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Feuilleton

Ein Bild von einem Land

1945 1960 1980 2000 2020

Heimatfotografie kommt harmlos daher, hat es aber ideologisch faustdick unter der idyllischen Oberfläche -und arrangiert sich prächtig mit der Macht.

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Heimatfotografie kommt harmlos daher, hat es aber ideologisch faustdick unter der idyllischen Oberfläche -und arrangiert sich prächtig mit der Macht.

Kernige Menschen, die mit harter Arbeit einer wunderschönen Natur ein karges, aber glückliches Leben abringen -hartnäckig hält sich dieses Bild von Österreich und seiner Bauernschaft und geistert bis heute in so manchen Köpfen herum.

Zum Beispiel im Kopf eines Berliner Journalisten, der für einen großen deutschen Privatsender eine Reportage über das entbehrungsreiche Landleben in Österreich drehen wollte. Der Journalist fragte unlängst bei der Pressestelle des österreichischen Bauernbunds an, um für einen "Reporter-Selbstversuch" einen Bauernhof zu finden: "Es sollte sich um einen möglichst altertümlichen Hof handeln Ziel des Beitrags ist es, die Reporterin in möglichst vielen typischen Situationen zu zeigen, die zum bäuerlichen Alltag gehören, für den modernen Stadtmenschen aber inzwischen vollkommen ungeläufig sind (Kühe und Ziegen melken, Schafe scheren, Ställe ausmisten, Hühner rupfen, evtl. Tiere schlachten, im Heu schlafen, Korn schroten, Brot backen ). Wenn der Hof zusätzlich noch so abgeschieden ist, dass es keine Strom-und/oder Wasserversorgung gibt, wäre das ein zusätzlicher Pluspunkt."

In ihrer (via Facebook publizierten) Antwort rät die Pressesprecherin des Bauernbunds dem Journalisten einen derartigen Hof in Moldawien oder den rumänischen Karpaten zu suchen: "Kein Strom, kein Wasser!? Was denken Sie, wie Bauern im 21. Jahrhundert in Mitteleuropa leben und arbeiten, wenn sie eine moderne Lebensmittelproduktion betreiben? Bei einem pro Kopf Verbrauch von knapp 70 Kilogramm Fleisch pro Jahr, wird das einzelne Huhn nicht mehr von Hand geschlachtet und gerupft. Das wäre ein die Realität wirklich grob verzerrendes Bild."

Fotografie, Politik und Ideologie

Von (Österreich-)Bildern und der von ihnen vermeintlich abgebildeten Realität handelt auch die aktuelle Ausstellung "Heimatfotografie in Österreich" im Wiener Photoinstitut Bonartes. Der Untertitel "Eine politisierte Sicht von Bauern und Skifahrern" zeigt die Stoßrichtung dieser Schau, geht es doch "um die heiklen Verflechtungen von Fotografie und politischen Ideologien": Wie haben sich Fotografen in den Dienst autoritärer Systeme gestellt, aber auch, wie wurden ihre Bilder für Weltanschauungen "gefügig" gemacht?

Nach dem Besuch der Ausstellung und Lektüre der gleichnamigen Publikation von Elizabeth Cronin erscheint die Anfrage des Journalisten jedenfalls nicht mehr ganz so abstrus. Der Blick zurück schärft die Sicht auf die Gegenwart und führt zur Frage: Wie "realistisch" sind denn die heute von Tourismuswirtschaft und Heimatzeitschriften arrangierten Bilder vom Landleben in Österreich? Vom glücklichen Schweinderl und seinem Bauern aus der Werbung gar nicht zu reden Auch heute werden Bilder "gefügig" gemacht oder wie Cronin schreibt: "So unleugbar Fotografien als Bilddokumente stets überzeugend sind, so sehr hindert ihre visuelle Syntax sie daran, die Wahrheit zu sprechen."

Dabei hat gerade die Heimatfotografie in der Zwischenkriegszeit des vorigen Jahrhunderts für sich in Anspruch genommen das Gute, Wahre und Schöne zu zeigen. Cronin: "Die romantische Natur galt als etwas Authentisches, bot sie doch eine Quelle der Erfüllung und fungierte als Gegenpol zum städtischen Leben." Hier zeigt sich eine interessante Parallele zur Bonartes-Ausstellung "Die herrlichen schwarzen Menschen" vom Vorjahr (Die FURCHE 38/2014). So wie die Fotos des Wiener Afrika-Reisenden Hugo Bernatzik aus den 1920er-Jahren den Zauber der primitiven, aber glücklichen Menschen im Sudan zeigten, so verklärte die Heimatfotografie in dieser Zeit die Bauern und Dorfbewohner auf romantische Weise zu "edlen Wilden" und "positiven Anderen" im eigenen Land, die -fest in Tradition und Glaube verwurzelt -ein hartes und bescheidenes, aber trotzdem (oder deswegen) ein zufriedenes Leben führen.

