Wer liebt, der kritisiert offen

1945 1960 1980 2000 2020

In seinem Buch zur Reform des Papsttums analysiert John R. Quinn, Alterzbischof von San Francisco, die Kirchenspitze - kompetent, loyal, schonungslos.

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In seinem Buch zur Reform des Papsttums analysiert John R. Quinn, Alterzbischof von San Francisco, die Kirchenspitze - kompetent, loyal, schonungslos.

Johannes Paul II. veröffentlichte seine Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" ("Daß sie eins seien") zwar schon 1995. Doch in letzter Zeit kam das Dokument wieder in die theologische Diskussionen, vor allem dort, wo über das Papstamt in der Kirche nachgedacht wird. Auch bei einem Symposium zum Thema, das dieser Tage in Innsbruck stattfindet (vgl. furche 10/2000) wird "Ut unum sint" kaum unerwähnt bleiben, denn Johannes Paul II. fordert in dieser Enzyklika auf, über das Papstamt nachzudenken, und er richtet diese Einladung auch und gerade an die Christen und die Theologen der getrennten Kirchen .

Auch John R. Quinn, von 1977 bis 1995 Erzbischof von San Francisco, beruft sich auf die päpstliche Einladung, wenn er über ein Papsttum nachdenkt, das die Notwendigkeiten des dritten Jahrtausends und vor allem das Ziel der Einheit der Christen im Auge behält. Im Dezember 1999 veröffentlichte Quinn dazu das Buch "The Reform of the Papacy": dieses stellt eine Weiterführung jenes theologischen Vortrags dar, mit dem er 1996 in Oxford Furore machte, und der ihm das Attribut eines scharfen Kritikers der Kurie eintrug.

Zweifellos gehört der seit fünf Jahren emeritierte Quinn zu den "Liberalen" unter den US-Bischöfen, was ihm in Rom kaum Freunde machte. Doch wenn er mit einigen Entwicklungen in der katholischen Kirche auch hart ins Gericht geht, wird jedem Leser klar, daß seine Loyalität und seine Dialogbereitschaft außer Zweifel stehen.

Quinn bezeichnet die Enzyklika "Ut unum sint" als revolutionär, weil sie das "synodale Modell der Kirche" festhalte und betone, "daß der Papst ein Mitglied des Bischofskollegiums ist, und daß der Primat in einer kollegialen Weise ausgeübt werden soll". Diese Frage hält der emeritierte Erzbischof gerade in bezug auf die Ökumene für äußerst wichtig; er weist darauf hin, daß es in den anderen Kirchen die Angst gibt, ein gemeinsamer Papst würde in die Angelegenheiten lokaler und regionaler Kirchen "willkürlich eingreifen": Auch von diesem ökumenischen Aspekt her ist es für Quinn notwendig, innerhalb der katholischen Kirche selbst darüber nachzudenken, was in ihrer Leitung reformiert werden muß.

Neben ausführlichen historischen Exkursen spricht Quinn klare Kritik aus. Er weist nach, wie notwendig diese Kritik als "Nährboden der Reform" ist. Allerdings diagnostiziert er innerhalb der Kirche Widerstand gegen Reform, und - noch mehr - Widerstand gegen Kritik. Quinn zitiert das Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano zugeschriebene Diktum: "Chi ama non critica" - "Wer liebt, kritisiert nicht", und er setzt hinzu: "Dieser Ausspruch trifft die Haltung vieler in Rom und vieler Katholiken auf der ganzen Welt."

Erzbischof Quinn führt viele Beispiele wichtiger Kritik an, darunter auch den Brief von Innsbrucks Bischof Reinhold Stecher, in dem dieser 1997 Papst und Kurie kritisierte, ebenso nennt er die Kritik Kardinal Königs an der Glaubenskongregation, die dieser 1999 in der englischen Wochenzeitung "The Tablet" äußerte: Die kirchlichen Verhältnisse Österreichs sind in Quinns Buch überhaupt an mehreren Stellen präsent.

Der Erzbischof zeigt offen auf, daß von der - auch in "Ut unum sint" bekräftigten - Kollegialität der Bischöfe mit dem Papst in der Praxis wenig übrigbleibt. Auch dafür bringt er Beispiele. Etwa die - von der Kurie betriebene - Lähmung von Bischofssynoden, wo keine Diskussion zugelassen wird: Quinn beschreibt, wie bei der Asien-Bischofssynode 1998 bereits vier Tage bevor (!) die Reden im Plenum beendet waren, der Bericht über diese Plenumsreden verfaßt war. Auf derselben Synode wurde den Bischöfen von hohen Kurienvertretern nahegelegt, in den abschließenden Propositionen keinesfalls das Wort "Subsidiarität" zu verwenden - obwohl viele Synodenväter genau diese Subsidiarität der Ortskirche vor der römischen Zentrale gefordert hatten.

