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Die Unmöglichkeit der Freude

Freude ist ein seltsamer Zustand, wenn man sie überhaupt als einen Zustand bezeichnen kann. Es ist vielmehr ein Prozess, in dem nicht das Gefühl an sich, sondern Änderungen des Lustgefühls wahrgenommen werden. Weiters zeigt die Forschung, dass wir Verlust intensiver wahrzunehmen scheinen als Gewinn. In letzter Zeit gibt es vermehrt Publikationen zu diesem Thema, etwa den Bestseller der Ökonomen und Philosophen Robert und Edward Skidelsky: "Wieviel ist genug?" Ich würde das zunächst gerne aus theologischer Sicht beleuchten. Im Reich des Religiösen, in jenem der Phantasie und unserer Vorstellung gab es stets einen Zustand der Perfektion. Aber warum haben die Menschen oder Völker diesen Zustand verlassen? Nicht einmal Adam, der noch mit Gott sprechen konnte und in diesen perfekten Zustand gesetzt worden ist, war zufrieden. Er fühlte sich laut Genesis allein und unkomplett -und zwar lange bevor der "Sündenfall" sich ereignete. Die Beziehung mit Gott reichte ihm nicht. Wieviel Freude kann man also überhaupt fühlen, wenn man sich alleine fühlt? Ist es nicht so, dass gerade Freude ein Zustand ist, der sich mitteilen muss, der geteilt werden muss? Und wie steht es denn da mit Gott? "Ist Gott glücklich?" fragt der Philosoph Kolakowski. Nein, er kann es nicht sein, ist die Antwort. Gegenüber dem Leiden und den Defekten seiner Schöpfung kann er es gar nicht sein. Und das führt uns nun zur Wirtschaft und zum Konsum, wo sich ebenso das Problem der Unzufriedenheit einstellt. Auch da ist nichts genug, und das ist das Problem. Der Konsum schafft schneller neue Wünsche, als er die alten befriedigt. Wir sind also ziemlich sicher, dass sich der Konsum so verhält wie eine Droge. Aber geht es denn nur dem Konsum so? Könnte es sein, dass sich auch die Freude in dieser Art bewegt? Niemals zufrieden, immer strebend und auf Erfüllung hoffend, die es nicht gibt?

Der Autor ist Professor für Ökonomie an der Karlsuniversität Prag

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