"Man braucht den Blick fürs große Ganze“

Das Gespräch führte Veronika Dolna

Seit März leitet Magdalena Holztrattner die Katholische Sozialakademie Österreichs. Die FURCHE sprach mit ihr über gesellschaftlichen Wandel und den langen Atem.

Die Furche: Wodurch wird das Klima einer Gesellschaft beeinflusst?

Holztrattner: Einerseits durch die Mikrogesellschaft, die ist kleinräumig und mehr individuell: Wie läuft das Miteinander in der Familie, in Freundesnetzwerken, in der Nachbarschaft, im Dorf? Andererseits durch die Makrogesellschaft, die großen Strömungen und die politischen Rahmenbedingungen: Werden Minderheiten geschützt? Haben sie politische Mitsprache? Welche Kulturgüter werden entwickelt, von wem, für wen ist sie zugänglich? Welche Art von Wirtschaft wird für wen betrieben?

Die Furche: Wie viel davon lässt sich vom Einzelnen gestalten?

Holztrattner: Im Mikrobereich sehr viel. Um den sozialen Wandel im Mikrobereich voranzubringen bietet die ksoe den Lehrgang "Soziale Verantwortung“ an. Was den Makrobereich betrifft, kommt aber manchmal das Gefühl auf, dass man eh nix tun kann. Dann braucht man den Blick fürs Ganze und auch ein Stück Wissen darüber, wie Gesellschaften funktionieren. Erfolgreich ist auch das Arbeiten in Netzwerken. Wenn die gleiche Idee von mehreren verfolgt wird, bekommt sie mehr Gewicht.

Die Furche: Wie wichtig ist Wohlstand, oder das Fehlen vom Armut, für das Klima einer Gesellschaft?

Holztrattner: Sekundär. In El Salvador haben wir untersucht, wie Jugendliche Armut wahrnehmen. Das Ergebnis war, dass Jugendliche, die von absoluter materieller Armut betroffen sind, trotzdem sagen: “Solange ich jemanden habe, der mich liebt, bin ich nicht der Ärmste der Armen.“ Ein emotionales Nest zu haben ist für diese Jugendliche wichtiger als materielle Rundumversorgung. Trotzdem darf man sich nicht hinreißen lassen, kein Mitleid mit Armen zu haben. Man kann sich den großen gesellschaftlichen Ungleichheiten nur über die Frage nach Gerechtigkeit nähern: Die Gesellschaft muss so gestaltet sein, dass alle Menschen gut leben können. Das geht über Materielles hinaus.

Die Furche: Gesellschaftlicher Wandel geht langsam voran und erfordert viel Geduld …

Holztrattner: Den berühmten langen Atem. Den kann man trainieren, indem man im Alltag immer wieder Geduld übt. Eine wichtige Frage ist die nach der Quelle der eigenen Motivation, nach den Werten und Emotionen, die bewegen. Und es braucht das Wissen, dass soziale Veränderungen lange dauern. Außer die Politik kommt durch irgendein Ereignis drauf, schnell etwas zu ändern. Denken Sie an das Einspeisungsgesetz für Erneuerbare Energien in Deutschland. Das kam zwar plötzlich, ist aber die Frucht von jahrzehntelanger Arbeit vieler Gruppen.

Die Furche: Und eines Reaktorunfalls in Japan.

Holztrattner: Auch. Das sind äußere Bedingungen, die mitreinspielen. Trotzdem bewirkt Engagement für eine Sache etwas. Ein Beispiel aus dem kirchlichen Bereich ist das II. Vatikanische Konzil. Immer schon hat es Stimmen gegeben, die sich für Erneuerung der Kirche aussprachen. Irgendwann waren genug Bischöfe überzeugt, dass es jetzt notwendig ist, die Kirche zu reformieren, sodass es umgesetzt wurde. Das braucht Zeit und Visionen.

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