezweifeln, dass jemals eine europäische Öffentlichkeit, die den Namen verdient, entstehen wird. Die Skepsis nimmt zu, je höher die Ansprüche sind, die man an eine solche Öffentlichkeit stellt. Dem Ideal einer Gesellschaft von freien Bürgern, die sich in vernünftigem Diskurs über politische Themen verständigen, werden streng genommen nicht einmal die nationalen Öffentlichkeiten gerecht. Zu stark ist der verborgene Einfluss wirtschaftlicher Interessen, und wer kann in der Vielfalt der Themen und Meinungen die Übersicht behalten? Dass diese Probleme auf europäischer Ebene nicht geringer werden, liegt auf der Hand, zumal Sprachbarrieren hinzukommen. Aber auch wer eine oder zwei Fremdsprachen spricht, hat kaum Zeit, regelmäßig ausländische Medien zu beobachten.

Dabei kann der Blick über den Tellerrand ganz einfach sein. Die Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn stellt seit einem Jahr täglich eine Presseschau aus europäischen Zeitungen zusammen und publiziert sie kostenlos über das Internet. Ein internationales Team von Korrespondenten beobachtet insgesamt mehr als hundert Publikationen, vom spanischen ABC bis Zycie Warszawy. Zwei Redaktionen in Berlin und Paris wählen daraus ein gutes Dutzend Artikel aus, die auf wenigen Zeilen zusammengefasst und in drei Sprachen - Englisch, Französisch, Deutsch - übersetzt werden. Am frühen Nachmittag kann der Nutzer das Ergebnis unter www.eurotopics.com oder als Newsletter in seinem E-Mail-Postfach lesen.

Die Sache wirkt - unter den heutigen technischen Gegebenheiten - simpel. Eurotopics kostet die Bundeszentrale 600.000 Euro pro Jahr. Das ist nicht viel Geld, wenn man den Nutzen des Angebots bedenkt. Wer sich zehn Minuten Zeit pro Tag nimmt, dem wird ein europäisches Aha-Erlebnis zuteil. Er wird zuerst staunen, dass in verschiedenen Ländern oft zur selben Zeit über dieselben Themen diskutiert wird.

Verschränkte Öffentlichkeit

Besonders eindrücklich war das in der Debatte um die Muhammad-Karikaturen zu erleben. Dann wird er merken, dass in verschiedenen Regionen Europas andere Themen viel eher auf der Agenda stehen oder dieselben Themen ganz anders gesehen werden, etwa in Osteuropa die bevorstehende Erweiterung des Schengen-Raumes oder die Öffnung der westlichen Arbeitsmärkte. Und schließlich wird er sich wundern, wie verschränkt die nationalen Öffentlichkeiten bereits sind, indem oft ungarische Essayisten in französischen Zeitungen, italienische in spanischen oder polnische Autoren in österreichischen Blättern schreiben.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine Presseschau allein keine europäische Öffentlichkeit. Dennoch liegt in solchen, vergleichsweise bescheidenen Projekten ein großes Potenzial, weil sie auf pragmatische Weise einen europäischen Horizont eröffnen. Sie sind kleine "Baustellen der Bürgerschaft", wie Etienne Balibar das einmal genannt hat.

Es gibt wenige, aber feine (Medien-)Initiativen, die eine "europäische Öffentlichkeit" fördern wollen - z.B. die Online-Presseschau "Eurotopics".

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu einem geeinten und demokratischen Europa ist das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit. "Sehr bezeichnend für die ,Krise', in der wir uns befinden, ist das bescheidene Niveau der Zirkulation von Ideen, Vorschlägen und Debatten zwischen europäischen Intellektuellen, soweit es über Expertenrunden und philosophische Zirkel hinausgeht. Daher das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit, ohne die es keine Demokratie gibt", diagnostizierte der französische Soziologe \0xC9tienne Balibar vor wenigen Jahren.

