Viennale: Siberia - © Foto: Filmladen
Film

Festival-Impressionen: Ein neues Viennale-Gefühl

1945 1960 1980 2000 2020

FURCHE-Redakteur Otto Friedrich über das neue Viennale-Gefühl.

1945 1960 1980 2000 2020

FURCHE-Redakteur Otto Friedrich über das neue Viennale-Gefühl.

Das neue Viennale-Gefühl: keine Trauben von Kartenbesitzern vor den Kinos – und dann, wenn der Einlass beginnt, Kampf um die besten Plätze. Denn in Coronazeiten gehört freie Platzwahl der Vergangenheit an – und jeder zweite (manchmal jeder dritte) Platz ist mit einer blauen Viennale-Schärpe blockiert. Beschaulicher also das Treiben in den traditionellen fünf Viennale-Kinos, dafür beteiligten sich fünf weitere (Programm-)Kinos an den abendlichen Viennale-Vorstellungen, sodass bis zu vier Vorstellungen pro Film möglich wurden. Der Eröffnungs- und der Abschlussfilm wurde überhaupt in allen Kinos gezeigt. Auf diese Weise durfte sich die Viennale über 42.000 Besucher(innen) freuen.

Dass es keine Covid-19-Fälle gab, zeigt: das Gesundheitskonzept hatte gepasst (siehe Interview mit den Viennale-Chefinnen). Dass die Viennale zu Ende gehen konnte und nicht abgebrochen werden musste, scheint dennoch eine Gunst der Stunde gewesen zu sein. Trotz aller erfolgreichen Bemühung des Festivals, zu zeigen, wie sehr man Corona im Griff hat, kam die Botschaft bei der Politik nicht an: Kaum schloss die Viennale ihre Pforten, wurden alle Kinos erneut für Wochen zugesperrt. Das künstlerische Programm des diesjährigen Festivals konnte sich trotz aller Widrigkeit sehen lassen, so brachte die „Feier“ des 60. Geburtstags von Christoph Schlingensief mit einem Tribute Avantgardekino der 1980/90er Jahre zurück in die Kinos.

In ihrer nun dritten Saison hat Viennale-Leiterin Eva Sangiorgi einmal mehr klargemacht, woher sie kommt, zum zweiten Mal bestritt italienisches Kino die Eröffnung und den Schluss des Festivals: „Miss Marx“ entpuppte sich als geglückter Versuch von Regisseurin Susanna Nicchiarelli, ein Biopic über die vergessene Tochter des Sozialismusgründers Karl Marx. Und der Schlussfilm „The Truffle Hunters“ ist nicht nur ein heißer Tipp für den Dokumentarfilm-Oscar, sondern eine unvergessliche Hommage an die italienischen Trüffelsucher, eine aussterbende Berufsgruppe.

Ein subjektives Highlight war Abel Ferraras Innenweltschau „Siberia“ mit Willem Dafoe in der Hauptrolle, das vielschichtige Werk ist nicht allen zugänglich, wird Cineasten aber wohl länger beschäftigen – Altmeister Ferarra ließ es sich nicht nehmen, selber bei der Viennale dabeizusein. Näher an aktuell gesellschaftspolitischen Settings war ADN (DNA) der französischen Regisseurin-Darstellerin Maïwenn über die kulturellen Verflechtungen und Abgründe einer franko-algerischen Familie – Multikulti mit Problemen. Und Gianfranco Rosis neuer Dokumentarfilm „Notturno“, für den er drei Jahre im Grenzgebiet Irak-Kurdistan-Türkei-Syrien und Libanon verbracht hat, war – ohne dass die späteren Anschläge in Wien vorherzusehen waren – ein Tableau des Lebensgefühls zwischen Dauerkrieg, Religion, Politik und dem einfachen Überleben. Rosi war via Video als vergnüglicher Gesprächspartner im Saal anwesend – eine neue Form der Kommunikation aus dem Wohnzimmer des Filmemachers in den Kinosaal hinein. Auch derartig neues Erleben hielt die Viennale 2020 bereit.