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Auf der Insel der Tragödien

Die jüngste Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa mit bis zu 300 Toten hat eine Vorgeschichte: Im Inselalltag häuften sich die Alarmsignale seit Langem. Lokalaugenschein an der Grenze Europas.

Lampedusa, 20 Quadratkilometer Felsen zwischen Europa und Afrika, ist längst zum Synonym für die latente Flüchtlings-Krise der EU geworden.

Das dominierende Bild dieser Verbindung sind seit vergangener Woche nicht mehr Boote, sondern die Leichensäcke auf der Hafenmole. "Ein Horror“, sagte Giusi Nicolini, seit 2012 die Bürgermeisterin von Lampedusa, in dem im gleichen Zeitraum annähernd 20.000 Armuts- und Bürgerkriegsflüchtlinge an Land gingen. Von einer "Schande“ sprach der Papst, der im Juli mit seinem Antrittsbesuch auf der Insel das Thema zurück auf die Agenda der internationalen Medien brachte.

Eine andere Beschreibung hingegen wird den Ereignissen auf Lampedusa nicht gerecht: "Unglück“. Nicht nur, weil dies verharmlosend klingt - es suggeriert auch, es handle sich bei der Massenpanik auf dem brennenden Kahn nahe der vorgelagerten "Kanincheninsel“ um ein grausames, aber gleichsam zufälliges Szenario. Doch genau das ist es nicht - und zwar gänzlich unabhängig davon, ob der Brand durch einen Kurzschluss verursacht wurde oder, wie Überlebende berichteten, durch Decken, die Migranten als Warnsignal anzündeten.

Zum einen ist da die jüngste Häufung solcher Katastrophen. Erst zwei Tage zuvor ertranken 13 Bootsflüchtlinge, deren Schiff vor Sizilien auf Grund gelaufen war. Ein anonymer Mitarbeiter der italienischen Behörden schätzte im September, die Zahl der Toten im Mittelmeer läge dieses Jahr bei "vielleicht 1000“.

Grausame Details

Weitere Grausamkeiten enthüllen sich in Details. Wer sich auf Lampedusa mit Bootsflüchtlingen unterhält, hört immer wieder Geschichten wie die von einem Schlauchboot, das Ende August ankam. So voll bepackt war es mit Menschen, dass diejenigen, die am Rand saßen, ein Bein ins Wasser hängen ließen. An Bord waren Nigerianer, Pakistanis und Eritreer. Längst nicht alle Passagiere konnten schwimmen. Westen gab es keine, auch nicht für die Kinder.

Andere Überlebende erzählen von Schleppern, die nach dem Ablegen in Libyen einem Passagier kurz die Navigation des Bootes erklären, das Satellitentelefon mit der Nummer der italienischen Küstenwache überreichen und dann ins Wasser springen, um zurück an den Strand zu schwimmen. Ein Notruf ist keinesfalls die Rettung: oft vergehen Stunden, bis die Helfer vor Ort sind. Ein Motor außer Funktion beeinträchtigt auch die Pumpe. Ist das Boot nicht mehr dicht, müssen die Passagiere das Wasser per Hand ausschöpfen.

Und doch stechen die alten Kähne weiter in See, geradezu serienmäßig in Spätsommer-Wochen mit stabiler Wetterlage. Eine Schlüsselrolle kommt dabei Libyen zu, wo die weitaus meisten Migranten an Bord gehen. Nach dem berüchtigten Deal zur Flüchtlingsabwehr zwischen der EU und Oberst Gaddafi setzte dieser während des Bürgerkriegs Flüchtlingsboote als Druckmittel gegen den früheren Verbündeten ein. Mehrere Migranten erzählten damals, Gaddafis Schergen hätten sie mit vorgehaltener Waffe auf die Boote gezwungen.

Nach dem Sturz des Diktators lässt das entstandene Machtvakuum genug Raum für die Aktivitäten der Schlepper. Und nicht nur das - es sorgt auch dafür, dass die Lebensbedingungen für dunkelhäutige Migranten in Libyen unerträglich werden.

Kein Afrikaner, der auf Lampedusa landet, erzählt nicht von Misshandlungen, Überfällen und Bedrohungen, die er von Polizisten, Militärs oder Zivilisten erlitt. Nicht wenige waren einst losgezogen, um als Arbeitsmigranten im wohlhabenden Öl-Staat ihr Glück zu finden. Wo dies so unmöglich wird wie eine Rückkehr ins Herkunftsland inakzeptabel, bleibt als Ausweg nur die Flucht nach Europa.

Das Elend, das sich auf Lampedusa nun in seiner schlimmsten Form offenbarte, ergibt sich aus einer komplexen Konstellation: zunächst ist da die hoffnungslose Lage im Ausgangsland.

Die Flucht nach Norden endet an den Mauern Europas, die mit Drittstaatenregelung und Dublin-Abkommen immer höher gezogen wurden. "Festung Europa“, das war einst ein Schlagwort in der antirassistischen Polit-Szene. Dass es inzwischen im publizistischen Mainstream angekommen ist, spricht Bände. Als letzter Faktor kommen die Schlepperorganisationen hinzu, für die die klandestine Reise nach Europa ein äußerst lukratives Geschäft ist.

Der italienische Journalist Fabrizio Gatti, der sich inkognito auf den Migrantenrouten von Sahel und Sahara bewegte, meint: die Überfahrt nach Europa ist nur die letzte, himmelschreiendste Etappe dieser Höllentour. Es ist frappierend, dass sich in diesen Tagen erneut die Diskussion ergibt, ob "Europa“ oder "die Schlepper“ Schuld an der Tragödie tragen. Dabei halten beide Seiten diese fatale Dynamik in Stand. Eine Asylpolitik, die sich als Flüchtlingsabwehr definiert, schafft die Bedingungen für die Menschenschmuggler. Und deren Aktivitäten wiederum liefern der EU Vorwände, um die Mauer ein weiteres Stück höher zu ziehen.

Radikales Geschäft

In den vergangenen Monaten hat sich die Konstellation gründlich geändert: neben den Afrikanern versuchen auch immer mehr Syrer von Libyen aus den Sprung nach Europa. Meist laufen deren Boote die sizilianische Ostküste an, aber auch auf Lampedusa landen viele. Die finanziellen Konditionen offenbaren, dass das Schleppergeschäft nach radikal marktwirtschaftlichen Prinzipien funktioniert. Während Migranten aus Mali, Senegal oder dem Horn von Afrika rund 1000 Dollar für die Überfahrt zahlen, kostet diese für Syrer 8000.

Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin, wollte sich dieser Herausforderung immer stellen. "Lampedusa ist es gewöhnt“, kommentierte sie kürzlich noch die neue Welle aus Syrien, und betonte wie immer, die Insel müsse die Bootsflüchtlinge ebenso aufnehmen wie die Touristen. Fast ist es ironisch, dass sich augerechnet vor dem beliebtesten Strand Lampedusas nun die größte Katastrophe ereignete. Auf dem Migrantenfriedhof Mittelmeer ist die "Kanincheninsel“ zum Massengrab geworden.

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