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Griechisch regieren

In Athen regiert die Orthodoxie mit. Wie sich eine politische Landschaft trotz Wiederwahl der Regierung Karamanlis verändert hat.

Nach der Vertrauensabstimmung Anfang der Woche steht die neue griechische Regierung Karamanlis 2 gleich vor einer schweren Bewährungsprobe. Mit ihrer nur mehr knappen absoluten Mehrheit in der Athener Vouli muss sie eine unpopuläre Rentenreform und einschneidende Sparmaßnahmen im Staatshaushalt 2008 in Angriff nehmen. In ihrer ersten Legislaturperiode seit dem griechischen Olympiajahr 2004 hatte sich die konservative Nea Dimokratia (ND) trotz damals wesentlich komfortablerer Mehrheit gescheut, sich an diesen heißen Eisen die Finger zu verbrennen.

In einem Land wie dem modernen Hellas, wo fliegender Fraktionswechsel eines oder meist mehrerer Abgeordneter eingefleischte Unsitte ist, wird es das um etliche "Versager" der letzten Jahre abgeschlankte Kabinett nicht leicht haben, seinen parlamentarischen Rückhalt beisammenzuhalten.

Zwar räumt Karamanlis sofort mit einem bisher nie angetasteten Relikt autoritärer Vergangenheit auf, dem eigenen Polizei-ministerium für "Öffentliche Ordnung". Diesem waren nicht nur Polizei und die früher von der Dorfbevölkerung gefürchteten "Landwächter", sondern auch die in den verheerenden Waldbränden vom August so hilflosen Feuerwehren unterstellt.

Größere Rolle für Orthodoxie

Diese Schlappe, die Karamanlis beinahe seine Wiederwahl gekostet hätte, bot ihm nun Gelegenheit, den ganzen Bereich der öffentlichen Ordnung ins Innenministerium einzubringen. Damit hören die Feuerwehrmänner endlich auf, mehr eine Art Hilfspolizisten als professionell leistungsfähige Brandlöscher zu sein. So fällt die Vorschrift, dass sie griechisch-orthodoxer Konfession zu sein haben. Auch Katholiken und Protestanten, Juden und Muslimen wird fortan zugetraut, die richtige Löschgesinnung mitzubringen.

Immerhin spielt die Orthodoxie als politischer Faktor im traditionell antiklerikalen modernen Griechenland nun eine wachsende Rolle. Die nationalreligiöse Gruppierung "Völkisch-orthodoxer Alarm" (LAOS), deren Abkürzung zugleich "Volk" bedeutet, stellt erstmals zehn der 300 Abgeordneten. Bisher war sie nur im Europaparlament durch Parteichef Georgios Karatzaferis persönlich vertreten. Auch ergeben jüngste Umfragen nach den Wahlen vom 16. September, dass sich Laos bei den Auslandsgriechen wachsender Zustimmung erfreut, besonders in Deutschland und in der Schweiz. Auch Karamanlis, der sich im Wahlkampf als praktizierender Orthodoxer zeigte und an die religiösen Gefühle der Griechinnen und Griechen appellierte, hat von dieser Aufwertung alles Orthodoxen profitiert. Diese ist mit einem Sympathieschub für das neue, wieder bewusst orthodoxe Russland Putins und einer Wiederbelebung des bei vielen Griechen latenten Misstrauens gegen den Westen verbunden. Die drohende Abtrennung eines unabhängigen Kosovo vom serbischen "Bruderstaat" verstärkt in Athen noch die Bereitschaft, den bestehenden Bindungen an EU und NATO eine ostorientierte, "panorthodoxe" Ergänzung oder gar Alternative hinzuzufügen. Jedenfalls hat Karamanlis die von seiner Gegnern kurz vor der Wahl ausgestreute Mundpropaganda, der Premier habe sich gegen den Willen seiner Außenministerin Bakojanni Moskau angenähert und sei dafür von CIA-Agenten mit gelegten Feuersbrünsten bestraft worden, nicht geschadet. Im Gegenteil: Gerade in den von Waldbränden verheerten Gebieten hat seine Regierungspartei ND am besten abgeschnitten!

Es läge daher jetzt nahe, ihre knappe Mehrheit durch Zusammenspiel mit den Völkisch-Orthodoxen aufzupolstern. Laos hat auch schon ein Angebot gemacht. Doch steht dem entgegen, dass Karatzaferis lang ein Parteigänger von Karamanlis war. Ihre Wege trennten sich nicht wegen der - gemeinsamen - Hinwendung zur Orthodoxie und ihren Werten. Grund war der Antisemitismus, den der LAOS-Gründer in seinem Privatfernsehen Alpha unverhüllt zur Schau stellt.

Annäherung an Moskau?

Aus Sicht der ND, aber auch grundsätzlich, ist zu bedauern, dass es LAOS und nicht die andere neo-orthodoxe Partei von Stelios Papathemelis war, die diesmal den Einzug ins griechische Parlament geschafft hat. Papathemelis ist als Generalsekretär der Interorthodoxen Parlamentarischen Union natürlich auch ein Freund der Russen und Serben. Doch fehlen bei ihm die schrillen antisemitischen und ausländerfeindlichen Töne von Karatzaferis, sofern es sich bei den Ausländern um andere Christen oder gar Muslime handelt.

Von der allgemeinen Rückbesinnung auf Griechenlands orthodoxes und nicht nur klassisches Erbe sind Kommunisten (KKE) und Radikale Linke (Syriza) keineswegs ausgeschlossen, die ebenfalls zu den Gewinnern dieser Wahl gehören. Der griechische Marxismus war nie Religions- und schon gar nicht Orthodoxie-feindlich: Orthodoxe Bischöfe standen im letzten Bürgerkrieg zwischen 1946 und 1950 im kommunistischen Lager, sogar der Heilige Berg Athos hatte sich vorübergehend zur von einfachen Mönchen statt Äbten geführten Volksrepublik erklärt.

Die seit 30 Jahren größte Niederlage der Sozialdemokraten (PASOK) hängt hingegen auch mit ihrem Antiklerikalismus zusammen, den sie von den griechischen Liberalen zusammen mit deren Wählern übernommen haben. "Papas - Priester" ist in ihren Reihen noch immer ein Schimpfwort!

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