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Politik

Freud und Flucht zusammen denken

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Unheimlich ist das, was zugleich vertraut und unvertraut ist, schrieb Sigmund Freud in seiner Abhandlung "Das Unheimliche" (1919). "Gleichzeitig brauchen wir das Fremde, um uns von anderen abzugrenzen und eine eigene Identität herauszubilden", sagt Avi Rybnicki. Er ist israelischer Psychoanalytiker und Mitbegründer des Neuen Lacan'schen Felds Österreich -Initiative Wien, das sich auf den französischen Psychiater, Psychoanalytiker und Freud-Anhänger Jacques Lacan (1901-1981) bezieht.

Bereits zum zweiten Mal findet diese Woche, organisiert von Rybnicki und anderen Psychoanalytikern, das Forum ZADIG statt: Eine Plattform, die Psychoanalyse und Politik verknüpft und sich dezidiert gegen Fremdenhass, Vorurteile und Ausgrenzung wendet. Unter dem Titel "Zero Abjection Democratic International Group"(kurz: ZADIG) liefern am 6. April Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Kultur Beiträge zum Thema Fremdenfeindlichkeit, die anschließend aus psychoanalytischer Perspektive diskutiert werden.

Schließlich sei die Psychoanalyse ein probates Mittel, die eigenen rassistischen Abgründe zu ergründen, sagt Rybnicki: "Die Angst vor dem Fremden ist das Menschlichste überhaupt. Die Frage ist aber, wie wir damit umgehen: Ob wir es als Problem anerkennen, mit dem man umgehen muss, oder ob wir uns einreden wollen, dass das Schlechte immer nur bei anderen zu finden ist."

Für das Funktionieren von Demokratie

Ins Leben gerufen wurde das Forum vom französischen Psychoanalytiker Jacques-Alain Miller, der im Zuge der Präsidentschaftswahl in Frankreich (April 2017) ein Zeichen gegen den grassierenden, insbesondere von Präsidentschaftsanwärterin Marine Le Pen geschürten Rassismus setzen wollte. Le Pen verlor bekanntlich, wenn auch knapp, gegen Emmanuel Macron -das verseuchte gesellschaftliche Klima aber blieb. Und so bekam das Forum nach mehreren Ausgaben in Frankreich bereits im September 2017 einen Wiener Ableger. Thema der ersten Ausgabe, die in der Ankerbrotfabrik in Wien-Favoriten stattfand, war "Die Angst vor dem Fremden - Aussonderung oder Diskurs": Unter den Gästen am Podium waren Paul Lendvai, Erhard Busek, Stephan Schulmeister und Josef Hader.

Anderthalb Jahre später, diesmal an der Universität für angewandte Kunst Wien, lautet das Motto "Wir alle sind Exilanten": Im Titel wird darauf angespielt, dass wir alle auf der Flucht sind - nicht zuletzt vor inneren Einstellungen, die uns nicht bewusst sind. Unter den prominenten Gästen sind diesmal Barbara Coudenhove-Kalergi, Othmar Karas, Wolfgang Petrisch und Doron Rabinovici. Allen gemein ist die Absicht, gegen die politische Instrumentalisierung von Angst sowie gegen den leichtfertigen, nicht selten gefährlichen Gebrauch von Sprache aufzustehen.

"Die Problematik von Vorurteilen, Flucht und Exil im Zusammenhang mit Psychoanalyse zu diskutieren ist wichtig, weil das Funktionieren einer Demokratie vom gesellschaftlichen Zusammenhalt -verstanden als Grundkonsens über zentrale Werte - abhängig ist", sagt Verfassungsjurist Heinz Mayer, der am Forum sprechen wird. Genau dieser Grundkonsens sei aktuell im Schwinden begriffen. Die Psychoanalyse könne allenfalls Hinweise geben, wie man dem entgegenwirken kann, sagt Mayer. "Die Frage einer gewissen Veranlagung zu rassistischen Vorurteilen in unserer Gesellschaft ist zweifelsohne brisant", sagt Stephanie Krisper, Menschenrechtsexpertin, NEOS-Politikerin und ebenfalls Teilnehmerin am Forum. Gerade mit Blick auf die Geschichte unseres Landes liege es daher umso mehr in der Verantwortung der Politiker, diese Prädisposition nicht schamlos auszunutzen.

"Indem wir den Feind klein, niedrig, verächtlich, komisch machen, schaffen wir uns auf einem Umwege den Genuß seiner Überwindung, den uns der Dritte, der keine Mühe aufgewendet hat, durch sein Lachen bezeugt", schrieb Freud bereits 1905 in seiner Abhandlung "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten". Analog funktioniert Ausgrenzung bis heute. Dabei wesentlich: Es braucht immer mindestens zwei, um jemanden verächtlich zu machen -nämlich neben dem Verächtlichmacher auch jemand Dritten, der nicht widerspricht und das Gesagte mitträgt. Durch die Tat des Verächtlichmachens kommt es zum Ausgrenzen, zum Fremdwerden.

Freud wurde bekanntlich nach dem Anschluss 1938 so sehr unter Druck gesetzt, dass er sich gezwungen sah, nach England auszuwandern. Und so erinneren die ZA-DIG-Organisatoren, dass während der Zeit des Nationalsozialismus die Psychoanalyse als eine "jüdische Wissenschaft" stigmatisiert war. "Mehr als offensichtlich ist die Notwendigkeit, dass sich Psychoanalytiker heute, im Verbund mit anderen demokratischen Kräften und Intellektuellen, engagieren in einer Debatte jenseits des Populismus und für ein freies Europa", heißt es auf der ZADIG-Website. Und Rybnicki ergänzt: "Wir haben den ersten Schritt gemacht, wir haben keine andere Wahl als weiterzumachen."

