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Kristallisationspunkt aller Ängste

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Ein Student, seit Jahren österreichischer Staatsbürger - er spricht perfekt Deutsch mit leichtem Wiener Akzent, ist aber vietnamesischer Abstammung - erzählte mir kürzlich: Immer zahlreicher würden die unangenehmen Anspielungen, denen er ausgesetzt sei, die abfälligen Bemerkungen, die geringschätzigen Blicke. Er fühle sich in seiner Heimat Österreich immer weniger geborgen. Die Stimmung, die um das Volksbegehren gemacht wird, zeige Wirkung.

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Ein Student, seit Jahren österreichischer Staatsbürger - er spricht perfekt Deutsch mit leichtem Wiener Akzent, ist aber vietnamesischer Abstammung - erzählte mir kürzlich: Immer zahlreicher würden die unangenehmen Anspielungen, denen er ausgesetzt sei, die abfälligen Bemerkungen, die geringschätzigen Blicke. Er fühle sich in seiner Heimat Österreich immer weniger geborgen. Die Stimmung, die um das Volksbegehren gemacht wird, zeige Wirkung.

In Frankreich gibt es diese Stimmung schon seit langem. Dort wird sie durch ein eigenartiges Zusammenspiel von Politik und Medien verstärkt. Ich erinnere mich an einen Fernsehauftritt von Jean Marie Le Pen. Es muß acht Jahre her sein: eine Debatte zum Thema Ausländer. Linke Journalisten nahmen den Politiker in die Zange. Le Pen argumentierte locker, wirkte überlegen. In vielem hatte er vordergründig ja recht. Er sprach aus, was die vorherrschende liberale Ideologie gern unter den Tisch fallen läßt.

Das Fernsehpublikum wurde mehrmals eingeladen über „Minitel” das Geschehen zu bewerten. Und siehe da: Von Mal zu Mal stieg Le Pen im Ansehen der Zuseher. Eineinhalb Stunden Medienpräsenz brachten ihm sicher enorm viel Sympathie ein.

Mangels eines großen Fernsehauftritts inszeniert Jörg Haider seine Show selbst und lädt alle ein, mitzuspielen. Und sie kommen: verschiedene Organisationen, die Medien, Vertreter von Staat und Kirche... Das Volksbegehren als Thema des Monats Jänner. So erhält ein Volkstribun eine Publizität, die er mit seinen Parteipublikationen - wer liest schon die „Neue Freie Zeitung”? - niemals hätte.

Daß es der FPÖ nicht um echte Auseinandersetzung geht, erkennt jeder: Den Papst als Kronzeugen für ihr Anliegen zu bemühen (siehe Seite 5), ist geradezu lachhaft. Aber zum Spiel gehört es, die Kirche einzubezie-hen, nicht etwa, weil man nach kirchlicher

Wegweisung dürstet, sondern weil es zur Unterhaltung gehört.

Unernst ist auch die Behauptung, in Österreich habe es in „den letzten Jahren eine unkontrolliert verlaufende Einwanderungsbewegung” gegeben. Das hält einer ernsthaften Überprüfung (DIE FURCHE hat die sachlichen Aspekte mehrfach beleuchtet) in keiner Weise stand.

Jeder kann das leicht selbst testen. Man muß nur einmal miterleben, wie Asylwerber von manchen Behörden behandelt werden. Ich habe einen jungen Ausländer zur Fremdenpolizei begleitet und war ehrlich betroffen. Was für ein Umgangston! Dabei stellte sich heraus, daß mein Begleiter dank meiner Gegenwart so gut wie hie zuvor davongekommen war.

Soll man das Thema also lieber ganz verschweigen? Nein, aber ernsthafter behandeln. Macht die Ausländerthematik nicht letztlich die diffuse allgemeine Angst der Menschen offenbar? Die Österreicher haben nämlich Angst: vor der Umweltzerstörung (87 Prozent), vor einer Zunahme der Kriminalität (80 Prozent), vor der Arbeitslosigkeit (79 Prozent) und, und und... So hat es jedenfalls das Fessl + GfK-Institut im Dezember erhoben („profil” 2/1993).

Politik mit der Angst

Vielen ist die Situation der Welt unheimlich. Nicht ganz zu unrecht. Es genügt, die Nachrichten zu hören. Gebannt und gelähmt verfolgt man das Geschehen - und sorgt sich. Aus dieser Angst läßt sich politisches Kapital schlagen. SPÖ und ÖVP spannen die Sorge des Österreichers um die äußere Sicherheit als Zugpferd vor ihre EG-Propaganda (Stichwort Beitritt zur NATO, zur WEU). Und Jörg Haider tut es, indem er die Ausländer zum Brennpunkt aller Ängste macht. Wie sehr das Volksbegehren als Ventil allen möglichen Unbehagens angeboten wird, zeigt ein Artikel im jüngsten „13.”.

Auf die wahre Ursache unserer Ängste wird wohlweislich nicht eingegangen. Es wäre nicht stimmenträchtig. Letztlich sorgen wir uns um unseren hohen Lebensstandard. Das eklatante Wohlstandsgefälle zu den Völkern des Ostens und des Südens macht uns ja für diese so anziehend.

Wir leben auf einer Insel des Reichtums inmitten einer Welt großer materieller Bedürftigkeit. Sich ängstlich abzuschotten, scheint da so naheliegend. Aber es ließe sich auf Dauer ohnedies nicht durchhalten. Denn sowohl die Länder des ehemaligen Ostblocks als zunehmend auch jene der Dritten Welt (dank der Anwerbung russischer Atomexperten und des Schwarzhandels mit spaltbarem Material) verfügen über massive Druckmittel, um uns zu erpressen.

Gegen die Kultur des Egoismus

Was könnten Christen in die Debatte einbringen? Die Einladung, mit den Notleidenden der Welt wirklich zu teilen, so zu teilen, daß wir es auch spüren. Lieben muß weh tun, hat Mutter Teresa einmal gesagt. Wenn einer dein Hemd haben will, gib ihm auch den Mantel, heißt es im Evangelium (Mt 5,.40).

Diese Bereitschaft entsteht nur, wo Menschen ihre ängstliche Sorge aufgeben können, weil sie wissen, daß sie einen Vater im Himmel haben, der für sie sorgt. Das ist kein frommer Spruch, sondern Realität. Man muß es nur ausprobieren. Ohne diese Erfahrung bleibt alles eine Illusion. Für andere kann sich nur einsetzen, wer nicht von ängstlicher Sorge um das eigene Wohl zerfressen wird.

Diese Sorge aber kultiviert unsere Gesellschaft genüßlich. Egoismus, Gier nach mehr und mehr, Neid und Zukunftsangst sind von der Werbung gern beackerte, menschliche Schwächen. Kein Wunder, daß nach Jahrzehnten gezielter Konditionierung ein Menschentyp enstand, der sich „nicht um alle kümmern kann”, dem „alle Menschen z'wida san”, der alles haben will - „und das sofort!”. Wer dem heutigen Menschen gerade in der Ausländerfrage Großzügigkeit zumutet und -zurecht - gegen das Volksbegehren Stellung bezieht, sollte sich dieser tieferen Dimension bewußt sein und in jeder Hinsicht gegen die herrschende Kultur des Egoismus eintreten.

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