John Quinn selbst hat am eigenen Leib verspürt, wozu Kritik führen kann: 1997 war er von den US-Bischöfen als Delegierter für die Amerika-Bischofssynode nominiert worden. Ganz offensichtlich wegen seines kritischen Vortrages in Oxford 1996 (siehe oben) wurde die Geschäftsordnung der Bischofssynode so verändert, daß Quinn nicht mehr teilnehmen konnte. Quinn nimmt im Buch auf diesen Vorgang zwar keinen Bezug, aber auch diese persönliche Zurücksetzung fügt sich in die von ihm angeführten Beispiele, die im wesentlichen auf eine Kritik am römischen Zentralismus hinauslaufen.

Was schlägt Erzbischof Quinn vor, um die Situation zu bewältigen? Zum einen propagiert er einen ernsthaften Ausbau der Kollegialität der Bischöfe. Das bedeutet für ihn eine Stärkung der regionalen Bischofskonferenzen. Tatsächlich, so Quinn, ist die Entwicklung derzeit gegenläufig: Rom schränkt die Handlungsmöglichkeiten von Bischofskonferenzen stark ein; daneben fordert er, die Bischofssynode zu einem Organ der Kollegialität zu machen - und meint damit etwas wesentlich anderes als die heutigen Bischofssynoden.

Weiters sieht der Erzbischof - wie viele vor ihm - daß sich auch in der Art der Bischofsbestellungen etwas in Richtung der Beteiligung der Ortskirche ändern muß. Es gelingt aber auch ihm nur schwer, Konkretes zu formulieren. In bezug auf den Papst selbst plädiert Quinn für eine stärkere Betonung des Bischofsamtes des Papstes, der ja auch Bischof der Diözese Rom ist. Dazu schlägt er eine Reform der Papstwahl vor - neben den Kardinälen könnten ostkirchliche Patriarchen und Vertreter von Laienorganisationen wählen. Die Rolle der Kardinäle wäre ebenfalls neu zu definieren. Schließlich plädiert Quinn für eine Kurienreform, die eine echte Internationalisierung bringt; außerdem sollten mehr Laienexperten und weniger Bischöfe und Priester an der Kurie tätig sein, die Amtszeit für die Kurienspitzen müsse begrenzt werden.

Abschließend bekräftigt Quinn, daß für ihn "in der Ausübung des Papstamtes zwei Dinge ... das größte Problem für die Kirche und für die Einheit der Christen darstellen: Das erste ist der Zentralismus; das zweite die Notwendigkeit einer Kurienreform."

Quinns Buch ist in erster Linie wegen der offenen Darstellung der Probleme lesenswert. Die Lösungsvorschläge nehmen vergleichsweise wenig Platz ein und erscheinen eher angedeutet.

"Quinns Buch, wäre es - sagen wir - 1965 veröffentlicht worden, hätte wenig Reaktion hervorgerufen. Heute scheint es mutig, gar radikal zu sein." Auf diesen Punkt bringt es der Cambridger Theologe Nicholas Lash in der englischen Wochenzeitung "The Tablet". Und der Rezensent im amerikanischen "National Catholic Reporter" empfiehlt, jedem US-Bischof ein Exemplar zu kaufen.

Dieser Empfehlung kann man sich - auch den österreichischen Episkopat im Blick - nur anschließen. (Leider ist das Buch zur Zeit nur auf englisch erhältlich.) Auffallend bleibt aber, daß bischöfliche Überlegungen, wie sie auch John Quinn anstellt, zur Zeit nur von emeritierten Amtsträgern oder solchen, die nicht in der "ersten Reihe" stehen kommen (vgl. Bischof Helmut Krätzl zum Verhältnis von Lehramt und Theologie, furche 8/2000).

Auch das ist ein untrügliches Symptom für jene Kirchenlage, die Erzbischof Quinn kompetent beschreibt.

The Reform Of The Papacy. The Costly Call For Christian Unity. Von John R. Quinn. The Crossroad Publisihing Company, New York 1999. 190 Seiten, geb., öS 292,-/e 21,08

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