Wenn die Welt in ewiger Nacht versinkt

"Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“, fragte Georg Büchner auch im Dramenfragment "Woyzeck“.

"Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.“ Diese Worte legt Georg Büchner, dessen Geburtstag sich am 17. Oktober zum 200. Mal jährte, seinem müde gewordenen Revolutionär Georg Danton in den Mund. Damit lässt sich vielleicht das, was Büchner, der in seinem kurzen, fiebrigen Leben Mediziner, Naturwissenschaftler, politischer Aktivist und Dichter zugleich war, am bündigsten charakterisieren: ein Anatom. Und ein solcher Anatom war Büchner gleich in doppelter Hinsicht: Ob er als Medizinstudent in Straßburg mit dem Skalpell Fische und Amphibien aufschlitzte, um ihr Nervensystem freizulegen oder ob er mit dem Schreibstift Stücke wie "Dantons Tod“, "Leonce und Lena“, "Woyzeck“, die noch heute zum gültigen Bestand der dramatischen Weltliteratur gehören, oder die bahnbrechende Novelle "Lenz“ schrieb, stets ging es ihm darum, die unter der Oberfläche verborgenen Ursachen der Phänomene unserer Welt und vor allem des Menschen hervorzukehren.

Anschreiben gegen eine verstummende Welt

Zeit seines kurzen Lebens rang das rastlose, bibelfeste Multitalent mit der Ungerechtigkeit der herzlosen Enge der Welt. Als rebellischer Bürgersohn mit physiologischem Blick begehrte er empört gegen die Ausbeutung und Erniedrigung der Armen auf. Ihr Schweiß sei das Salz auf den Tischen der Vornehmen, schrieb er 1834 in der umstürzlerischen Schrift "Der hessische Landbote“. Er empfand es als Skandal, dass das Versprechen der französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht zu Autonomie, Selbstbestimmung und Glück des Individuums geführt haben, sondern in der Despotie der reaktionären deutschen Kleinstaaten zu erstarren drohte. Als sein hessisches Umsturzprojekt scheiterte, er steckbrieflich gesucht wurde, untertauchen musste und die Zweifel am französischen Befreiungsprojekt anwuchsen, nahm er langsam Abschied von den Utopien mit dem umfassenden Erlösungsanspruch. Nicht zuletzt auch in der Einsicht, dass die Verantwortung für das Leid der Welt im Menschen selbst liegt. So versuchte er fortan schreibend gegen das Verstummen der Welt, die Gleichgültigkeit im Angesicht der Ungerechtigkeit anzuschreiben, wobei seine zentrale Frage stets war: "Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“

Genau an dieser Frage aus dem Danton setzt die "Woyzeck“-Inszenierung, die Michael Schottenberg für das Wiener Volkstheater besorgt hat, an. Noch bevor sich die vordere Wand, auf der als blutroter Schriftzug "Woyzeck bête“ geschrieben steht, hebt und den Blick auf einen fensterlosen Raum freigibt, bellt der Marktschreier, der auffallende Ähnlichkeit mit Max Schrecks Nosferatu aufweist, den berühmten Satz ins Publikum. Woyzeck wird am Ende des Dramas zum Mörder. Aber er ersticht nicht seine Peiniger, den Hauptmann (Thomas Kamper), der ihn drangsaliert oder den Doctor (Ronald Kuste), der ihn zu Forschungszwecken wochenlang nur Erbsen fressen lässt, oder den virilen, zupackenden Tambourmajor (Christoph F. Krutzler), sondern Marie (Hanna Binder), seine große Liebe, die Mutter seines Kindes und der einzige Mensch, der je gut zu ihm war.

Tatsächlich ist die Ähnlichkeit des Marktschreiers mit dem Untoten aus Murnaus Filmklassiker nicht zufällig. Während Haymon Maria Buttinger als Woyzeck hörbar bemüht ist, "Misery Is The River Of The World“ in heiserem Tom Waits-Sound zu singen, werden die anderen Figuren des Stückes vom Schnürboden herabgelassen. In ihren hellen Kostümen und den bleichen Gesichtern wirken sie wie die blutleeren Zombies aus "The World Of The Walking Dead“.

Eine Welt wie ein Sarg ohne Entrinnen

Es wird überdeutlich: diese Welt, die kein Erbarmen kennt, ist ein Gefängnis mit ewiger Nacht, aus der es kein Entkommen gibt (Bühne: Hans Kudlich). Auf- und Abtritte gibt es während der 90 Minuten, wenn sich kurz eine Luke in der Wand öffnet, wie beim Auftritt von Karl, dem Narr (Matthias Mamedorf), der als Riesenbaby in Windeln mit schlohweissem Haar wie von Geisterhand in diese Höllenwelt geworfen wird. Meist aber öffnet sich die Erde, wie ein Sarg, der die Figuren verschluckt oder ausspuckt.

Die düstere, szenisch recht schlüssige Interpretation wird mit zunehmender Dauer - ironischerweise - gerade durch Tom Waits Musik geschwächt. Was als Publikumsmagnet wirken sollte und es sicher auch tut, den "Woyzeck“ in der "leichteren“, amerikanischen Fassung von Robert Wilson und Tom Waits zu spielen, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits wird der fragmentarische Text durch die für sich großartigen Songs von Waits zusammengehalten. Die Musikeinlagen, die als Sprache des Herzens (etwa bei "Coney Island Baby“), als innere Stimme ("Everything Goes To Hell“) oder als epischer Kommentar ("God’s Away On Business“) verschiedene Funktionen übernehmen, wirken von Anfang an als Fremdkörper. Das liegt weniger an den Interpretationen der Darsteller, die unterschiedlich gelungen sind, sondern vielmehr an dem Umstand, dass sie kaum zu verstehen sind; vor allem aber, dass sich die in Englisch vorgetragenen Liedtexte nicht mit Büchners Text, der teils hochdeutsch, teils in leicht hessischem Dialekt gesprochen wird, verbinden. So wird der Abend zu einer Art Musical, das fatal an eine der unsäglichen Talenteshows erinnert, vor allem wenn versucht wird, wie Waits zu klingen.

Damit aber gerät dieser Woyzeck in diametralen Gegensatz zu Büchners Intention, uns für eine andere Welt zu sensibilisieren. Eine, die das Eigene, Selbstbestimmung und Autonomie ernst nähme und das Gefühl des immer schon Gestorbenseins, von dem er im berühmten Fatalismusbrief an seine Verlobte Minna Jaeglé schrieb, aufhebt. Diese Welt dagegen ist aber doch wie unsere, gespenstisch fremd.

Woyzeck - Volkstheater Wien

10., 13., 19., 22., 28., 29. Dezember 7., 16., 17., 21. Jänner

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