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"Déformation professionelle" durch Politik?

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In seinem Buch "Mensch bleiben in der Politik" eruiert Clemens Sedmak, unter welchen Umständen ein aufrechtes Leben im politischen Geschäft möglich ist. Annäherungen an einen unmöglichen Beruf -der nach Donald Trump noch etwas unmöglicher wurde.

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In seinem Buch "Mensch bleiben in der Politik" eruiert Clemens Sedmak, unter welchen Umständen ein aufrechtes Leben im politischen Geschäft möglich ist. Annäherungen an einen unmöglichen Beruf -der nach Donald Trump noch etwas unmöglicher wurde.

Donald Trump sprengt alle Kategorien - sogar jene von Clemens Sedmak. Der umtriebige Präsident des Internationalen Forschungszentrums für soziale und ethische Fragen in Salzburg (IFZ) und seine Kollegen Elisabeth Buchner und Mario Wintersteiger hatten wohl so manche schillernde Persönlichkeit im Kopf, als sie darangingen, die Frage nach dem Menschsein -und Mensch bleiben -im Politikbetrieb zu stellen. Aber ein impulsgetriebener Narzisst im Weißen Haus? Das hätte nicht einmal Sedmak imaginieren können.

Dass emotional nicht sehr ausbalancierte Persönlichkeiten ganz nach oben kommen, ist freilich nicht ungewöhnlich. Der US-Psychiater Arnold M. Ludwig hat für seine monumentale Studie "King of the Mountain" hunderte Karrieren von politischen Größen des 20. Jahrhunderts analysiert - und am Ende unter dem Titel "The Seven Pillars of Political Greatness" sieben Charaktereigenschaften definiert, die quasi zur Führungspersönlichkeit prädestinieren würden. Da wären also: 1. ein dominantes Auftreten in Verbindung mit organisatorischem Talent, 2. eine gewisse Widerborstigkeit bzw. Neigung zum Aufbegehren, 3. eine charismatische Erscheinung bzw. geheimnisvolle Ausstrahlung, 4. die Fähigkeit und auch Bereitschaft, große Veränderungen herbeizuführen, 5. ein beträchtliches Ausmaß an Eitelkeit und Sendungsbewusstsein, 6. ausreichend Mut bzw. Risikobereitschaft - und schließlich 7. eine ruhelose Psyche.

Donald Trump hat nicht wenige dieser Indikatoren zu bieten. Doch was ist mit all den anderen Eigenschaften, die sich die Bürgerinnen und Bürger gemeinhin von Politikern wünschen? Ehrlichkeit? Verantwortungsbewusstsein? Integrität? Beim US-Präsidenten waren sie plötzlich nicht mehr von Belang. Und auch im hiesigen Polit-Alltag kommen sie leicht unter die Räder, offenbart Sedmaks Buch "Mensch bleiben in der Politik", das im September erschienen ist. Basis dafür waren 15 anonymisierte Tiefeninterviews, die Elisabeth Buchner -wissenschaftliche Mitarbeiterin am Salzburger IFZ -mit Politikerinnen und Politikern aus unterschiedlichen Ebenen und Parteien geführt hat.

Dicke Haut und Leben in Blasen

Tatsächlich erscheint dabei Politikerin oder Politiker als schier unmöglicher Beruf. Leidenschaft, Medientauglichkeit und innere Mehrsprachigkeit, um mit Menschen unterschiedlichster Lebenswirklicheiten reden zu können, sind ebenso gefragt wie rasche Auffassungsgabe, Entscheidungsfreude, Ausdauer und Fähigkeit zum Unvollkommenen. Entsprechend zahlreich sind die Belastungen, von denen die 15 Befragten berichten: die "Ungleichzeitigkeit" zwischen Medientempo und Systemträgheit etwa, die körperliche Erschöpfung durch Stress, Schlaf-und Bewegungsmangel, das Ende der Privatheit, die Schwierigkeit, ehrlich zu bleiben und die permanente Kritik, vor der man sich gern durch Zynismus, eine immer dickere Haut und eine selbsttäuschende "Blase" aus Jasagern flüchtet. Sie schützt eine Zeit lang -aber sie führt zugleich zur Selbsttäuschung. Am Ende dieser speziellen "déformation professionelle", dieser schleichenden Veränderung eines Menschen durch seine politische Profession, glauben nicht wenige dem Personenkult, der ihnen entgegengebracht wird - und fallen spätestens nach ihrem Rücktritt oder ihrer Pensionierung in ein tiefes Loch.

Was dagegen hilft? Laut Sedmak vor allem geschützte Rückzugsorte und Zeiten für Familie und Freunde, das Setzen von Prioritäten, weil Weltrettungen selten gelingen, sowie ein "guter Alltag", um die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Das Ziel wäre, sich Menschenfreundlichkeit zu erhalten und "politische Klugheit" zu erreichen, die nicht nur dem Machterhalt dient, sondern (wie bei Thomas von Aquin) auch wachsam, umsichtig, empathisch und vorausschauend ist. Dumm nur, dass auch die "Dummheit" - oder sagen wir besser die beschränkte Differenzierungsbereitschaft -große Vorteile in der Politik mit sich bringt: Sie vereinfacht und beschleunigt nicht nur Urteile, sie lässt sich auch strategisch nutzen, um im Sinne populistischer Politik einfache Lösungen zu verkaufen. Der französische Philosoph André Glucksmann hat Dummheit als Fähigkeit beschrieben, "mit großer Überzeugungskraft und ohne Hemmungen von Dingen zu sprechen, von denen man keine Ahnung hat." Die Zeiten stehen gut für Donald Trump.

Mensch bleiben in der Politik Zwischen Bühne und Besonnenheit Von Clemens Sedmak -unter Mitarbeit von Elisabeth Buchner und Mario Wintersteiger. Böhlau 2016.175 Seiten, gebunden, € 23,99

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