Europäische Initiativen

Nicht, dass es an Initiativen fehlte. Es gibt Zeitschriften wie Léttre International und Liber, Fernsehprogramme wie Arte und Euronews und es gibt natürlich das Internet, wo sich bereits einige europaweite Netzwerke gebildet haben. Etwa das mehrsprachige Nachrichtenmagazin Café Babel ( www.cafebabel.com), das 2001 von ein paar jungen Leuten gegründet wurde, die sich als Austauschstudenten in Paris kennen gelernt hatten. Oder Eurozine ( www.eurozine.com), ein Portal europäischer Kulturzeitschriften mit Sitz in Wien.

Aber die Reichweite solcher Initiativen ist eng begrenzt und sie leiden unter knappen Ressourcen. Léttre International, das Anfang der neunziger Jahre in zwölf Ländern herauskam, erscheint nur mehr in sechs und das von Pierre Bourdieu gegründete Magazin Liber hat sein Erscheinen ganz eingestellt.

Daher mehren sich Stimmen, die bezweifeln, dass jemals eine europäische Öffentlichkeit, die den Namen verdient, entstehen wird. Die Skepsis nimmt zu, je höher die Ansprüche sind, die man an eine solche Öffentlichkeit stellt. Dem Ideal einer Gesellschaft von freien Bürgern, die sich in vernünftigem Diskurs über politische Themen verständigen, werden streng genommen nicht einmal die nationalen Öffentlichkeiten gerecht. Zu stark ist der verborgene Einfluss wirtschaftlicher Interessen, und wer kann in der Vielfalt der Themen und Meinungen die Übersicht behalten? Dass diese Probleme auf europäischer Ebene nicht geringer werden, liegt auf der Hand, zumal Sprachbarrieren hinzukommen. Aber auch wer eine oder zwei Fremdsprachen spricht, hat kaum Zeit, regelmäßig ausländische Medien zu beobachten.

Dabei kann der Blick über den Tellerrand ganz einfach sein. Die Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn stellt seit einem Jahr täglich eine Presseschau aus europäischen Zeitungen zusammen und publiziert sie kostenlos über das Internet. Ein internationales Team von Korrespondenten beobachtet insgesamt mehr als hundert Publikationen, vom spanischen ABC bis Zycie Warszawy. Zwei Redaktionen in Berlin und Paris wählen daraus ein gutes Dutzend Artikel aus, die auf wenigen Zeilen zusammengefasst und in drei Sprachen - Englisch, Französisch, Deutsch - übersetzt werden. Am frühen Nachmittag kann der Nutzer das Ergebnis unter www.eurotopics.com oder als Newsletter in seinem E-Mail-Postfach lesen.

Die Sache wirkt - unter den heutigen technischen Gegebenheiten - simpel. Eurotopics kostet die Bundeszentrale 600.000 Euro pro Jahr. Das ist nicht viel Geld, wenn man den Nutzen des Angebots bedenkt. Wer sich zehn Minuten Zeit pro Tag nimmt, dem wird ein europäisches Aha-Erlebnis zuteil. Er wird zuerst staunen, dass in verschiedenen Ländern oft zur selben Zeit über dieselben Themen diskutiert wird.

Verschränkte Öffentlichkeit

Besonders eindrücklich war das in der Debatte um die Muhammad-Karikaturen zu erleben. Dann wird er merken, dass in verschiedenen Regionen Europas andere Themen viel eher auf der Agenda stehen oder dieselben Themen ganz anders gesehen werden, etwa in Osteuropa die bevorstehende Erweiterung des Schengen-Raumes oder die Öffnung der westlichen Arbeitsmärkte. Und schließlich wird er sich wundern, wie verschränkt die nationalen Öffentlichkeiten bereits sind, indem oft ungarische Essayisten in französischen Zeitungen, italienische in spanischen oder polnische Autoren in österreichischen Blättern schreiben.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine Presseschau allein keine europäische Öffentlichkeit. Dennoch liegt in solchen, vergleichsweise bescheidenen Projekten ein großes Potenzial, weil sie auf pragmatische Weise einen europäischen Horizont eröffnen. Sie sind kleine "Baustellen der Bürgerschaft", wie Etienne Balibar das einmal genannt hat.