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Fundgrube für Cineasten

Die Viennale, heuer zum 40. Mal veranstaltet, bietet traditionell einen Querschnitt durch das Weltkino, bei dem die Filme und nicht die Stars im Vordergrund stehen.

Mit dem roten Seestern auf gelbem Grund, der allerorts die Straßen Wiens ziert, geht die Viennale auf Nummer sicher: Im Vorjahr war es ein blauer Himmel, der das Plakat schmückte. Die beiden Flugzeuge darauf mussten nach dem 11. September herausretuschiert werden. Das wird mit dem auffälligen, aber harmlosen Seesternchen wohl nicht passieren.

Auch finanziell steht die Viennale, die größte heimische Filmschau, die von 18. bis 30. Oktober stattfindet, auf sicherem Grund: Das Gesamtbudget des Festivals, dem in seiner nunmehr 40-jährigen Geschichte bereits mehrfach das Aus drohte, beträgt satte zwei Millionen Euro, davon kommen 1,2 Millionen von der Stadt Wien und 161.000 vom Bundeskanzleramt. Den Rest bilden Sponsorengelder und Eigenmittel aus dem Kartenverkauf.

Sichere Renner

Auch programmlich hat die Viennale heuer überwiegend sichere cineastische Renner im Angebot. Einmal mehr zeigt Viennale-Chef Hans Hurch mit seiner Filmauswahl, dass die Wiener Filmschau das Festival der Festivals ist - freilich nicht im Sinne ihres weltweiten Bekanntheitsgrads, aber zumindest in der Auswahl der Filme: Denn bei der Viennale finden sich heuer wieder die Highlights der großen Filmfestivals dieser Welt: Cannes, Berlin, Venedig oder Locarno.

Dass die Viennale ein "Best-of"-Festival ist, wird von den Organisatoren selbst nicht so gern gehört. Dabei hat dieser Umstand nur positive Auswirkungen: Filme, die normalerweise nie oder erst viel später ihren Weg auf heimische Leinwände finden, können hier dem filminteressierten Publikum gezeigt werden. Denn die Viennale ist - im Gegensatz zu den ganz Großen - ein Publikumsfestival. Wichtig waren bei der Viennale immer schon die Filme, und nicht so sehr, wer sich am roten Teppich die Hände schüttelt - weshalb das Festival international bereits den Ruf genießt, eine wahre Fundgrube für Cineasten zu sein. Auf der Viennale, heißt es immer wieder, zählen die Filme noch etwas.

Wer nur wenig Zeit hat, den Dschungel der rund 200 Filme, die auf dem Programm stehen, zu bewältigen, muss sich auf einige Highlights beschränken: Dazu gehört heuer etwa Mike Leighs neues, in Cannes uraufgeführtes Werk "All or Nothing", das sich mit der sozialen Realität im United Kingdom auseinandersetzt, oder Takeshi Kitanos wunderbar fotografierter neuer Film "Dolls", der in Venedig Premiere hatte. Von der Berlinale kommen zwei der bemerkenswertesten deutschen Filme der jüngeren Zeit: "Halbe Treppe" von Andreas Dresen und "Bungalow" von Ulrich Köhler, die sich fernab von gewohnten deutschen Blockbuster-Anbiederungen dem germanischen Alltagsleben widmen, mit stilistisch unterschiedlich umgesetzten, aber nahe gehend erzählten Geschichten. Neben neuen Filmen von Otar Iosseliani, Aki Kaurismäki, Manoel de Oliveira, Lee Chang-Dong oder Gus van Sant sticht vor allem der schwedische Film "Lilya 4-ever" von Lukas Moodysson aus dem Spielfilmprogramm, der in Venedig seine umjubelte Premiere hatte. Moodysson erzählt darin die Geschichte einer 16-jährigen Russin, die, um im postkommunistischen Osten überleben zu können, in die Kinderprostitution schlittert. Der Film ist ein absolutes Muss für jeden Viennale-Besucher. Am Rande des Festivals rundet eine Retrospektive des Gesamtwerks von Jacques Rivette das Programm gemeinsam mit Tributes an Sissy Spacek, Jürgen Böttcher, Kameramann Ed Lachman und Yoko Ono ab.

Trotzdem sich die Viennale nie als Plattform für den österreichischen Film begriffen hat, werden in diesem Jahr auch einige bemerkenswerte heimische Produktionen gezeigt, darunter Andrea Dusls "Blue Moon" und Bady Mincks "Am Anfang war der Blick".

Verstreute Kinos

Dass die Viennale kein A-Festival ist (sie könnte eines sein!), liegt an ihrer Programmierung ebenso wie an der etwas unrunden Aufteilung der bespielten Kinos: Ein Festival-Zentrum wie bei den ganz Großen gibt es nicht, die Kinos Gartenbau, Metro, Künstlerhaus und Stadtkino sind zwar würdige Spielstätten, liegen aber zu weit auseinander, um einen einheitlichen Festspielcharakter zu erzeugen. Ein Kinozentrum nach dem Vorbild des Museumsquartiers würde der Viennale mit Sicherheit mehr Bedeutung geben. Immerhin: Die französische Filmemacherin Agnès Varda hat die Viennale heuer für die Welturaufführung ihres neuen Films "Deux ans après" ausgewählt: Ein Vertrauen, das zeigt, welches internationale Potenzial für die Viennale vorhanden wäre, würde man Film in Österreich nur endlich zur Chefsache erklären.

Internet-Tipp

Das komplette Programm unter www.viennale.at

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