Spätzünder Österreich

Im Unterschied zu Deutschland war die Heimatfotografie in Österreich ein Spätzünder. Das lag vor allem daran, dass man nach dem Zerfall der Habsburger-Monarchie im Überbleibsel "der Rest ist Österreich" anfangs keine Heimat sehen wollte. Erst in den 1930er-Jahren entwickelte sich im Gefolge der renommierten Fotografie-Professoren Rudolf Koppitz und Peter Paul Atzwanger auch in Österreich die Heimatfotografie als eigenständiges Genre -und nahm für sich gleich eine Sonderstellung in Anspruch: "Es gibt eine österreichische Photographie, und sie ist anders als die fremde. Sie ist romantischer, bildhafter, inniger als die internationale." Und sie ist weniger nationalistisch und rassistisch als die Heimatfotografie in Deutschland, die sich schnell der nationalsozialistischen Order unterwirft: "Deutscher Heimatfotograph, Deine Arbeit ist Dienst am Volk und Vaterland."

Die Arbeit des österreichischen Heimatfotografen (es sind vor allem nur Männer) besteht in den 1930er-Jahren darin, die Ideologie des Ständestaats mit Bildern zu unterfüttern und damit ein eigenständiges Österreich-Bild zu gestalten, das traditionell und modern gleichzeitig sein sollte. Eigentlich ein Widerspruch und doch auch wieder nicht. Auch der deutsche Bundespräsident Roman Herzog hat 1998 Bayern zu einer geglückten "Symbiose aus Laptop und Lederhose" gratuliert, und der Slogan wurde von den CSU-Ministerpräsidenten gern ins Standardrepertoire bayerischer Selbstdefinition übernommen. Oder um noch einmal auf den Bauernbund und sein Bilder-Repertoire zurückzukommen: Wollen nicht auch die Jungbäuerinnen-und Jungbauern-Kalender zeigen, dass jung, modern, frech und vor allem schön durchaus mit Tradition und Scholle in Einklang zu bringen ist?

"Illusion der Unschuld"

Das Paradebeispiel für diese Symbiose im Ständestaat war jedenfalls die Großglockner Hochalpenstraße: Die Schönheit der Bergnatur und der Erfolg modernster Technik auf einem Bild. Kein Wunder, dass eine riesige Fotomontage dieses Sujets den Österreich-Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937 zierte -und auch die derzeitige Bonartes-Ausstellung schmückt. Bei deren Eröffnung sagte Elizabeth Cronin, dass man sich nicht täuschen solle, "die Heimatfotografie kommt harmlos daher, ist es aber nicht". Sie hat es ideologisch faustdick unter der idyllischen Oberfläche. Und sie ist eine Anpassungskünstlerin: Mit anderen Bildtexten reüssieren die gleichen Fotos im Ständestaat genauso wie in der NS-Diktatur -von "Gott und Boden" zu "Blut und Boden"! Aber auch der jungen Zweiten Republik verhilft die Heimatfotografie zu einer neuen auf Althergebrachtem beruhenden Identität und leistet der nur zu gern geglaubten "Illusion der Unschuld" Vorschub.

Dem Motto, was kümmern die Zeiten, (m)eine Heimatfotografie passt immer, folgt zum Beispiel das Bild einer Heu rechenden alten Frau von Simon Moser, in jungen Jahren Heimatfotograf, später Philosoph und Mitbegründer des Europäischen Forum Alpbach. Mit einem an den jeweiligen politischen Kontext angepassten Bildtext erscheint das Foto in Mosers Bildbänden "Österreichs Bergwelt und Bergvolk" (1937), "Deutsche Bergbauern"(1940) und "Lebendiges Tirol"(1946). Ein Beispiel von vielen.

Elizabeth Cronins Fazit: "Als Bilder, die vorgeblich für sich selbst sprachen, konnten die Fotografien auf vorteilhafteste Weise gedeutet werden und wurden es auch. Die Zusammenhänge, in denen Nachkriegsheimatsfotografien auftauchten, forderten keine Konfrontation mit der Vergangenheit ein. Nach und nach spiegelten die Bilder die Entwicklung eines modernen Landes in der Gegenwart wider und halfen so letztlich, für Österreich eine Identität zu begründen, die modern und neu war." Was nicht heißt, dass in so manchen Köpfen nicht noch immer ein anderes Bild von Österreich herumgeistern kann.

Heimatfotografie in Österreich -Eine politisierte Sicht von Bauern und Skifahrern Ausstellung bis 8. Mai Photoinstitut Bonartes www.bonartes.org

Heimatfotografie in Österreich Eine politisierte Sicht von Bauern und Skifahrern Von Elizabeth Cronin Fotohof edition 2015. 240 Seiten, 75 Abb., brosch., € 24,-