Unheimlich ist das, was zugleich vertraut und unvertraut ist, schrieb Sigmund Freud in seiner Abhandlung "Das Unheimliche" (1919). "Gleichzeitig brauchen wir das Fremde, um uns von anderen abzugrenzen und eine eigene Identität herauszubilden", sagt Avi Rybnicki. Er ist israelischer Psychoanalytiker und Mitbegründer des Neuen Lacan'schen Felds Österreich -Initiative Wien, das sich auf den französischen Psychiater, Psychoanalytiker und Freud-Anhänger Jacques Lacan (1901-1981) bezieht.

Bereits zum zweiten Mal findet diese Woche, organisiert von Rybnicki und anderen Psychoanalytikern, das Forum ZADIG statt: Eine Plattform, die Psychoanalyse und Politik verknüpft und sich dezidiert gegen Fremdenhass, Vorurteile und Ausgrenzung wendet. Unter dem Titel "Zero Abjection Democratic International Group"(kurz: ZADIG) liefern am 6. April Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Kultur Beiträge zum Thema Fremdenfeindlichkeit, die anschließend aus psychoanalytischer Perspektive diskutiert werden.

Schließlich sei die Psychoanalyse ein probates Mittel, die eigenen rassistischen Abgründe zu ergründen, sagt Rybnicki: "Die Angst vor dem Fremden ist das Menschlichste überhaupt. Die Frage ist aber, wie wir damit umgehen: Ob wir es als Problem anerkennen, mit dem man umgehen muss, oder ob wir uns einreden wollen, dass das Schlechte immer nur bei anderen zu finden ist."

Für das Funktionieren von Demokratie

Ins Leben gerufen wurde das Forum vom französischen Psychoanalytiker Jacques-Alain Miller, der im Zuge der Präsidentschaftswahl in Frankreich (April 2017) ein Zeichen gegen den grassierenden, insbesondere von Präsidentschaftsanwärterin Marine Le Pen geschürten Rassismus setzen wollte. Le Pen verlor bekanntlich, wenn auch knapp, gegen Emmanuel Macron -das verseuchte gesellschaftliche Klima aber blieb. Und so bekam das Forum nach mehreren Ausgaben in Frankreich bereits im September 2017 einen Wiener Ableger. Thema der ersten Ausgabe, die in der Ankerbrotfabrik in Wien-Favoriten stattfand, war "Die Angst vor dem Fremden - Aussonderung oder Diskurs": Unter den Gästen am Podium waren Paul Lendvai, Erhard Busek, Stephan Schulmeister und Josef Hader.

Anderthalb Jahre später, diesmal an der Universität für angewandte Kunst Wien, lautet das Motto "Wir alle sind Exilanten": Im Titel wird darauf angespielt, dass wir alle auf der Flucht sind - nicht zuletzt vor inneren Einstellungen, die uns nicht bewusst sind. Unter den prominenten Gästen sind diesmal Barbara Coudenhove-Kalergi, Othmar Karas, Wolfgang Petrisch und Doron Rabinovici. Allen gemein ist die Absicht, gegen die politische Instrumentalisierung von Angst sowie gegen den leichtfertigen, nicht selten gefährlichen Gebrauch von Sprache aufzustehen.

"Die Problematik von Vorurteilen, Flucht und Exil im Zusammenhang mit Psychoanalyse zu diskutieren ist wichtig, weil das Funktionieren einer Demokratie vom gesellschaftlichen Zusammenhalt -verstanden als Grundkonsens über zentrale Werte - abhängig ist", sagt Verfassungsjurist Heinz Mayer, der am Forum sprechen wird. Genau dieser Grundkonsens sei aktuell im Schwinden begriffen. Die Psychoanalyse könne allenfalls Hinweise geben, wie man dem entgegenwirken kann, sagt Mayer. "Die Frage einer gewissen Veranlagung zu rassistischen Vorurteilen in unserer Gesellschaft ist zweifelsohne brisant", sagt Stephanie Krisper, Menschenrechtsexpertin, NEOS-Politikerin und ebenfalls Teilnehmerin am Forum. Gerade mit Blick auf die Geschichte unseres Landes liege es daher umso mehr in der Verantwortung der Politiker, diese Prädisposition nicht schamlos auszunutzen.

"Indem wir den Feind klein, niedrig, verächtlich, komisch machen, schaffen wir uns auf einem Umwege den Genuß seiner Überwindung, den uns der Dritte, der keine Mühe aufgewendet hat, durch sein Lachen bezeugt", schrieb Freud bereits 1905 in seiner Abhandlung "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten". Analog funktioniert Ausgrenzung bis heute. Dabei wesentlich: Es braucht immer mindestens zwei, um jemanden verächtlich zu machen -nämlich neben dem Verächtlichmacher auch jemand Dritten, der nicht widerspricht und das Gesagte mitträgt. Durch die Tat des Verächtlichmachens kommt es zum Ausgrenzen, zum Fremdwerden.

Freud wurde bekanntlich nach dem Anschluss 1938 so sehr unter Druck gesetzt, dass er sich gezwungen sah, nach England auszuwandern. Und so erinneren die ZA-DIG-Organisatoren, dass während der Zeit des Nationalsozialismus die Psychoanalyse als eine "jüdische Wissenschaft" stigmatisiert war. "Mehr als offensichtlich ist die Notwendigkeit, dass sich Psychoanalytiker heute, im Verbund mit anderen demokratischen Kräften und Intellektuellen, engagieren in einer Debatte jenseits des Populismus und für ein freies Europa", heißt es auf der ZADIG-Website. Und Rybnicki ergänzt: "Wir haben den ersten Schritt gemacht, wir haben keine andere Wahl als weiterzumachen."