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Wiens demolierte Bahnhöfe

Eine Ausstellung des Wien Museums zeichnet die vergessene Geschichte von Wiens großen Fernbahnhöfen nach.

Mit seinen Erkern, Türmchen und Zinnen erinnerte er an eine romantische Ritterburg: Sein verwegener Stilmix aus byzantinischen, gotischen und maurischen Elementen machte den 1865 fertiggestellten (zweiten) Nordbahnhof zu einem beliebten Postkartenmotiv. Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, aber keineswegs zerstört, wurde der leer stehende Bau 1965 abgerissen. Keine Stimme erhob sich dagegen und kein Medium nahm auch nur Notiz davon, dass ein einstiges Wahrzeichen Wiens endgültig der Spitzhacke zum Opfer fiel. Doch der Nordbahnhof war nur einer von sechs Bahnhöfen, die ein ähnliches Schicksal erlitten.

Wahrzeichen der Stadt

Die Ausstellung "Großer Bahnhof. Wien und die weite Welt" im Wien Museum zeichnet die zum Großteil vergessene Geschichte von Wiens großen Bahnhöfen nach. Heutzutage ist kaum noch bewusst, dass in Wien einst sechs große Fernbahnhöfe standen: Nordbahnhof, Südbahnhof, Ostbahnhof, Westbahnhof, Nordwestbahnhof und Kaiser-Franz-Josef-Bahnhof. Es war ein Kranz von Kopfbahnhöfen, die von der selbstbewussten Hauptstadt der Habsburgermonarchie in alle Himmelsrichtungen wiesen.

Keiner der imposanten Gründerzeitbauten hat überlebt. Die großen Wiener Fernbahnhöfe wurden radikal aus dem Stadtbild getilgt, ihr Erscheinungsbild ist längst vergessen. Den Zweiten Weltkrieg überstanden sie mehr oder weniger beschädigt, abgetragen wurden sie erst in der Zeit von 1950 bis 1975. In anderen Ländern wurden sogar schwer zerstörte Hallenbahnhöfe aus dem 19. Jahrhundert wieder aufgebaut, etwa jene in Köln, Frankfurt oder Leipzig. Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet in Wien, wo sonst auf historische Bauten enorm viel Rücksicht genommen wird, die gründerzeitlichen Bahnhöfe ohne Einspruch ausgelöscht werden konnten. Doch die historisierende Architektur des 19. Jahrhunderts galt in der Nachkriegszeit nicht viel, zumindest bei den maßgeblichen Stellen.

Der zweite Südbahnhof (1874-1959) wirkte wie ein an den Stadtrand verpflanzter Ringstraßenbau, er erinnerte deutlich an den Musikverein und das Parlament. Mit seiner Demolierung verschwand nicht nur der eleganteste Wiener Bahnhof, sondern auch der großzügige, nach Karl Ritter von Ghega benannte Bahnhofsvorplatz. Der prächtige, 1873 fertiggestellte Nordwestbahnhof wurde zwar schon 1924 stillgelegt, aber lebte als beliebter Ort für Großveranstaltungen, Großkundgebungen und Großausstellungen weiter. Im Winter 1927 beherbergte das Gebäude einen "Schneepalast" mit einer künstlichen Schipiste und einer Sprungschanze; 1938 wurde hier die berüchtigte Propagandaausstellung "Der ewige Jude" gezeigt. 1952 wurde der Bau abgerissen.

Die alten Bahnhöfe waren nicht nur beeindruckende Bauwerke, sondern entscheidende Impulsgeber für die Modernisierung: "Kathedralen der Moderne" nannte sie Karl Kraus, "Paläste der modernen Industrie" Théophile Gautier. Über die Wiener Bahnhöfe strömten Migranten in die Metropole, was zu einer Bevölkerungsexplosion führte, zugleich waren die Bahnhöfe Ausgangspunkt für das Ausufern der Städte und die Zersiedelung des Umlandes, weil betuchtere Schichten der Enge und dem Schmutz der Stadt zu entfliehen suchten. Die Eisenbahn beschleunigte die Industrialisierung Wiens, die Bahnanlagen führten zu sozialer Segregation, weil sie die Stadt in gute und schlechte Viertel trennten. Die Bahnhöfe wurden zu Kristallisationspunkten des entstehenden öffentlichen Verkehrsnetzes.

In den 1950er Jahren entstanden mit dem Süd-und dem Westbahnhof noch zwei moderne Bahnhöfe, doch dann setzte der Niedergang ein. Über ein Jahrhundert lang war die Eisenbahn das wichtigste und angesehenste Verkehrsmittel gewesen, nun jedoch wurde sie vom Auto und vom Flugzeug abgelöst. Die Bahnhöfe verloren immer mehr an Bedeutung und Prestige. Die gehobene Gastronomie wich Stehbuffets und Trinkeroasen, die einst mondänen Wartesäle wurden zu Aufenthaltsorten sozial Gestrandeter. Dazu kamen fehlende Investitionen und ein liebloser Umgang mit der Bausubstanz. Der Franz-Josef-Bahnhof zum Beispiel überstand den Krieg nur mit geringen Schäden, den genannten Entwicklungen jedoch konnte er nicht widerstehen. Nachdem er zum Inbegriff von Heruntergekommenheit und Tristesse geworden war, wurde der letzte erhaltene der großen Bahnhöfe des 19. Jahrhunderts 1975 geschleift.

Tiefpunkt und neue Visionen

In den nächsten Jahren - und damit endet die Schau im Wien Museum - ist die Wiener Bahnhofslandschaft abermals enormen Umwälzungen unterworfen. Bis 2008 soll der neue Bahnhof Wien Nord fertig sein, dessen Gleise von einer riesigen Bahnhofshalle überspannt werden, der ersten neuen seit über 130 Jahren. Ab 2008 wird der Westbahnhof umgebaut, die jetzt freistehende denkmalgeschütze Eingangshalle wird zwischen zwei Neubauten eingezwängt. Schließlich wird auch der Südbahnhof abgerissen und muss dem neuen Hauptbahnhof weichen. Bei allen dreien handelt es sich um so genannte Hybridbahnhöfe, die nicht nur dem Verkehr dienen, sondern Büros, Hotels, Shopping Malls und Entertainment Centers beherbergen. Unter diesen Vorzeichen vollzieht sich die internationale Renaissance der Bahnhöfe auch in Österreich.

Großer Bahnhof

Wien und die weite Welt

Wien Museum Karlsplatz, 1040 Wien

www.wienmuseum.at

Tel. 01/5058747-0

Bis 25. 2. 2007 Di-So 9-18 Uhr

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